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Kattingers Grenzgänge

Etappe 16: Von Hadres nach Laa an der Thaya

von Matthäus Kattinger / 31.10.2015

Credits: GG, FL

Bei Radrundfahrten würde die heutige Etappe wohl als „Roller-Etappe“ taxiert. Zunächst bleiben wir noch in den kleinen Weinbaugemeinden des Pulkautales, dann erwartet uns die einzige Steigung des Tages, die 50 Höhenmeter zu den Kellergassen des Rabenberges. Ein bisschen Gefühl von Industrie stellt sich wenige Kilometer vor dem Etappenziel ein, wenn wir nach dem nah der Grenze liegenden, in die Jahre gekommenen Karlhof das wie aus der Retorte anmutende Werk der Jungbunzlauer vor uns haben. Die im Eigentum der Familie Kahane stehende Fabrik erzeugt Zitronensäure.

Auf der Bundesstraße von Retz nach Laa drehen wir vor dem Gemeindeamt Hadres hinauf zur längsten geschlossenen Kellergasse Österreichs. Doch noch bevor diese beginnt, verabschieden wir uns schon wieder nach rechts. Am Haus der Feuerwehr vorbei führt uns der Weg nach dem Ortsende zunächst durch einen Windschutzgürtel, bis wir eine Viertelstunde später bei einer Kapelle links abbiegen, um nach den wenigen Häusern von Lussfeld den mit seinem weithin sichtbaren Schloss lockenden Doppelort Seefeld-Großkadolz anzusteuern.

Landschaftspflege großgeschrieben

Das auf den Kellergewölben der Kuenringerburg Seefeld aufgesetzte Barockschloss der Familie Maximilian Hardegg ist leider nicht zugänglich. Der Name leitet sich von der Burg Hardegg ab, die jedoch nicht mehr im Besitz der Familie ist. Um das vor zwei Jahrzehnten renovierte Schloss Seefeld herum wurden gemeinsam mit dem Bundesdenkmalamt nach historischen Plänen gestaltete Gärten errichtet.

Die Gutsverwaltung zeigt neben der Landwirtschaft großes Engagement in der Landschaftspflege, war einer der ersten Betriebe, die 2009 außerhalb Deutschlands erstmals in puncto Nachhaltigkeit zertifiziert wurde. Ablesbar ist das in den in den letzten Jahren angelegten Biotopen, Wassergräben, Hecken und Windschutzstreifen.

Nach dem Gasthof Seefelder Hof marschieren wir an Kriegerdenkmal und Friedhof vorbei, um beim Fischerkreuz links abzubiegen. In der Folge steuern wir die Weinkeller an, um uns dort rechts haltend nach Querung des Schatzgrabens zu den knapp unterhalb der Grenze zu Mähren liegenden Weingärten aufzusteigen. Zunächst geht es am Zeißlkreuz vorbei, wenig später – und nur noch knapp einen Kilometer vor der Grenze – biegen wir beim Pettermannkreuz rechts in einen Feldweg ein.

Rund eine halbe Stunde erfreuen wir uns danach an den Weingärten und dem Rundblick (was ein Höhenunterschied von 40 Metern ausmachen kann!). Nach Querung der Straße von Tschechien nach Zwingendorf erreichen wir die Kellergasse („Schwoassa Straßn“). Nach deren Ende bleiben wir zunächst auf einem Güterweg, aus dem dann eine breite Schotterstraße wird – ein dazu passendes, ziemlich ramponiertes Schild dekretiert, dass es sich dabei um einen Radweg handelt (das muss man wirklich dazuschreiben), der sonst nur von Anrainern benutzt werden darf.

Ein Wiedersehen mit der Vergangenheit

Zwischen den Feldern zeichnen sich am Horizont bereits die Konturen der Fabrikanlagen des weltmarktführenden Herstellers von Zitronensäure, der Firma Jungbunzlauer, ab.

Davor tauchen wir mit der Annäherung an den Karlhof noch in eine vergangene Welt mächtiger, aber längst in die Jahre gekommener Bauernhöfe ein, wo offensichtlich das Kapital zur Renovierung fehlt. Fünf Minuten nach diesem landwirtschaftlichen Unikat nähern wir uns dem fast ausschließlich aus der Zitronensäurefabrik der Jungbunzlauer bestehenden Ortschaft Pernhofen.

Die Jungbunzlauer Zitronensäurefabrik der Familie Kahane
Credits: MK

Die Straße (Tafel „zur Bundesstraße 45“) dreht praktisch durch das Betriebsgelände; zunächst queren wir noch im Bereich der Fabriksanlagen die Pulkau, dann die dank des Güterverkehrs aus der Jungbunzlauer hier noch in Teilbetrieb stehende Pulkau-Talbahn, um bei der folgenden Kreuzung nach links in Richtung Wulzeshofen abzubiegen. Zwischen Pulkau und Pulkautalbahn versteckt unter Bäumen findet sich eine sehr großzügig angelegte Gedenkstätte von Heimatvertriebenen aus Südmähren.

Vertriebenen-Denkmal der Erdberger (heute Hrádek; 10 km nordwestlich von Laa) mit der Jungbunzlauer im Hintergrund
Credits: MK

Nach gut zehn Minuten erreichen wir das zu Laa gehörende Straßendorf Wulzeshofen. Wenn die Bundesstraße nach rechts wegdreht, biegen wir bei der Statue des Heiligen Florian links ab. Vorbei an Feuerwehr, Tennisplatz und später an Fußball- und Beachvolley-Ball-Plätzen halten wir uns die nächsten 20 Minuten zur Rechten der nur noch für den Güterverkehr verwendeten Bahngeleise der Pulkautalbahn. Fast unendlich weit dehnen sich die Felder, die den Ruf des Weinviertels als Kornkammer sowie Gemüse- und Weingarten Österreichs begründen.

Ein Kombinat in Sachen Bio

Dann queren wir die Pulkautal-Bahn und nehmen Kurs auf den uns schon seit einiger Zeit ins Auge stechenden Blaustaudenhof.

Von außen wirkt dieser wie ein in die Jahre gekommenes Landwirtschafts-Kombinat, eine Art österreichischer Sowchose, doch verbirgt sich dahinter ein dem Biolandbau verpflichtetes Unternehmen mit modernsten Verarbeitungsmöglichkeiten wie auch Kühl- und Lagerräumen.

Der ausschließlich Biolandbau betreibende Blaustaudenhof westlich von Laa an der Thaya
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Nach einer längeren Passage zwischen Feldern queren wir den Thaya-Mühlbach, den letzten Zufluss zur Pulkau, bevor diese wieder kaum einen Kilometer weiter an der Grenze in die Thaya mündet. Der künstlich angelegte Thaya-Mühlbach liefert im Übrigen die Berechtigung, dass sich Laa überhaupt Laa an der Thaya nennen kann.

Der Thaya-Mühlbach knapp vor der Mündung in die Pulkau
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Wir lassen Thaya-Mühlbach und Pulkau auf ihren letzten Metern allein, biegen 300 m nach der Brücke rechts ab und erreichen nach einem kurzen Stück Wald mit dem Pfaffengraben die Peripherie von Laa.

Zur Peripherie gehört wohl auch der zwei Kilometer südwestlich von Laa liegende 600-Seelen-Ort Hanfthal; der Ort verdankt nicht nur seinen Namen der alten Nutzpflanze Hanf, sondern setzt das vorhandene Wissen seit zwei Jahrzehnten auch wirtschaftlich um, ist es doch seit 1995 landwirtschaftlichen Betrieben in Europa wieder erlaubt, Faser- oder Lebensmittelhanf anzubauen. Die Nische macht sich offensichtlich bezahlt.

Wir aber stehen kurz nach dem Pfaffengraben am Ortsanfang von Laa an der Thaya. Nun mag der Name „Unter der Stadt“ nicht ganz der topografischen Realität entsprechen, aber immerhin bringt sie uns ohne irgendwelche Orientierungsprobleme auf den Stadtplatz mit dem der Neo-Renaissance zugerechneten Neuen Rathaus.