Kattingers Grenzgänge

Etappe 19: Von Bernhardsthal nach Hohenau

von Matthäus Kattinger / 03.11.2015
FL, GG

Auf dieser und den nächsten drei Etappen begleiten wir die Thaya bzw., nach dem Zusammenfluss, die March durch das Europaschutzgebiet March-Thaya-Auen zur Donau. Im Norden des Weinviertels treffen aber auch zwei konträre Interessen aufeinander. Einerseits ist das Weinviertel Kornkammer bzw. Gemüse- und Weingarten Österreichs, andererseits auch die wichtigste österreichische Region der OMV zur Öl- und Gasförderung.

Vom Bahnhof in Bernhardsthal, wo die Extratour zu den Liechtenstein-Schlössern in Valtice und Lednice geendet hat, nehmen wir – mit Blick in Richtung Wien – auf der linken Seite der Gleise den Wiesenweg, der hinter der Rotte als Güterweg zur Bernsteinstraße führt.

Nach einem kurzen Stück nach Süden erblicken wir bei einem Bildstock samt Rastplatz die Aussichtsplattform „Hügelgräber“.

Schautafel zu den Hügelgräbern nahe Bernhardsthal
Credits: MK

Der größte der drei Tumuli ist mit 16 Metern Höhe das größte erhaltende fürstliche Hügelgrab aus der Hallstattzeit in Mitteleuropa.

Hügelgräber im Süden von Bernhardsthal
Credits: MK

Nun schieben sich jenseits der Bahnstrecke Wien–Břeclav–Brünn–Prag die Anlagen der OMV zur Öl- und Gasförderung immer näher heran. Wie das ist mit der Öl- und Gasförderung ist (besonders bei grenznahen Feldern) und was das für die Eigentümer der Felder bedeutet, das soll u. a. in dieser Card geklärt werden.

Als schuldig im Sinne der Anklage bekenne ich gleich, dass ich vergessen habe zu fragen, was denn dann Platz greife, wenn der Zugang zu Öl und/oder Gas direkt unter einem der Tumuli läge.

Unbelastet von solchen Spitzfindigkeiten marschiere ich auf dem Feldweg an den Hügelgräbern in Richtung Thaya-Auen.

Es gibt weit und breit keine Markierung – das gilt übrigens auch für den weiteren Verlauf bis zur Donau. Einige durchgehende (Rund-)Wanderwege in Höhe Marchegg bilden die Ausnahme. Einziger Begleiter ist der rot-weiß-rot markierte ostösterreichische Grenzlandweg 07 – auch wenn dieser zu oft näher an der Bahn als an Thaya und March verläuft.

Damm als besserer Weitwanderweg

Für den Wanderer ist es am klügsten, dem Thaya-March-Damm zu folgen. Dieser ist im Schnitt gut zwei Meter breit und eineinhalb bis zwei Meter höher als die Auen zur Linken und die Felder zur Rechten; allerdings ist der Damm vor allem im ersten Teil zwischen Bernhardsthal und Rabensburg teilweise verwachsen, zumindest steht das Gras oft bis zu einen Meter hoch. Der Damm nähert sich immer wieder der Thaya, zudem gibt es immer wieder Möglichkeiten, für längere Abschnitte direkt an das Ufer auszuweichen.

Selten freier Blick auf die Thaya auf tschechischer Seite
Credits: MK

Jenen, die diese Etappe nachwandern wollen, sei empfohlen, dort, wo sich auf der Höhe von Rabensburg zur Rechten eine Forststraße vom Damm zum Ort hin dreht, den Wiesenweg in die entgegengesetzte Richtung bis an die Thaya zu nehmen und in der Folge am Ufer entlang zu gehen. Allerdings nur bis zu einem über ein Bächlein führenden Metallsteg – denn die dem Ufer folgende Sandstraße endet etliche Minuten später in einem sumpfigen Thaya-Nebenarm.

Schon der Auwald ist alle Mühen des Wanderers wert.

Auwald-Nebeneinander
Credits: MK

Denn mit der Etappe von Bernhardsthal nach Hohenau tauchen wir in das Europaschutzgebiet March-Thaya-Auen mit einer Gesamtfläche von 15.000 Hektar ein.

Das durchwegs satte Grün hat seinen Grund in den regelmäßigen Überschwemmungen von Thaya und March. Zwar hat es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wesentliche flussbauliche Eingriffe gegeben, wie eben die Aufschüttung des Naturdamms, doch trotzdem ist das Überschwemmungsgebiet auf österreichischer Seite noch immer bis zu zwei Kilometer breit. Besonders ausgedehnt ist dieser Gürtel im Bereich um Hohenau sowie auf den ersten Kilometern südlich davon.

Angesichts fehlender Markierungen kann es beim Marsch auf dem Damm leicht passieren, dass man den Schleichweg zur Mündung der Thaya in die March verpasst – und dies erst an der Straße zur Thayabrücke bemerkt. Am einfachsten und sichersten erreichen Sie das Mündungsgebiet, wenn Sie bei einer Doppelsperre des Dammweges links den Karrenweg nehmen.

Bei einer Doppelschranke heißt es abzweigen zur Thaya-Mündung in die March.
Credits: MK

Nach einigen Minuten Auwald bzw. Wiese ist das Ufer erreicht. Von dort begleiten wir die Thaya auf ihren letzten Metern als selbständiger Grenzfluss, kaum 100 Meter weiter kommt bereits die Morava von Nordosten herunter, die über gut 50 Kilometer die Grenze zwischen Tschechien und der Slowakei bildet.

Die letzten Meter der Thaya vor der Mündung in die March
Credits: MK

Das Dreiländereck ist damit nur fiktiv. Auf der österreichischen Seite ist nicht viel mehr als der Grenzstein hinter der Fischerhütte zu sehen, auch auf der gegenüberliegenden Seite des March-Ufers erkennen wir in einigem Abstand mit den Staatswappen bemalte Grenzsteine. Diese Formlosigkeit auf der „anderen Seite“ rührt auch daher, dass sich Tschechen und Slowaken erst einige Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs voneinander – sehr friedlich – getrennt haben.

Grenzeinrichtungen fehlen, haben sich doch Tschechen und Slowaken erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs getrennt.
Credits: MK

Auf der österreichischen Seite ist gerade auf Höhe Hohenau das Ufer mit Fischerhütten völlig zugepflastert. Immerhin kann man gelegentlich noch zum Ufer vorgehen, obwohl sich viele Fischer erdreisten, dies mit Tafeln wie „Zugang nicht gestattet“ zu verhindern. Auf dem Weg am March-Ufer entlang bis zur Autobrücke Hohenau-Moravska stellt sich der Wanderer die Frage, ob es in Hohenau wohl so viele Häuser wie Fischerhütten am March-Ufer gibt?

Das Ufer ist mit Fischerhütten zugepflastert.
Credits: MK


Dabei dürfte sich bei den Fischerhütten am March-Ufer eine ähnliche Entwicklung wie einst bei Schrebergärten anbahnen – sind doch etliche Fischerhütten mittlerweile eher Wochenendhäuser auf Stelzen, wo das Fischen nur mehr Vorwand ist.

Zum Wochenendhaus auf Stelzen fehlt bald nur noch die Satellitenschüssel.
Credits: MK

Dazu passt, dass offensichtlich nicht mehr benötigtes bzw. ausrangiertes Bauholz einfach im Auwald deponiert („vergessen“) wird. Der Gegensatz könnte nicht größer sein, gibt es doch auch wirklich schöne Anschauungsbeispiele dafür, wie sogar direkt am Uferweg Bäume noch verrotten dürfen.

Am March-Ufer ist auch das Verrotten noch erlaubt.
Credits: MK

Inzwischen nähern wir uns dem einzigen Auto-Übergang zwischen der Slowakei und Österreich nördlich der Donau. Die Hohenauer Marchbrücke steht übrigens erst seit 2005 dem Verkehr zur Verfügung – und das mit Einschränkungen.

Annäherung an die Hohenauer Marchbrücke
Credits: MK

Erstens ist der durch eine Ampelanlage geregelte Verkehr immer nur in einer Richtung möglich, zweitens ist die Brücke aus Gründen des Naturschutzes nur jeweils zwischen fünf Uhr früh und Mitternacht befahrbar und drittens wird der Grenzübergang bei einem Pegelstand der March von 4,20 Metern (auf Höhe Hohenau) gesperrt. Eine ausführliche Analyse zu den Versäumnissen im grenzüberschreitenden Verkehr 26 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs folgt aus besonderem Anlass in der übernächsten, der 21. Etappe.

Bis ins Etappenziel Hohenau sind es noch gut 20 Minuten, wobei wir nach einem kurzen Stück auf der Zufahrtstraße zur Brücke nach dem Haus zur Linken auf der rechten Seite den Feldweg hinter dem Gebüsch nehmen, der uns auf einem Karrenweg ins Zentrum bringt – oder der Zufahrtsstraße folgen.