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Etappe 21: Von Stillfried durch die Auen an der March nach Marchegg

von Matthäus Kattinger / 05.11.2015
FL, GG

Wie schon an den zwei vorhergehenden Tagen sind wir auch heute vorwiegend auf dem Dammweg bzw. in oder am Rande der geschützten Natura 2000 March-Thaya-Auen unterwegs.

Auf der Ostseite des Bahnhofs setzt sich der von Dürnkrut herunterkommende asphaltierte Weg parallel zur Bahn und etwa 200 Meter von der March entfernt fort. Eine Tafel belehrt mich, dass ich mich nun im „Naturschutzgebiet Angerner und Dürnkruter Marchschlingen“ befinde.

Die March ist nahe, wiewohl oft Nebenarme und Brackwasser den Grenzfluss vortäuschen.

March-Nebenarm bei Stillfried
Credits: MK

Ein Händler für gebrauchte Möbel lässt sich auf der anderen Seite von Bahn und Bernsteinstraße – jedenfalls was die Schreibung betrifft – alle Möglichkeiten offen: Auf dem Lager steht groß FLOMARKT, die Tafel davor kündet vom Flohmarkt. Meinungsvielfalt oder schon wieder eine neue Rechtschreibung ?

Etwas später blickt die Kuppel der Rochus-Kapelle südlich von Stillfried über die Bäume. Für die Einheimischen heißt sie wegen ihrer runden Form auch Wutzelburg; sie gehört nicht zu Stillfried, sondern zu Mannersdorf an der March. Der an einen Tempel erinnernde Rundbau geht auf ein Gelübde des Feldherren Rudolf von Teuffenbach zurück, das dieser zwischen 1622 und 1634 aufgrund seiner Erfahrungen mit der Pest im Dreißigjährigen Krieg gemacht hatte. Details dazu hier.

Etwa 20 Minuten nach dem Bahnhof Stillfried, wenn Dammweg und Forststraße rechts wegdrehen, nehme ich bei einem Hochstand den halblinks wegführenden Karrenweg, der mich zunächst durch Maisfelder (in Österreich heißt es ja viel malerischer „Kukuruz“) , dann durch den Auwald direkt ans March-Ufer bringt. Wie an einer Perlenschnur aufgereiht, liegen sie in kurzen Abständen da, die Hütten der Fischer mit ihren hochgelagerten Netzen und sogar mit zum Teil hochgefahrenen Zugangstreppen zu den Hütten.

Zwischen Stillfried und Angern reiht sich eine Anglerhütte an die andere
Credits: MK

Etwas später beginnen March und Weg nach rechts zu drehen. Eine frisch gelegte breite Schneise in den Uferwald erweist sich als Sackgasse, dient sie doch vorrangig als Zufahrt zur Ausbaggerung eines Nebenarms der March. Statt ins Unterholz zu flüchten, marschiere ich am frisch ausgebaggerten Nebenarm entlang etwa einen Kilometer nach Westen. Der Verlauf der March lässt sich jedoch gut abschätzen, schauen doch sehr nahe über den Auwald einige Fabriksgebäude aus dem slowakischen Grenzort Záhorská Ves herüber.

Dann nähern wir uns wieder an der March der Rollfähre Angern – Záhorská Ves. Diese Liliput-Fähre kann gerade einmal sechs Personenautos über den Grenzfluss befördern (für einen PKW samt Fahrer sind zwei Euro zu bezahlen). Die Bevölkerung von Angern bleibt ihrer Fähre treu – vor einem Jahr hat man mit großer Mehrheit den Bau einer Brücke über die March abgelehnt (siehe Angern und die Brücken über die March).

March-Fähre Angern
Credits: MK

Schräg gegenüber der Fähre setzt das Stelzen-Haus des Fischereinverbandes einen optischen Kontrapunkt.

Hauptsitz der Angerner Fischer
Credits: MK

Unser Weg führt uns in der Folge auf breiter Asphaltstraße an manch schmuckem Eigenheim vorbei. Vor einer Koppel verengt sich die Straße auf den gewohnten Wiesen-Dammweg, doch dieser erweist sich als Sackgasse. Nach einem kleinen Umweg über die Hauptstraße haben wir unseren gewohnten, parallel zur Straße nach Süden verlaufenden Dammweg wieder.

In der folgenden halben Stunde kommen wir nur gelegentlich ganz an die March heran, meist ist der dichte Auwald dazwischen. Zur Rechten wird der Wechsel vom Weinviertel ins Marchfeld immer deutlicher, Gemüse löst immer öfter Getreidefelder ab, die Erde ist zwar noch nicht so dunkel (schwarz) wie in den südöstlichen Teilen des Marchfeldes, aber jedenfalls deutlich dunkler als im Norden des Weinviertels. Zwischen den Feldern finden sich immer wieder langreihige Photovoltaik-Anlagen.

Eine knappe Stunde nach Angern macht unser Dammweg einen Knick nach rechts, um den Weidenbach über eine Brücke zu queren. Wir marschieren an der Ostseite von Zwerndorf vorbei, deren Kirche wir schon seit mehr als einer Viertelstunde immer wieder herüberleuchten sahen. Dann verengt sich unser Horizont, wird nämlich der Dammweg rechts und links von dichtem Auwald flankiert.

Auf dem Dammweg nach Marchegg knapp vor dem Gas-Hub in Baumgarten
Credits: MK

So geht es einige Zeit dahin, bis die Auwälder zur Rechten von Äckern abgelöst werden, der Blick auf den riesigen, einige hundert Meter zurückgesetzten Industriekomplex der Erdgasaufbereitungsanlage und des Gas-Hubs Baumgarten fällt.

Gassammelstation Baumgarten der OMV
Credits: MK

Es dauert einige Zeit, bis wir den Gas-Komplex aus dem Blickfeld verdrängen. Zu unserer Linken gibt es immer öfter Nebenarme, Brackwasser-Gebiete bzw. verschieden große Teiche zu sehen, die sich bis nah an den Hochwasserdamm heranschieben. Warum dieses so wasserreiche Stück aber „Holzwiese“ heißt, konnte mir niemand erklären. Mit jedem Schritt nähern wir uns jetzt dem schon seit den 1970er Jahren bestehenden WWF-Reservat Marchauen, das vor allem durch die Patronanz über die sich seither verdreifachte Storchenpopulation bekannt ist.

Auch die Wegbezeichnungen passen sich dem an. Wenn sich die Straße von Angern nach Marchegg ganz nahe an den Damm heranschiebt, können wir für die letzten zwei Kilometer nach Marchegg zwischen dem Unkenweg und dem Storchenweg wählen – beide durch Tafeln mit den Zeichnungen der entsprechenden Tierart gekennzeichnet.

Aber es ist auch eine Kombination beider bzw. ein Rundweg möglich, der den Wanderer an mehrere Beobachtungsstationen führt (Störche, Biber, Kröten und Unken, Graureiher) – eine etwas weitere Runde umfasst auch eine äußerst sehenswerte Allee mit jahrhundertealten und entsprechend riesigen Eichen. Am Ende der Etappe wie auch von Unken- und Storchenweg steht das Schloss Marchegg, das mit dem Folder „Marchegg – Königsstadt und Storchenparadies“ wirbt.

Schloss Marchegg
Credits: MK

Durch das Wiener Tor (mit der Stadtmauer dahinter) und über die Wiener Straße erreichen wir den Hauptplatz. Zum Unterschied von den meisten Kleinstädten im Wald- und nördlichen Weinviertel steigt in Marchegg seit Beginn der 1980er Jahre die Zahl der Einwohner – langsam, aber kontinuierlich. Zuletzt zählte Marchegg samt Katastralgemeinden knapp 3.000 Einwohner.

Traurige Bekanntheit erlangte Marchegg im Jahr 1973 durch den ersten Terroranschlag von Palästinensern in Österreich. Denn in den frühen 1970er Jahren war Österreich das Transitland für auswandernde jüdische Sowjetbürger, die – via Bahn von Moskau kommend – am Grenzbahnhof Marchegg eintrafen. Die Palästinenser nahmen in einem Zug mit jüdischen Emigranten vier Geiseln; der Terroranschlag fand sein unblutiges Ende dadurch, dass Österreichs Regierung das 35 Kilometer südlich von Wien liegende Transitlager in Schloss Schönau auflöste und die Terroristen ausfliegen ließ.