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Etappe 23: Von Wolfsthal über „Klein-Chicago“ nach Nickelsdorf

von Matthäus Kattinger / 07.11.2015

Credits: GG, FL

Gemessen an zehn (Roller-)Etappen davor, müsste man heute fast von einer Bergetappe sprechen, steht doch gleich nach dem Start ein Anstieg von fast 200 Metern auf die Königswarte bevor. Aber nach dem Abstieg wird’s in Berg sofort wieder brettleben.

Durch das Straßendorf Wolfsthal – vielen bestenfalls als Endstation der früher bis Bratislava führenden Schnellbahn bekannt – folgen wir zunächst der Bundesstraße in Richtung Bratislava. Nach der (letzten) Tankstelle (vor der Grenze) am Ortsausgang drehen wir halbrechts in die Betriebsstraße; nach dem Fernheizwerk, einer Versuchsanstalt für sauberen Strom und einem Acker weist uns die hier noch existente rot-weiß-rote Markierung rechts auf einen Waldweg in Richtung Königswarte.

Der Wehrturm macht die Pottenburg

Zwischen zwei Hohlwegen im Wald kommen wir auch an Weingärten vorbei, um dann auf einer Eisenleiter einen Wildzaun zu überqueren. Nach mehreren Kehren auf Forststraßen wartet ein Abstecher zu der Mitte des 13. Jahrhunderts von Premysl Ottokar als Grenzschutz errichteten Pottenburg – allein der noch sehr gut erhaltene 26 Meter hohe Wehrturm ist den Umweg wert (Details zur Pottenburg hier).

Schon weniger freut den Wanderer, dass es im Bereich um die Pottenburg offenbar wieder Konflikte mit den Grundeigentümern gibt, wurden doch die ursprünglichen Markierungen geschwärzt; Versuche, Wanderer fernzuhalten bzw. zumindest umzuleiten, mehren sich in letzter Zeit. Wieder bei der Abzweigung unter der Pottenburg gewinnen wir im lichten Wald an Höhe, bis wir auf eine Zufahrtstraße stoßen, die uns zu der im Zuge der NSA- Spionageaffäre auch genannten Funkstation bringt. Von dort trennen uns nur noch wenige Meter am Zaun entlang sowie ein „Übersteiger“ vom Gipfel der Königswarte (344m) samt dem relativ neuen Aussichtsturm.

Blick von der Königswarte auf die als Österreichs Spionage-Zentrum verdächtigte Funkstation
Credits: MK

Der Blick von der Warte beweist, dass Aussicht und Höhe relativ sind, denn der Blick nach Bratislava samt Thebener Kogel, aber auch die Hundsheimer Berge im Nordwesten und unser weiterer Weg im Südosten (über Berg und Kittsee nach Nickelsdorf) liegen wie auf einem Reißbrett vor uns – wenn nicht Dunst oder Hochnebel die Sicht beeinträchtigen (wie bei meinen zwei Besuchen).

Blick von der Königswarte durch den Hochnebel nach Bratislava
Credits: MK

Beim Rastplatz unterhalb des Gipfels drehen wir auf die Zufahrtstraße, die uns in einer halben Stunde nach Berg bringt. Wir biegen bei einem alten Weinkeller (siehe Aufmacher-Foto) links in die Hauptstraße von Berg ein und erreichen über die Pressburger Straße einen Kinderspielplatz, wo der Rest einer Grenzmauer mit eigenwilliger Rechtschreibung an nicht so lang vergangene Zeiten erinnern soll.

Ein Relikt aus der Zeit des Kalten Krieges beim Kindergarten des alten Grenzortes Berg
Credits: MK

Dort schwenken wir rechts in den Heideradweg nach Kittsee ein. Eine asphaltierte Gerade liegt vor uns, der Windschutzgürtel lässt aber immerhin gelegentlich ein Blick auf Bratislava zu. Etwa auf der Hälfte des Weges nach Kittsee werden wir auf die Genussregion Kittseer Marille eingestimmt.

Das bevorzugte Obst in Kittsee ist die Marille
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Doch Kittsee hat mehr zu bieten als „nur“ Marillen. Wenn unser Heideradweg beim Sportplatz auf den Nordrand der Gemeinde trifft, erreichen wir quasi den fiktiven Mittelpunkt des so rasanten Bevölkerungswachstums von Kittsee. Ein Grund findet sich knapp 200 Meter zur Linken, der andere ähnlich weit zur Rechten.

Drehen wir, die Schokoladenfabrik Hauswirth vor uns, nach links, stoßen wir wenig später auf Klein-Chikago (das „k“ ist vielleicht eine burgenländisch-slowakische Umschrift), sind doch die Straßen durchnummeriert (1 bis 7 ) wie in der US-Metropole.

In der 7. Chikago-Straße im slowakischen Viertel in Kittsee
Credits: MK

Allerdings gibt es keine Absperrungen, es ist keinesfalls eine „Gated Community“ von offensichtlich gut verdienenden Slowaken; auch wenn – wie mir einige Kittseer versichern – „die eigentlich ganz unter sich bleiben wollen“. Wechseln wir von der nordöstlichen Ecke Kittsees auf die nordwestliche Ecke, stehen wir vor der Steinfeldsiedlung, der zweiten slowakischen Enklave. Deren Bewohner sollen besser integriert sein, ein Teil von ihnen (vor allem Frauen) arbeitet in der schon erwähnten Schokoladenfabrik Hauswirth.

Zwischen Steinfeldsiedlung und Schokoladenfabrik liegt das Schloss Kittsee – das bis vor einigen Jahren als Außenstelle des Volkskundemuseums das Ethnografische Museum beherbergte.

Das Schloss in Kittsee
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Wir aber gelangen über die Industriestraße in die lange Hauptstraße, die durch den früheren Anger in zwei Teile geteilt wird. Knapp vor dem Bahnhof von Kittsee biegen wir rechts in die Pamastraße ab. Bald nach dem Ortsende marschieren wir durch die Unterführung der Schnellstraße nach Bratislava, überqueren etwas später die Geleise der Bahn von Petrzalka/Kittsee nach Parndorf, um neben dieser in knapp einer Stunde nach Pama zu gelangen. Neben der bei Nickelsdorf aus Ungarn kommenden Autobahn sind Schnellstraße und Bahn zwei weitere Einflugschneisen für die täglichen Grenzgänger, die vorrangig in die Großregion Wien pendeln.

Die zweisprachige Ortstafel (auch Bijelo Selo) deutet auf die starke kroatische Minderheit.

Pama mit starker kroatischer Minderheit
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So eintönig die letzten fünf Kilometer von Kittsee nach Pama waren, so kerzengerade und brettleben der Weg, geht es auch die nächsten Kilometer weiter – nur jetzt nicht nach Süden, sondern nach Osten. Nur zweimal kann sich der Wanderer über kurze Abwechslungen freuen. Da ist zunächst der links zurückgesetzte Csardahof, nach dem die Grenze zur Slowakei direkt an die Straße rückt, etwas später verdient auf der rechten Seite eine Kapelle unsere Aufmerksamkeit. Die „Wallfahrtskapelle zum Heiligen Kreuz und zum Gegeißelten Heiland auf der Wiese“ ist kunsthistorisch insofern interessant, als das Deckenfresko des kleinen Barockbaus von Franz Maulbertsch stammt.

Rund eine Stunde ab Pama erreichen wir Deutsch-Jahrndorf. Zum Unterschied von Pama ist die 600-Seelen-Gemeinde weitgehend deutschsprachig; die bis zum Zweiten Weltkrieg vorrangig von Kroaten bewohnte Nachbargemeinde Kroatisch-Jahrndorf (Jarovce) gehört heute zur Slowakei. Hinter der evangelisch-lutherischen Pfarrkirche biegt rechts die Straße ins Etappenziel Nickelsdorf ab, wir aber wollen noch dem östlichsten Punkt Österreichs einen Besuch abstatten, halten daher den Kurs nach Osten. Am Ende des Ortes beeindruckt ein fast imperialer Bau, der heute dem Musikverein Deutsch-Jahrndorf Unterschlupf bietet.

Dann geht es noch drei Kilometer auf altem, gebrochenem Asphalt in Richtung Osten – außer Feldern links und rechts ist nichts zu sehen. Auch die Grenze ist als solche kaum wahrzunehmen – wenn neben der löchrigen und staubigen Sandstraße nicht das „A“ auf dem Europaschild wäre (ja, ich habe „vom Ausland“ aus fotografiert). Während der guten Stunde, die ich von Deutsch-Jahrndorf bis zur Grenze und dann das Stück zurück bis zur Abzweigung nach Nickelsdorf unterwegs war, hat sich bloß ein sehr klappriger slowakischer Pkw in dieses Niemandsland verirrt, wobei der Fahrer von mir wissen wollte, ob er da nach Bratislava komme.

Slowakisch-österreichische Grenze östlich von Deutsch-Jahrndorf
Credits: MK

Wenn man von der fiktiven Grenze auf der staubig-schottrigen Rumpelpiste für einige Minuten einem Feldweg in nordöstlicher Richtung folgt, gelangt man zu einer Art Skulpturenpark, der auch jenen Stein umgibt, der den östlichsten Punkt Österreichs markiert. Einige hundert Meter zwischen den Schlaglöchern zurück, biege ich bei einer überdachten Rastbank mit dem rot-weiß-roten 07-er in Richtung Süden zum 1,5 Kilometer entfernten Karlhof ab. Bald nach dem völlig einsam liegenden malerischen Hof und der Gasschieber-Station Deutsch-Jahrndorf queren wir den Wiesgraben (auch als Leitha-Kanal in den Karten geführt).

Wiesgraben südlich von Deutsch-Jahrndorf mit Blick flussaufwärts
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Dann geht es gut 20 Minuten auf Schotter geradeaus, bis wir nach einem kurzen Stück im Auwald auf eine Asphaltstraße stoßen. Bei der nächsten Gabelung folgen wir dem asphaltierten Radweg nach links nahe zur Grenze, bis wir in relativ kurzem Abstand zunächst den Komitatskanal und gleich darauf die Leitha überqueren

Leitha bei Nickelsdorf flussabwärts
Credits: MK

Wenig später stehen wir vor dem im September in der ersten Phase der Flüchtlingsströme so überlaufenen Bahnhof Nickelsdorf. Seit der Errichtung der Grenzzäune durch Ungarn ist der Bahnhof Nickelsdorf aber wieder menschenleer wie eh und je.

Auf dem Bahnhof in Nickelsdorf ist längst wieder Ruhe eingekehrt
Credits: MK

Eine in dieser Ausführlichkeit seltene Darstellung der Geschichte eines Ortes findet sich hier. Zu erwähnen sind in Nickelsdorf römerzeitliche Funde und Awaren-Gräber. Zudem ist vor der katholischen Kirche eine Gedenktafel zu entdecken, die an die Anwesenheit von Lajos Kossuth und anderen führenden Vertreten der ungarischen Freiheitsbewegung des Jahres 1848 in Nickelsdorf erinnert.