Kattingers Grenzgänge

Etappe 25: Von Frauenkirchen nach Illmitz und mit der Fähre nach Mörbisch

von Matthäus Kattinger / 09.11.2015

Credits: GG, FL

Heute geht es ins Herz des Naturparks Neusiedler See-Seewinkel, in die Welt der mehr als 40 kleineren und größeren Seen mit ihrer vielfältigen Vogelwelt. Allerdings befallen einen etwa an spätsommerlichen Wochenenden Zweifel an der Vereinbarkeit von Massen-(Rad-)Tourismus selbst in den Naturpark-Kernzonen (wie die Bewahrungszonen um die Lange Lacke) und dem Schutz der so vielfältigen Fauna und Flora. Auch wenn – wie ein zweiter Besuch zeigt – im frühen Oktober der spätsommerliche Rummel nur noch als böser Spuk in Erinnerung bleibt.

Von der beherrschenden gut 50 Meter hohen Wallfahrts-Basilika im Ortszentrum verlassen wir Frauenkirchen über die Franziskaner- und die Apetloner Straße. Dann queren wir die Geleise der Neusiedler-Seebahn von Neusiedl nach Pamhagen; erfreulicherweise wird diese zum Unterschied von vielen niederösterreichischen Regionalbahnen bei regelmäßigen Frequenzen nicht nur aufrechterhalten, sondern es gibt auch etliche tägliche Verbindungen über Pamhagen hinaus nach Ungarn (Fertöszentmiklos). Wir bleiben etwa einen Kilometer bis zur Abzweigung links zur St. Martins Therme auf der schnurgeraden Straße.

St. Martins Therme im Niemandsland südlich von Frauenkirchen
Credits: MK

Zum Unterschied vom Weitwanderweg, der nach zehn Minuten rechts in Richtung des verfallenen Wilhelmshofes abzweigt, wollte ich mir die Therme zumindest von außen etwas genauer ansehen. An der vor allem mit Asphalt und Beton wahrlich großzügig ausgestatteten Anlage (irgendwie passt das nicht so ganz zur Werbebotschaft der Region Seewinkel) drehe ich links vorbei, folge einer sich durch Auwald windenden Nebenstraße bis zur Bahnlinie, um direkt an dieser – neben Feldern – auf einem staubig-sandigen Karrenweg nach St. Andrä am Zicksee (bzw. zur Bahnstation) zu marschieren.

Beim Bahnübergang biege ich rechts in die Seestraße ein, die mich in gut zehn Minuten ans Ufer des Zicksees und damit in den Naturpark Neusiedler See-Seewinkel bringt. Dieser ist neben dem südlichen Zipfel (Reihersiedlung) nur im Umfeld der die Verlängerung der Seestraße bildenden Badstraße verbaut. Die Querstraßen tragen dort Namen wie Bel-ami-Steig, Lukullusweg oder Bacchuszeile.

Am Ufer des Zicksees auf der St. Andrä-Seite
Credits: MK

Kaum 100 Meter nördlich der Badstraße am Ufer befindet sich eine Sonderkrankenanstalt. Das Wasser des Zicksees ist nämlich stark natronhaltig, ihm wird heilende Wirkung bei Haut- und Rheuma-Erkrankungen zugeschrieben. Der Name Zicksee leitet sich übrigens aus der ungarischen Umgangssprache ab. Für die Einheimischen heißt der Seeboden nämlich „Zick“ – in Anlehnung an seinen Gehalt an Schwefel, Glaubersalz und Soda. Allerdings lässt die Wasserqualität des Sees zu wünschen übrig; 2012 gehörte der Zicksee zu den wenigen österreichischen Gewässern, die nicht den EU-Mindestvorgaben in Sachen Hygiene entsprachen.

Trotzdem deutet das ziemlich ramponierte Grün zwischen Uferstraße und Sandstrand auf die starke Inanspruchnahme in diesem heißen Sommer hin. Einen schönen Kontrast dazu bietet die sich zur Linken der Uferstraße ausbreitende Heide. Bald tauchen vor uns die Wochenendhäuser der Reihersiedlung am Südende des Zicksees auf.

Zicksee mit Reihersiedlung im südwestlichen Eck
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Zum Unterschied vom Nordostufer sind in dieser Siedlung die Namen der Gassen bodenständiger (Fasanen- und Reiherweg). Es sind durchwegs kleine und mittlere Einfamilienhäuser – keinesfalls Schrebergärten. Mit der Siedlung drehen wir links weg vom See, vor einem Auwald zur Linken biegen wir rechts in eine Nebenstraße ein, die uns bald zur nächsten größeren Querstraße und von dort links drehend in gut 20 Minuten über die sogenannte „Lange Lüsst“ zur Langen Lacke bringt.

Diese ist die größte der gut 40 salzhaltigen Lacken im Seewinkel. Sie ist einer der Träger des Nationalparks Neusiedler See-Seewinkel und gilt als Paradies für Wildvögel. Die einschlägigen Internet-Seiten sprechen von „hunderten Vogelarten“, von verschiedenen Reihern über Löffler, Möwen, Watvögel bis zu Kiebitzen und Rotschenkel auf den Wiesen sowie Graugans, Rohr- und Zwergdommel, Rohrweihe und Blässhuhn im hohen Schilf.

Am tiefsten Punkt Österreichs

An der Südseite der Langen Lacke entlang halten wir uns Richtung Apetlon; etwas östlich des Ortes findet sich der laut offiziellen Angaben mit 113,5 Metern „tiefste in Österreich gemessene Punkt“. Auf der Südseite wird Apetlon von einem Bogen von zahlreichen kleineren und größeren Seen und Tümpeln eingefasst – das sind durchwegs Salzlacken, von denen manche schon in der Eiszeit entstanden sind (allerdings keine so groß wie die Lange Lacke im Nordosten).

Hohe Temperaturen, intensive Sonneneinstrahlung und geringe Niederschläge führen zu rascher Verdunstung. Im Sommer trocknen manche der Salzlacken völlig aus – es bleibt die typische weiße Kruste zurück, die sogenannte „Salzpfanne“. In die Landschaft der Salzpfannen sind die Zickgras-Wiesen eingebettet; das sind nur kurz überschwemmte Uferbereiche des Neusiedler Sees, eben mit Salzpfannen sowie Übergängen zu artenreichen Brackwasser-Gebieten. Diese gelten als besonders wichtiges Nahrungs-, Lebens- und Brutgebiet für viele Vogelarten.

Von Apetlon marschieren wir auf dem Radweg parallel zur Straße nach Illmitz, dem gemessen an der Fläche größten Ort des Burgenlandes. Illmitz ist heute der Hauptort für den Radtourismus im Seewinkel, nicht zuletzt deshalb, weil vom Yachthafen aus Radfahrer mit der Fähre auf die Westseite des Neusiedler Sees, nach Mörbisch, gebracht werden. In den frühen 1970er Jahren glaubte der damalige Landeshauptmann Theodor Kery, die Abwanderung im Seewinkel nur durch eine Brücke über den See von Illmitz nach Mörbisch stoppen zu können; das Projekt scheiterte nicht nur an Gutachtern, sondern auch am Widerstand der Bevölkerung. 1993 wurde dann der Naturpark Neusiedler See-Seewinkel begründet.

Von der Grenzwacht zur Aussichtswarte

Wir lassen das Zentrum in Illmitz hinter uns, wandern auf der Seegasse in Richtung Hafen. Immer wieder laden Hinweistafeln zu Abstechern ein; so etwa zur Linken die Koppel mit dem Warmblutpferden, das Gehege mit den weißen Eseln und das Sandeck (mit der Aussichtswarte, die einst als Turm der Grenzwacht diente), zur Rechten die Biologische Station oder schon nahe der Fähren das Seevogel-Museum. Den letzten Kilometer zu den Fähren begleitet uns ein fast undurchdringlich scheinender Schilfgürtel – auch wenn da und dort mal ein Stück Steg ins Schilf ragt.

Schilf-Idylle im Seewinkel
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Mit der Fähre sind wir in gut 20 Minuten in Mörbisch – allerdings verkehren diese nur bis Mitte Oktober. Und spätestens dann macht die Uferpromenade trotz riesiger Kinderspielplätze, Fährhafen und zahlreicher Gastbetriebe einen völlig einsamen Eindruck

Wie ausgestorben liegt die Uferpromenade in Mörbisch Ende Oktober da
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Auch die Fähren sind längst verstaut und winterfest gemacht.

Fähren im Mörbischer Dock
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Doch auch – oder gerade – ohne Rummel hat Mörbisch einiges zu bieten. Vor allem der Kern mit den alten Weinbauernhöfen und den idyllischen, engen Hofgassen. Dazu gehen Sie dort, wo die Seestraße rechts nach Rust abbiegt, noch ein Stück gerade hinauf, biegen dann links in die Hauerstraße ein – das ist dann quasi das „echte Mörbisch“. Derart enge Gassen, mit viel Grün angereichert und mit manchen Verzierungen geadelt, sieht man sonst eher nur in südlichen Ländern.

Eine der engen Gassen im Weinhauer-Viertel in Mörbisch
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