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Etappe 26: Von Mörbisch entlang des ungarischen Seeufers nach Deutschkreutz

von Matthäus Kattinger / 10.11.2015

Credits: GG, FL

Start und Ziel sind in Österreich, doch den Großteil der heutigen Etappe sind wir in Ungarn unterwegs.

Von der Ortsmitte in Mörbisch folgen wir der Hauptstraße in Richtung Süden – vorbei an den beiden Kirchen, den Hofgassen und dem Heimathaus. Die Hauptstraße geht bald nach dem Ortsende in die Ödenburger Straße über, auf der wir wenig später bei einer Art Kreisverkehr mit Raststätte die Grenze erreichen. Zur linken Seite schweift der Blick über die Weinberge hinunter bis zum Neusiedler See.

Blick vom Rastplatz an der ungarischen Grenze bei Mörbisch auf den Neusiedler See
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Das Stück zwischen der Grenze und Fertőrákos (das ehemalige Kroisbach) ist eigentlich ein Radweg, doch darum scheren sich weder Ungarn noch Burgenländer. Ich habe während der knapp 30 Minuten bis zum Informationspunkt 16 Auto-Begegnungen gezählt – und das trotz generellen Fahrverbotes.

Staatsgrenze und Fahrverbot zwischen Mörbisch und Fertőrákos
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Kroisbach war übrigens eine der fünf Gemeinden, die sich in der Volksabstimmung 1921 mit massiver Mehrheit für ein Verbleiben bei Österreich bzw. beim Burgenland aussprachen, doch half das alles nichts, bedeutete doch das vermutlich manipulierte Ergebnis von Sopron/Ödenburg, dass auch die acht kleineren Gemeinden um Ödenburg an Westungarn fielen.

Direkt an der Grenze, aber eindeutig auf ungarischen Staatsgebiet, findet sich zur Rechten – hinter einem gut gesicherten Zaun – das Mithräum. Der Kroisbacher Steinmetz György Malleschitz hat 1886 zunächst eine Höhe entdeckt, wo er in der Folge im hintersten Teil einen geschnitzten Reliefstein fand, der Mithras zeigt, wie er gerade den Stier tötet. Angesichts der in den Urnen gefundenen Münzen wurde der Fund auf die erste Hälfte des dritten Jahrhunderts nach Christi datiert.

Mithräum an der österreichisch-ungarischen Grenze
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Wir sind kaum zwei Minuten auf ungarischem Boden unterwegs, da eröffnet sich rechts ein geschichtsträchtiger Abstecher. Rund einen Kilometer ist es zum Denkmal des „Paneuropäischen Picknicks“; dieses befindet sich an jener Stelle, an der im August 1989 hunderte Menschen aus der DDR den Eisernen Vorhang durchbrachen. An das Denkmal schließt ein Lehrpfad „Eiserner Vorhang“ mit den schon von ähnlichen Einrichtungen bekannten Ingredienzien wie Wachturm und Stacheldraht.

Zurück auf dem von so vielen Autos missbrauchten Radweg erreichen wir in rund 25 Minuten bei einem alten Steinbruch (schon in der Römerzeit wurde dort der Leitha-Kalkstein abgebaut) und einem Gasthof die ersten Häuser von Fertőrákos.

Nicht immer lässt das Äußere erwarten, was im Inneren verkauft wird.
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Der Wanderer hat auch wenig Vertrauen zu den mit Plastikplanen verhüllten Blechbüchsen, die hier als „Informationspunkt“ verkauft werden. Doch konnte ich mich überzeugen, dass man auch in Baracken gut informiert werden kann.

Informationsstellen sehen normalerweise etwas anders aus als jener in Fertőrákos.
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Der Informations-Kiosk war – so jedenfalls Anfang Oktober – bloß Abbild von intensiver Bau- und Geschäftstätigkeit im oberen Bereich von Fertőrákos, also im Gebiet um das im heurigen Sommer nach umfangreichen Umbauten wieder eröffnete Felsentheater. Fertőrákos – mit 2.150 Einwohnern knapp so groß wie Mörbisch und Illmitz – machte jedenfalls zu diesem Zeitpunkt den Eindruck völliger Improvisation (wir sind einander doch verwandt). Nichts ist fertig, doch die Unvollständigkeit hat einigen Charme für sich – jedenfalls für Wanderer, die bloß durchmarschieren, die Einwohner werden dies wohl anders sehen.

Wer einen Abstecher am Rande des Felsentheaters auf den dahinter liegenden Kecske-hegy machen will, wird mit Aussichtswarte, Rastplatz und vor allem einem prächtigen Rundblick auf Weingärten, Schilfgürtel und Neusiedler See belohnt. Wieder zurück auf der Hauptstraße marschiere ich immer in Richtung Süden parallel zum Neusiedler See. Nach einer farbenprächtigen Häuserzeile biegt links die Straße zum Hafen ab (von Illmitz gibt es einen eingeschränkten Fährbetrieb nach Fertőrákos).

Farbenprächtige Häuserzeile in der Hauptstraße von Fertőrákos.
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Nach Verlassen des Ortes folgen fast zehn Kilometer quasi in einem Trott. Für den Wanderer bleibt nur eine ramponierte, mit Löchern übersäte, noch dazu an den Rändern hängende Asphaltstraße, die noch dazu nicht breit genug ist, damit zwei Autos aneinander vorbeifahren können. Was auch für den Wanderer extreme Wachsamkeit bedeutet. Umrahmt wird diese Asphalt-Tortur fast auf der ganzen Strecke von Weingärten; vom auf der Linken dahinter liegenden Neusiedler See ist erst im etwas höher gelegenen Teil auf den letzten Kilometern vor Balf mehr zu sehen.

Südlich von Fertőrákos reiht sich Weingarten an Weingarten.

Ein wesentlicher Teil der Weingärten südlich von Fertőrákos gehört der 1947 von Ungarn enteigneten Familie Esterházy: neben dem Rokokoschloss Fertőd, dem ungarischen Versailles, bereicherten sich Ungarn noch an einem Dutzend Schlösser und vor allem an viel Wald. Wie mir Stefan Ottrubay, Neffe der verstorbenen Melinda Esterházy und seit 2002 oberster Interessenvertreter der Esterházy-Stiftungen, im Gespräch erklärte, sei dieser Teil der Geschichte abgeschlossen, sei man längst wieder in Ungarn wirtschaftlich tätig, kooperiere auch mit Ungarn (selbst was Fertőd betrifft). So ist Esterházy auch ein gutes Beispiel dafür, dass Zusammenarbeit nur dort funktioniert, wo es interessierte Partner gibt – nicht jedoch bei Reißbrett-Projekten wie der in Wien geborenen Zentraleuropa-Initiative Centrope.

Das Knie und der Schilfgürtel

Spätestens nach der Hälfte der Strecke bis Balf, also etwa dann, wenn die Straße steigt und ein Art Knie macht, mehren sich Angebote von Kellereien und Restaurants. Bei diesem Knie verlassen wir die Landstraße und folgen für einige Zeit dem am Schilfgürtel entlang führenden Gehweg. Nach einer Mineralquelle erreichen wir Balf, das frühere Wolfs – seit 1985 Stadtteil von Sopron.

Im Ort drehen wir bei der evangelischen Kirche (am Coop vorbei) nach rechts zum alten Wolfsbad und – davor – dem jetzt in ein Seminarhotel verwandelten Schloss. Dahinter in einem Park findet sich die alte bischöfliche Residenz.

Das Kur- und Seminarhotel in Balf
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Beim Kriegerdenkmal mit Park und anderen Gedenksteinen gegenüber der Kirche biegen wir rechts in Richtung Kópháza und Österreich ab.

Eine Art Multi-Erinnerungs- und Besinnungspark in der Ortsmitte von Balf
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Die Straße steigt noch im Ort ein bisschen an, einige Minuten später queren wir die Umfahrungsstraße von Fertőd nach Sopron. Bald darauf geht es über die Bahngeleise hinweg, drehen wir zunächst in den kleinen Ort Kiskópháza, bis wir – vorbei an einem vorsintflutlichen Gasrohr, das wie eine Straßensperre aussieht – den Grenzort Kópháza/Kolnhof erreichen. Wo sich die Straße nach rechts wendet, marschieren wir gerade aus in die Ortsmitte, biegen nach dem Museum rechts und gleich darauf links in die Vasut Ui ab.

In dieser schönen, leicht steigenden Straße reihen sich links und rechts meist neue Einfamilienhäuser aneinander. Das Viertel wirkt sehr gepflegt. Dann queren wir die Geleise der Bahn von Sopron nach Szombathely, um gleich dahinter rechts in einen staubigen Feldweg abzubiegen, der uns in fünf Minuten zwischen Pferde-Koppel und Windschutz zur Bundesstraße und zum Grenzübergang zwischen Kópháza und Deutschkreutz bringt.

Danach bleiben wir bis nach den einstigen Zollgebäuden auf der Straße, halten uns in Richtung der Abfüllanlagen der Juvina-Mineralwässer, um danach auf einem meist parallel zur Bahntraße laufenden Radweg ins Herz von Blaufränkischland, nach Deutschkreutz, zu gelangen. Der Güterweg geht in die Bahngasse über, doch wir biegen beim Kreisverkehr noch vor dem Bahnhof links in die Hauptstraße ab – und erreichen das gefühlte Zentrum, die Pfarrkirche mit dem von Anton Lehmden gestalteten Giebel.

Kirche in Deutschkreutz mit Giebel-Bemalung von Anton Lehmden
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Dem zu den Mitbegründern der Schule der Phantastischen Realisten gezählten Lehmden gehört auch das Renaissance-Schloss Deutschkreutz südöstlich des Ortes.