Kattingers Grenzgänge

Etappe 27: Von Deutschkreutz über Lutzmannsburg nach Klostermarienberg

von Matthäus Kattinger / 11.11.2015

Credits: GG, FL

Schon in der gestrigen Etappe 26 habe ich auf die Initiative Blaufränkischland hingewiesen, zu der sich ein gutes halbes Dutzend Gemeinden im Mittelburgenland zusammengetan hat. Wie groß die bewirtschafteten Weingärten sind, davon bekommt man einen Eindruck, wenn man Deutschkreutz in Richtung Süden verlässt. Es sind wohl zwei bis drei Kilometer jeweils in Länge und Breite, in denen man fast nur Weingärten sieht.

Nach einem letzten Blick auf den Lehmden-Giebel der römisch-katholischen Pfarrkirche in der Ortsmitte verlassen ich über Karnergasse und – nomen est omen – den Güterweg „Rotweingärten“ Deutschkreutz in Richtung Süden. Bald lässt sich auch ein Eindruck von den Ausmaßen von Blaufränkischland allein im Süden von Deutschkreutz machen. Die von mir so oft gelästerten Windräder mitten in den Weinbergen sind indirekt von Nutzen, als sich mit ihrer Hilfe ungefähr die Dimension der Weingärten abschätzen lässt.

Die passend-unpassende Ergänzung zu den Windrädern im Weingarten ist das plötzliche Röhren von Motoren. Deutschkreutz hat sich nur am Rande dem Radfahren, schon gar nicht dem Wandern verschrieben, sondern bewirbt ganz groß „Quad-Touren – der ultimative Fahrspaß erobert das Sonnenland“. Da wird dem Wanderer klar, warum es von so ziemlich jedem Eck in Österreich Wanderkarten von Freytag & Berndt gibt, nur das Deutschkreutzer Eck davon ausgenommen bleibt.

Quads-Rennen in den Weingärten

Ich schließe die Augen, um die Weingarten-Idylle nicht vom Anblick der windigen Stahlungeheuer beeinträchtigen zu sehen, schon röhren einem drei Idioten mit ihren Quads im Renntempo um die Ohren – aber offensichtlich gibt das den Trauben das nötige „Kraftstoff-Aroma“.

Dann das Marton-Kreuz: Es spaltet noch heute die Bevölkerung. Fünf Einheimische hatten mit zwei Reichsdeutschen in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs eine Panzerabwehrstellung gehalten. Als die Russen kamen, wurden die beiden Deutschen erschossen, die fünf Deutschkreutzer interniert. Aus Dankbarkeit, doch noch freigekommen zu sein, ließ einer davon, Michael Marton, das Kreuz errichten.

Marton-Kreuz in den Weingärten südlich von Deutschkreutz
Credits: MK

Nach gut einer Viertelstunde quere ich auf Höhe der Windräder die Landstraße von Klein-Warasdorf, orientiere mich in der Folge am Frauenbrunnen im Kreutzer-Wald auf halber Höhe zwischen Deutschkreutz und Nikitsch. Der zum Esterházy-Imperium gehörende Wald ist einer von sechs Naturreservaten des größten Waldbesitzers im Burgenland. Die Frauenbrunnen-Quelle wieder gilt als ein schon in sehr frühen Gebietskarten eingezeichnetes Naturdenkmal. Im Zuge der 1.000-Jahr-Feiern Ungarns im Jahr 1896 hat die Esterházy’sche Grundherrschaft die Frauenbrunnen-Quelle fassen lassen (Details dazu hier).

In gut einer Viertelstunde ist der Wald durchquert, danach folge ich parallel zur Straße Deutschkreutz –Nikitisch einem Feldweg, der mich vorbei am Jakobshof in rund 45 Minuten ab der Erfrischung am Frauenbrunnen nach Nikitsch (Kroatisch: Filez) bringt. In keiner anderen burgenländischen Gemeinde ist der Anteil der Volksgruppe der Burgenland-Kroaten mit 87 Prozent so hoch wie in Nikitsch (bei insgesamt 1.400 Einwohnern).

Gelebte Zweisprachigkeit in Nikitsch
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Wie die meisten der kleineren Gemeinden in dieser Region des Mittelburgenlands (und fast alle Gemeinden, die wir bis zum Etappenziel Klostermarienberg noch durchwandern werden) ist auch Nikitsch ein Straßendorf. Der Hauptstraße durch den Ort folgend, sticht zunächst die Laurentius geweihte Pfarrkirche mit ihrem breiten Langhaus ins Auge; historisch bedeutsamer aber ist die vor der Kirche von einem Baldachin beschützte steinerne Johannes-Nepomuk-Statue aus dem Jahr 1737.

Die Kapelle des Nepomuk in Nikitsch
Credits: MK

Knapp vor dem Ortsende zur rechten Seite zurückgesetzt und von den Resten einer Mauer umgeben, lässt sich das Schloss Gálosháza der Herrschaft Zichy-Mesko nur erahnen. Das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts umgebaute Schloss war um 1300 als mittelalterliche Verteidigungsanlage errichtet worden. Mit dem Um- bzw. teilweisen Neubau des Schlosses wurde in der Folge aus dem Obstgarten ein Naturpark in englischer Manier.

Nur für den Friedhof gibt es keine zweisprachige Hinweistafel

Es ist nur ein kurzes Stück vom Ortsende von Nikitsch bis zum Ortsanfang von Kroatisch-Minihof. In dem zu Nikitisch gehörenden Dorf biegen wir in der – gefühlten – Ortsmitte beim Schild Friedhof links in die Herrengasse bzw. Gospodarova ulica ab (nur für den „Friedhof“ gibt es keine zweisprachigen Tafeln). Nun liegen – so lässt uns der Hinweis zum Radweg B44 wissen – 7,5 Kilometer asphaltierter Güterweg nach Lutzmannsburg vor uns.

Es ist quasi ein Kilometer-Schlucken (und das per pedes): keine Sehenswürdigkeiten, keine Siedlungen, meist Felder, ein Stück Wald – nicht einmal Quads zur Blutdrucksteigerung. Die einzige Abwechslung stellt sich etwa nach zwei Dritteln der Strecke ein, als wir erstmals halblinks vor uns die riesigen Wasserrutschen der östlich des Ortes gelegenen Sonnentherme Lutzmannsburg vor uns sehen.

Die Sonnentherme in Lutzmannsburg
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Auf Höhe der Therme angelangt, drehe ich rechts in den 630-Seelen-Ort, der auch noch zum Blaufränkischland gehört. Die Marktgemeinde war im November 1956 eines der österreichischen Auffanglager für ungarische Flüchtlinge; heute gehören gut fünf Prozent der Volksgruppe der Burgenland-Ungarn an. Für österreichische Verhältnisse relativ hoch ist der Anteil der Bürger, die sich zur Evangelischen Kirche bekennen (38 Prozent). Da verwundert es nicht, dass sich die evangelische Pfarrkirche in der Mitte des wahrlich idyllischen Ortszentrums befindet, das den einstigen Anger mehr als erahnen lässt, während sich die katholische Kirche mit dem südlichen Ortsrand bescheiden muss.

Kirche in Lutzmannsburg als Flächenteiler des alten Dorfangers
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Wenn man die langgezogene Grünfläche umwandert, trifft man auf einige wunderschöne alte Hauer-Häuser (vor allem in den von der Hauptstraße ausgehenden Nebengassen), aber auch herbstlich farbenprächtig der Natur ausgelieferte Fassaden.

Hausfassade in Lutzmannsburg
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Auf den Grünflächen des alten Angers finden sich Modelle von älteren Brunnen, aber auch der Blickfang einer alten Weinpresse (siehe Titelbild). Nicht ganz so idyllisch geht es am westlichen Rand des Angers zu, wo der Pranger (mit Blick auf die Kirche) samt einer ausführlich erklärenden Tafel seinen Platz hat.

Der Pranger auf dem Hauptplatz in Lutzmannsburg
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Tafel zum Pranger in Lutzmannsburg
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An Lutzmannsburg-West schließt fast direkt das dazugehörige Strebersdorf an. Während rechterhand der Radweg „Römische Bernsteinstraße“ abzweigt, stellt der Wanderer beim Studium der Karten fest, dass er für seinen Weg ins Etappenziel Klostermarienberg entweder Autostraßen-Asphalt wählen kann – oder sich auf nicht näher markierten Feldwegen dies- und jenseits der Rabnitz durchschlagen will.

Ich wähle Zweiteres und bin in der Folge froh, das Risiko eingegangen zu sein. Lange Zeit südlich der Rabnitz und auch an der Südseite eines Nebenarmes quere ich dann diesen, später auch die Rabnitz, um mit dem „Iron Curtain Trail (Euro 13)“ von Nordwesten her Klostermarienberg zu erreichen. Während der Euro 13 bei der ersten Gabelung im Ort links den Grenzweg in Richtung Ungarn nimmt (unser morgiger Weg nach Kőszeg) marschiere ich vor in die Ortsmitte mit dem bestimmenden Stift Klostermarienberg.

Haupteingang zum Stift Klostermarienberg
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