Kattingers Grenzgänge

Etappe 28: Von Klostermarienberg über Kőszeg und den Geschriebenstein nach Rechnitz

von Matthäus Kattinger / 12.11.2015

Credits: GG, FL

Die heutige Etappe wird sowohl von der Länge als auch von den Höhenunterschieden her etwas anstrengender, sind doch 28 Kilometer zurückzulegen und 700 Höhenmeter zu bewältigen. Dafür aber wartet als Höhepunkt des 6½ Stunden- Marsches ein wahres Kleinod von Kleinstadt auf den Wanderer, das vom Zweiten Weltkrieg – nicht jedoch von vier Jahrzehnten hinter dem Eisernen Vorhang – verschont gebliebene Kőszeg.

Vor dem Stift Klostermarienberg nach Süden blickend, trennt uns ein breites, nur unwesentlich höheres Waldband von der ungarischen Seite. Doch von den 700 Höhenmetern, die uns auf der heutigen Etappe erwarten, sind in der ersten halben Stunde ins ungarische Olmod kaum 80 zu bewältigen.

Der bewaldete Kamm trennt Klostermarienberg von Ungarn.
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Zunächst gehen wir die letzten 200 Meter der gestrigen Etappe zurück, drehen dann nach der Dorfkapelle mit dem „Euro 13 – dem Iron Curtain Trail“ bei der Gabelung rechts in die Grenzgasse. Danach folgen wir den Euro-13-Zeichen links in den Wald. Nach einer Viertelstunde an der Grenze entlang queren wir diese, um bald darauf die ursprünglich von Kroaten besiedelte, heute noch von 80 Personen bewohnte Gemeinde Olmod (Bleigraben) zu erreichen.

Von dort nehmen wir die grenznähere Nebenstraße in Richtung Kőszeg (Güns), queren nach einer halben Stunde zunächst die aus Österreich (Rattersdorf) kommende Bundesstraße nach Szombathely und dann auch die Güns (Gyöngyös). Diese entspringt nördlich von Bernstein, bildet nach Lockenhaus bis über Rattersdorf-Liebing hinaus die Grenze und fließt dann in Richtung Szombathely weiter, um bei Sarvar in die Raab (Raba) zu münden.

Nahe der seit Ende des Zweiten Weltkrieges dem Verfall preisgegebenen Synagoge erreichen wir die Innenstadt von Kőszeg. Der Weg zu den zentralen Plätzen ist nicht zu verfehlen, weist doch die knapp 60 Meter hohe Turmspitze der Herz Jesu Pfarrkirche den Weg in Richtung Hauptplatz.

Die 1892 im neugotischen Stil erbaute Herz-Jesu-Pfarrkirche
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Durch das Heldentor mit dem Heldenturm gelangen wir auf den Jurisics-Platz, den wohl eindrucksvollsten Platz von Kőszeg. Absoluter Glanzpunkt ist wohl das Stadthaus (Rathaus) mit der farbenprächtigen Fassade, an die sich eine Reihe von Bürgerhäusern schließen; in der Mitte der Stadtbrunnen, dahinter einige Kirchen.

Heldentor mit Heldenturm und Stadthaus
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Vom Zentrum steuern wir die im Nordwesten gelegene Burg an, um danach in den Naturpark Geschriebenstein einzutauchen. Es ist ein praktisch durchgehender Mischwald, obwohl uns von Kőszeg bis zur Grenze 600 Höhenmeter bevorstehen, fallen die Anstiege großteils gemächlich aus. Die Orientierung ist seit der Verlängerung des Weitwanderweges Alpannonia vom Geschriebenstein nach Kőszeg einfach, wir folgen der weißen Schlinge auf rotem Grund.

Das rot-weiße Signet für den Weitwanderweg Alpannonia
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In den letzten Jahren wurden aber auch einige Forststraßen für Radwege angelegt. Diese kreuzen einander, laufen manchmal parallel. Der „Euro 13 – Euro Curtain Trail“ als unser Begleiter über die Grenze verläuft aber nicht über den Geschriebenstein, sondern hält sich ein Stück südlicher – über Velem und Bozsok – nach Rechnitz.

Wir kommen in der Folge an der Ruine bzw. den Resten der alten Burg (Oház-Tetö) aus dem 13. Jahrhundert vorbei. In den frühen 1990er Jahren waren bei Ausgrabungen die Fundamente eines Wohnturmes und einer Bastei freigelegt worden; auf den Wohnturm setzten die Stadtväter zur Feier des Millenniums eine 15 Meter hohe Aussichtswarte.

Wir orientieren uns in der Folge in Richtung Nordwesten hin zu den „Stajerhazak“, das sind die auf einer der wenigen größeren Lichtungen errichteten und nach ihren Bewohnern so genannten Steirerhäuser.

Steirerhäuser zwischen Kőszeg und Geschriebenstein
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Diese erinnern daran, dass um 1750 steirische Forstarbeiter in Kőszeg angesiedelt wurden, um die Wälder in Ordnung zu halten. In einem der Häuser wurde ein Museum eingerichtet, das einiges über die Entstehung des Naturparks erzählt. Etwas zurückgesetzt am Waldrand entspringt die Zyklamen-Quelle.

Zyklamen-Quelle bei den Steirerhäusern
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Hatten wir uns bis zu den Steirerhäusern mehrheitlich auf Asphalt durch die Wälder bewegt, so drehen wir nach den „Stajerhazak“ auf Naturboden etwas steiler im Wald Richtung Süden. Nur einige Minuten später kommen wir auf eine sehr originell gestaltete Orientierungshilfe über alle jene Pflanzen, Bäume und Tiere, die ein Wanderer in den Wäldern zu Gesicht bekommen könnte.

Fauna und Flora wie Taschenbücher in der Buchhandlung präsentiert
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Eine gute Viertelstunde später erreichen wir die Hörmann-Quelle, eine Art Kreuzungspunkt von Rad- und Wanderwegen. Sie erinnert an Mihály Hörmann, einen besonders wagemutigen Kämpfer gegen die Habsburger zur Zeit der Bethlen-Aufstände im frühen 17. Jahrhundert. Die Hörmann-Quelle ist mit 713 Meter die höchstgelegene auf der ungarischen Seite des Günser Gebirges.

Direkt gegenüber reibt sich der Wanderer ob der dort plakatierten Verhaltensregeln die Augen – so als ob auch ohne Eisernen Vorhang der Staat noch allmächtig wäre.

Belehrung für Wanderer nahe der Hörmann-Quelle
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Auf den folgenden 35 Minuten bis zum Geschriebenstein reihen sich rund 20 von den Ungarn gestaltete Tafeln des Lehrpfads Geschriebenstein–Írottkő in knappen Abständen aneinander. Diese enthalten in ungarischer Sprache mit teilweise kurioser deutscher Übersetzung Informationen über alle Orte im näheren und weiteren Umkreis vonKőszeg aber auch über die Steirerhäuser oder die Quellen im Naturpark („Siebenbründe“ sic!).

Je näher wir dem Geschriebenstein kommen, desto stärker wird der Wald von Birken dominiert – auf dem letzten Kilometer kann man zumindest links und rechts des Weges getrost von Birken-Monokultur sprechen.

Der letzte Kilometer vor dem Geschriebenstein wird von Birken dominiert
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Dann ist die Grenze erreicht und mit ihr der höchste Berg des Burgenlandes (884 Meter) samt dem seit einigen Jahren völlig frei stehenden steinernen Grenzturm mit Aussichtswarte (die Grenze verläuft direkt durch den Turm).

Der 1913 errichtete Grenzturm mit der Aussichtswarte auf dem Geschriebenstein
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Ich erinnere mich noch gut an meinen letzten (Arbeits-)Besuch auf dem Geschriebenstein (für einen Wandertipp). Das war am Sonntag, den 10. Mai 1998, der Tag an dem in Ungarn das Parlament gewählt wurde. Der Grenzturm war noch von Sträuchern umgeben, man gelangte eher durch einen Verschlag zu den Stiegen. Die ungarischen Zöllner saßen im Erdgeschoß um einen Holztisch, die österreichischen einen Stock höher. Auch neun Jahre nach Fall des Eisernen Vorhanges hielt man konsequent Distanz – dabei wurde zu ebner Erd’ und im ersten Stock mit Karten von „Frucade“ (66 bzw. „Schnapsen“) gespielt.

Vom Finstergraben zum Öden Schloss

Vom Geschriebenstein nehmen wir den Weg in Richtung Passhöhe, biegen nach fünf Minuten links nach Rechnitz ab.

Auf den ersten vier der sechs Kilometer bis Rechnitz geht es gelegentlich steiler bergab, müssen wir doch mehr als 500 Höhenmeter „loswerden“. Im ersten Teil bleiben wir nahe der Grenze, es ist auch bei Sonnenschein ziemlich düster, aber wir sind nun mal im Finstergraben unterwegs. Im unteren Teil wird es heller; wenn es schon wieder fast eben wird, wir den Beginn des Faluditals erreichen, böte sich zur Rechten noch ein Abstecher zum Rechnitzer Pendant zur Kőszeger „Alten Burg“, dem „Öden Schloss“ bzw. seinen wenigen Resten an.

Es sind nur einige Minuten über einen markierten, schmalen Steig. Von der auf einem markanten Geländevorsprung gelegenen und von Burggraben und Burgwall umgebenen Anlage sind nur noch wenige Fundamente erhalten, alles andere hat sich die Natur zurückgeholt. Laut den Quellen wurde das „Öde Schloss“ nach der „Güssinger Fehde“ und dem folgenden Friedensschluss mit dem ungarischen König Andreas III. auf Befehl von Herzog Albrecht I. von Österreich teilweise zerstört. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ordnete die Komitats-Verwaltung die Zerstörung der Reste des „Öden Schlosses“ an, um „Unterschlupfmöglichkeiten für Diebsgesindel“ zu beseitigen

Im nun helleren und ebenen Faludi-Tal erreichen wir nach einer guten Viertelstunde den Rechnitzer Badesee, in älteren Karten noch als Faludi-Stausee eingetragen.

Rechnitzer Badesee im Faludi-Tal
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Am Beginn der Hochstraße treffen wir auf die unmittelbar nach Erlass des Toleranzpatents (1781) errichtete evangelische Kirche, in der 1783 der erste evangelische Gottesdienst nach der Gegenreformation gefeiert werden konnte. Vom Martin-Luther-Platz drehen wir ins Ortszentrum von Rechnitz.