Kattingers Grenzgänge

Etappe 6: Von Sandl über ein mehr nationales Dreiländereck nach Karlstift

von Matthäus Kattinger / 20.10.2015

Credits: GG, FL

Bei der heutigen Etappe durch weitgehend unbesiedeltes Gebiet spielt die Natur die Hauptrolle. Ausgenommen davon ist nur der erste Kilometer von Sandl in den Vorort Kohlstatt, denn da wandern wir an der Straße Gmünd-Freistadt entlang. Aber schon am Ortsende von Kohlstatt geht es bei einem kleinen Schloss in den Wald in Richtung Schloss Rosenhof.

Vor uns liegt eine wie mit der Schnur gezogene Allee mit prächtigen alten Bäumen. Doch die Freude ist von kurzer Dauer, gezielt in der Allee platzierte Felsblöcke verheißen nichts Gutes: Mit den Jahresringen der Kastanien hat auch deren „Gebrechlichkeit“ zugenommen. Daher, so ist es auf der Tafel zu lesen, bleibe die Kastanienallee bis zum Schloss für „Durchfahrt und Durchgang“ gesperrt. So schön alte Bäume auch seien, so wären diese doch leider eine Gefahr.

Leider darf die Kastanienallee wegen der Gefahr umstürzender Bäume nicht betreten werden.

Wir werden auf eine im Abstand von wenigen Metern parallel verlaufende Forststraße verwiesen. Manch skurrile Form der Baumstämme ist auch von dort auszumachen. Bei einem sehr modernistischen Kreuz enden Allee und Ausweichroute. Während der Nordwaldkammweg vor dem Schloss Rosenhof nach links dreht, nehmen wir mit dem „Rundweg Rosenhofteiche“ einen kleinen Umweg.

Schloss Rosenhof

Statt Kastanien säumen nun dickstämmige Fichten, Ahorne, Buchen, Linden und auch Birken den Weg. Das Bestreben ist offenkundig, der Fichtenmonokultur im Böhmerwald mehr Mischwald entgegenzusetzen.

Siamesische Zwillinge gleich hinter dem Schloss Rosenhof

Wie sein großer Bruder diente auch der kleinere Untere Rosenhofer Teich ursprünglich als Wasserreservoir für das Holzschwemmen.

Unterer Rosenhofer Teich

Im Unterschied zu dem der Öffentlichkeit als Badesee zugänglichen Unteren Rosenhofer Teich verströmt der wesentlich größere Obere Rosenhofer Teich eine an skandinavische Seenplatten erinnernde majestätische Ruhe.

Oberer Rosenhofer Teich

Nach den beiden Teichen drehen wir auf der Forststraße in Richtung Grenze. Die Stille ist hier fast absolut, nur gelegentlich vom Zwitschern der Vogelwelt unterbrochen. Ein weitgehend sich selbst überlassener Wald erfreut das Auge – ein kleineres Aufforstungsareal bildet die Ausnahme von der Regel. Bei einem hoch hängenden Marienbild (Kote 886) drehen wir halbrechts, bis einige Minuten später mit dem Passieren des Wildschutz-Zauns die finale Annäherung an die Grenze beginnt.

Prächtige, nicht wackelnde, moosüberwucherte Felsblöcke zieren die österreichische, dichte, aber nicht so hohe Fichten die tschechische Seite. Seit Schloss Rosenhof sind wir auf 1000 m Höhe unterwegs – wie auf einem riesigen Plateau. Wenn der nach links drehende Weg leicht zu fallen beginnt, taucht aus dem üppigen Grün zur linken Seite ein kleines Holzhaus auf, während sich rechts der Bucherseebach gemächlich dem Rastplatz mit dreieckiger Steinsäule nähert. Wir stehen wieder auf einem Dreiländereck.

Der Dreiländerobelisk aus dem Jahr 1661

Die Steinsäule wurde schon 1661 errichtet, um die damalige Grenze zwischen Österreich ob der Enns, Österreich unter der Enns und Böhmen zu markieren (so die Inschrift). Heute steht die Steinsäule wie eh und je, nur die Grenzländer heißen heute Oberösterreich, Niederösterreich und Tschechien. Errichtet wurde die Säule von Freiherr Joachim von Windhag; dieser hat aber nichts mit dem in Luftlinie 10 Kilometer westlich liegenden Windhaag bei Freistadt zu tun, sondern mit Windhag bei Perg im Machland nahe der Donau.

Nach der Grenzidylle beginnt der Tanz auf der Grenze, markiert doch die Wegesmitte die Staatsgrenze. Es ist ein eigenartiges Gefühl, mit einem Fuß im Heimatland, mit dem anderen jenseits der Grenze zu stehen.

Die Tafeln, zur Rechten das rotweißrote Österreich, zur Linken das „Přírodní památka“ der Tschechen, sind treue Begleiter auf schmalem Waldweg. Zur Rechten lässt sich der Sepplberg ausmachen, wobei der Seppl schon ein Niederösterreicher ist. In der folgenden halben Stunde kommen wir an einschichtigen Höfen vorbei, wobei einige offensichtlich aufgegeben wurden. Unser Grenzweg wird auf der linken Seite von einer tschechischen Forststraße, auf der österreichischen Seite von einem zur Asphaltierung vorbereiteten Güterweg „eskortiert“.

Dann treten wir aus dem Wald, die Siedlung Stadelberg vor uns. Fünf Minuten später stehen wir an dem für Radfahrer und Fußgänger geschaffenen Grenzübergang nach Vyšší Brod; noch auf österreichischem Gebiet liegt die Bucherser Gedenkkapelle der Heimatvertriebenen des fast zur Gänze ausradierten Ortes Buchers (Pohoří na Šumavě) gleich hinter der Grenze.

Die Bucherser Gedenkkapelle bei Stadelberg

Eine Grenzbegegnung bestätigt ähnliche Erfahrungen der vorangegangenen Tage. Fast zeitgleich wie der Wanderer treffen am Grenzübergang Radfahrer von der böhmischen Seite auf einen von Österreich kommenden. Mit der Verständigung in den Muttersprachen will es nicht klappen – wenn das neutrale Englisch nicht wäre! Von der anfänglichen Euphorie nach dem Fall des Eisernen Vorhanges, die Sprache des anderen zu lernen, ist wenig geblieben.

Gleich nach der Bucherser Kapelle breitet sich zur Rechten die „Working Cattle Ranch“ aus; die Rinder beleben die von Bergen von Wurzelstöcken gesäumten großflächigen Weiden. 

Vor der Working Cattle Ranch

Für ein Stück folgen wir der Straße zum „Jagdhaus zur Lainsitz-Quelle“, dann wartet der kurze Anstieg von 100 Höhenmetern zum Aichelberg mit der Dreifaltigkeitskapelle auf dem Gipfelplateau; nach zwei Dritteln des Anstiegs lädt der Ursprung der Lainsitz zu einem Abstecher ein.

Die so inspirierende Naturwanderung klingt mit dem eine knappe Viertelstunde dauernden Abstieg nach Karlstift aus.