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Kattingers Grenzgänge

Etappe 8: Von Weitra über Dietmanns ins zweigeteilte Gmünd

von Matthäus Kattinger / 22.10.2015

Die heutige Etappe verbindet die beiden wichtigsten Städte im westlichen Waldviertel.


Credits: FL, GG

Ausgangspunkt ist der Hauptplatz in Weitra. Durch das alte Stadttor folgen wir kurz der Straße nach Gmünd, biegen dann vor dem Friedhof rechts ein.

Beim Bahnhof queren wir zum ersten Mal die Gleise der schmalspurigen Waldviertelbahn, die den fahrplanmäßigen Verkehr sowohl von Gmünd nach Litschau als auch von Gmünd nach Großpertholz eingestellt hat. Sie wurde zu einem Instrument des Fremdenverkehrs degradiert, verkehrt nur noch in größeren Intervallen von Mai bis Oktober.

Die vielen Schleifen der Waldviertelbahn

In den folgenden 20 Minuten werden wir die Gleise noch fünf Mal queren. Angeblich waren die vielen Schlingen notwendig, um den Höhenunterschied zwischen Alt-Weitra (509m) und Weitra (562m) zu überwinden.

Gemäß dieser Logik hätte man bei der Semmering-Bahn die Schleifen wohl von Eisenstadt bis nach St. Pölten ziehen müssen. Da gilt wohl eher das, was mir ein Bahnangestellter im Zug von Wien nach Retz erklärte (wo die Schleifen zwischen Guntersdorf und Retz ähnlich „großzügig“ sind); dieser meinte, erstens verrechne die Bahn den Tarif nach Kilometern, zweitens wären auch die beteiligten Bauunternehmen (früher hieß das noch nicht ÖBB-Infrastruktur) interessiert gewesen, mehr Geleise zu verlegen, mehr Schienen, Schwellen und Schotter zu verkaufen.

Wenn wir bei der sechsten und für heute letzten Querung wieder die Straße von Weitra nach Ulrichs erreichen, sehen wir – noch etwas erhöht – zur Linken den Alt-Weitraer Teich, während sich rechts hinter den Kornfeldern der Ulrichsteich ausbreitet.

Blick auf den Ulrichsteich auf dem Weg von Weitra nach Ulrichs
Credits: MK

Auf der kaum befahrenen Straße marschieren wir dann durch den kleinen Flecken Ulrichs. In der Ortsmitte biegen wir links und gleich darauf rechts ab. Hier böte sich die Möglichkeit für einen Abstecher nach Alt-Weitra (ca. 20 Minuten, 1,5 Kilometer), im Speziellen zur Wehrkirche, die zu den ältesten Pfarren des Waldviertels gehört.

Wir aber tauchen für wenige Minuten im Wald ein, marschieren auf dem Güterweg am urigen Buschenbach knapp 100 Höhenmeter „bergan“.

Dieser sieht an einigen wenigen Stellen wie ein Gebirgsbach aus, auch wenn ihm Geschiebe und Felsblöcke fehlen. Dann treten wir aus dem Wald, den mächtigen, der Herrschaft Fürstenberg gehörenden, wie so viele Höfe im Waldviertel still vor sich hin verfallenden Friedrichshof vor uns.

Die Westseite des noch immer imposanten Friedrichshofs mit austrocknendem Teich im Vordergrund
Credits: MK

Wir umrunden diesen, sollten uns jedenfalls ein bizarres Schauspiel nicht entgehen lassen. Denn aus dem nur noch aus Holzsparren bestehenden Dach des hintersten Gebäudeteils wachsen zahlreiche Jungbirken zwischen den Holzleisten heraus, die im Dachboden Wurzeln geschlagen haben.

Neues Leben entspringt auf dem Dachboden des Friedrichshofs
Credits: MK

Durch eine noch junge Allee erreichen wir auf einem ausnahmsweise nicht asphaltierten Güterweg die Straße von Alt-Weitra nach Hörmanns. Wir schwenken rechts in die als Naturdenkmal geschützte Allee ein, um nach gut 100 Metern links auf den Rain zwischen zwei Kornfeldern zu wechseln. Dieses Stück ist extrem unangenehm zu gehen, die Gefahr zu verknöcheln groß. Dann empfängt uns als Labsal für Beine und Fußgelenke der Satzungswald.

Vorteil für Kippstangen-Erfahrene

Wir marschieren einmal auf Forststraßen, meist auf weichen Waldwegen, aber auch – vor allem im letzten Teil – auf ganz schmalen Wegerln mit engem Pflanzenkontakt. Kippstangentechnik-Erfahrene sind im Umgang mit den vielen Brennnesseln sicherlich im Vorteil.

Aus dem Wald heraustretend steuern wir zwischen Getreidefeldern Dietmanns an. Der langgezogene Ort gleicht einem durch einen kleinen Bach getrennten Straßendorf. Wir folgen zunächst der Hauptstraße Richtung Hörmanns, um nach gut 150 Metern links abzubiegen. Dann wandern wir durch kleinere Gärten, „erklimmen“ den nur unwesentlich höheren Guggaberg, um – immer in Richtung Osten – nach einer guten Viertelstunde den Wald, die sogenannte Reutlüss, zu erreichen.

Dort drehen wir bald nach links (Norden) und stehen kurz darauf vor dem Hubertusbild im Asangwald. Danach halten wir uns rechts, über Schwellberg und Albrechtsbach erreichen wir die Landesstraße von Gmünd nach Schweiggers bzw. Albrechts.

Wir folgen dieser für ca. 600 Meter und biegen dann am rechten Waldende – zur Linken der Asang-Teich und das Sole-Felsenbad – rechts in den Teichkettenweg ab.

Vorbei am Neu- und am Pilzteich überqueren wir noch im Haidwald zunächst die Bundesstraße und einige Minuten später unterqueren wir die Franz-Josefs-Bahn. Dann schwenken wir nach rechts und gleich darauf nach links, marschieren am Fuchsteich vorbei, um wenig später die Schremser Straße in Gmünd zu kreuzen und das örtliche Kraftzentrum, den Stadtplatz, anzusteuern.

Die größte Stadt im westlichen Waldviertel erregte zuletzt mit dem von der EU geförderten Projekt „Healthacross in Practice“ Aufsehen. Auf dessen Basis werden tschechische Patienten aus dem Nachbarort České Velenice im Krankenhaus Gmünd ambulant behandelt. Denn das nächste Krankenhaus auf tschechischer Seite ist 60 Kilometer entfernt, bis zum nächsten Notarztwagen sind es auch mehr als 30 Kilometer. Bisher haben bereits 2.000 Patienten aus Tschechien eine Behandlung in Anspruch genommen; in Zukunft soll die Kooperation auch auf stationäre Behandlung ausgedehnt werden. Schon früh hat man im Krankenhaus Gmünd übrigens darauf gedrungen, dass ein Teil des Personals tschechisch spricht.

Während beim grenzüberschreitend tätigen Krankenhaus die Dynamik spürbar ist, kämpft der bereits 1993 initiierte grenzüberschreitende Wirtschaftspark nicht nur mit den Mühen der Ebene, sondern auch mit einer nur für Theoretiker und geduldiges Papier überzeugenden Konzeption.