Europas Technophobie sorgt für Goldgräberstimmung unter Brüssels Lobbyisten

von Elisabeth Oberndorfer / 23.04.2015

Google gibt in den USA so viel Geld für Lobbying aus wie kein anderes privatwirtschaftliches Unternehmen. Auch wenn der Suchmaschinenriese international mit vielen Baustellen kämpft, zahlt sich die Investition aus. Denn wir Europäer übersehen die Schauplätze, die dem Konzern wirklich wichtig sind.

Rekord bei Lobbying-Aufwendungen

„Wie jetzt? Ihr habt ein Recht darauf, vergessen zu werden? Das ist ja arg!“ – In unserer Zeitepoche muss man als Österreicherin im Silicon Valley nicht mehr über Arnold Schwarzenegger oder „The Sound of Music“ sprechen. Man dient vielmehr als Auskunftsstelle über alle Wahnsinnigkeiten, die die EU Google aufbrummt. Wir wollen aus der Suchmaschine gelöscht werden, Nachrichtenartikel in Google News nichtauffindbar machen, und wir sehen das Betriebssystem Android als Bedrohung für den Mobilfunkmarkt. Ja, diese Konversation bringt garantiert einige Lacher.

In den USA hat es der Technologiekonzern mit seinen Geschäftspraktiken um einiges einfacher. Doch dass die amerikanischen Kunden so denken, wie sie denken, lässt sich Google einiges kosten. Im ersten Quartal 2015 hat das Unternehmen 5,5 Millionen US-Dollar für Lobbying ausgegeben. Das sind laut dem Transparenzbericht von Maplight 43 Prozent mehr als vor einem Jahr, und mehr als der Silicon-Valley-Riese jemals ausgegeben hat. Nur staatsnahe Organisationen wie die US-Handelskammer oder die National Association of Realtors gibt mehr für Lobbying aus.

Goldgräberstimmung in Brüssel

Von der Europäischen Union wird Google laufend unter Druck gesetzt. Nach dem Recht auf Vergessenwerden, das die Suchmaschine dazu zwingt, Inhalte auf Anfrage zu löschen, macht dem Konzern jetzt das Wettbewerbsrecht zu schaffen. Die kritische Einstellung der EU gegenüber Google sorgt in Brüssel ebenfalls für Goldgräberstimmung unter den Lobbyisten, wie Politico beobachtet. Tatsächlich gab das in Mountain View beheimatete Unternehmen im vergangenem Jahr bis zu vier Millionen Euro für Lobbying-Tätigkeiten aus, zeigt das Transparenzregister der EU.

Für den börsennotierten Konzern, der im Jahr 2014 66 Milliarden US-Dollar eingenommen hat, dürften die Lobbying-Ausgaben nur eine Rundungsdifferenz sein. Diese schmerzt zwar ein bisschen und kostet nicht zuletzt auch Nerven und Energie. Dennoch scheinen sich die Aufwendungen langfristig zu rentieren. Trotz der vielen Kritik und Skepsis baut Google seine Marktmacht stetig aus, die europäischen Medienmacher freunden sich langsam mit der Suchmaschine an und der durchschnittliche Konsument kennt sowieso keine Alternative.

Lächerliche Nebenschauplätze

Die Lobbying-Maschine sorgt außerdem dafür, dass wir an den richtigen Stellen wegsehen. Während die EU sich mit dem mobilen Betriebssystem Android und dem Preisvergleichsangebot Google Shopping beschäftigt, wird das Unternehmen in den USA gerade zum Mobilfunker. „Project Fi“ heißt das neue Tarifangebot, das auf die Netze von T-Mobile und Sprint aufbaut. Mit einer monatlichen Grundgebühr von 20 US-Dollar zählt der Google-Tarif zu einem der günstigeren Anbieter am teuren US-Mobilfunkmarkt. Beinahe unbemerkt schloss Yahoo vergangene Woche nicht aus, in Zukunft mit dem Konkurrenten im Suchmaschinenbereich zu kooperieren. Google zeigte bereits in der Vergangenheit Interesse an einer Zusammenarbeit – was bei der EU ebenfalls für Ärger sorgte.

Wird dem Google-Vorstand der Druck aus Europa und Washington, DC, doch zu viel, verkriechen sich die Herren wohl am NASA-Flugplatz unweit vom Headquarter. Dort hat sich Google für die nächsten 60 Jahre eingemietet, um neue Technologien zu entwickeln: Roboter, Autos und Satelliten, die Internetverbindungen herstellen. Und spätestens wenn der Mietvertrag ausgelaufen ist, werden wir über die kleinen Baustellen, mit denen wir Google vor Jahrzehnten genervt haben, lachen.