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Familientherapie für die EU

Gastkommentar / von Klaus Woltron / 04.12.2015

Präambel

Was ich nachstehend ausführe, ist ein kleiner Verrat an meinen ehemaligen Kollegen in der Wirtschaft, insbesondere jenen, die in großen Organisationen erfolgreich arbeiten. Ich verrate das Geheimnis dessen, was eine funktionierende Struktur ausmacht, und warum gesunde wirtschaftliche Organisationen den politischen immer überlegen und weit voraus sind. Dieser kleine Verrat wird aber nicht schaden, denn zu den Unzulänglichkeiten der politischen Strukturen kommt noch die Dynamik von deren Lernfähigkeit, welche jener von Riesenschildkröten nicht unähnlich ist. (Eine beachtliche Ausnahme hiervon ist die Entscheidung der Dänen vom 4. Dezember 2015, ihre EU-Knechtschaft nicht noch weiter zu vertiefen.)

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Das Dilemma

Weithin hallt der schaurige Bannfluch, den der EU-Abgeordnete der Grünen in Rente, Johannes Voggenhuber, stets über die europäischen Staatsoberhäupter hinschleudert, wenn seine ehemaligen Brötchengeber in Brüssel wieder einmal nichts zustande gebracht haben:


Credits: Wikimedia Commons

Die Kurfürsten  vereiteln schon wieder richtige Entscheidungen und notwendige Maßnahmen der Organe der EU (impliziert unkorrekter Weise, dass dort ein Kaiser regiert). Eine himmelschreiende Verantwortungslosigkeit der Einzelstaaten ist das, von nationalem Egoismus und Rücksichtslosigkeit dem Europäischen Gedanken gegenüber verursacht.“

Auch aktive Mitglieder des EU-Parlaments, die nicht genannt werden wollen, bestätigen diese Diagnose.

Wesentliche Entschlüsse von EU-Organen, sei es des Parlaments oder des Rates, bedürfen der Zustimmung der Mitgliedstaaten. Für weniger relevante Fragen ist es ganz leicht, diese zu erhalten – dafür kassiert man dann Spott und Hohn, wie im Fall der Gurkenkrümmung, Ölkännchen-Verordnung, Glühlampen-  und Christbaumkerzen-Regelung. Geht es hingegen um Substantielles: Währungsfragen, Flüchtlinge, Außengrenzenschutz etc., werden die unverbindlichen Zustimmungen der Mitgliedstaaten in Brüssel zu Ablehnungen im Ernstfall und zu politischem Kleingeld zu Hause. Wie soll man in einem solchen Umfeld eine klare, konzise, konsequente Politik machen?

So wird der schon recht abgenutzte Ball des Versagens zwischen Brüssel und den Staatskanzleien der Mitgliedstaaten in endlosen Querpässen hin und her gespielt – wie derzeit gerade in der Frage der Quotenregelung für die Aufteilung von Flüchtlingen. Diese droht, im Gegensatz zu bisherigen Fällen, die stets durch faule Kompromisse oder eilfertiges Unter-die-Decke-Kehren klammheimlich vertuscht werden konnten, den Laden tatsächlich zu sprengen.

Es gelang bisher, durch Brechen fast aller Versprechen und Grundsatzverträge – Schengen, Bailout, Euro-Stabilität etc. – den lecken Kahn über Wasser zu halten, aber irgendwann ist Schluss mit einer Maschine, die inhärent eine Fehlkonstruktion ist und nur im Stand ohne Getriebeknirschen und Zahnradbruch rundläuft.

Diese inhärenten Konstruktionsfehler werden interessanterweise von allen Kundigen, mit denen man über den aktuellen Zustand der EU spricht, bereitwillig und lebhaft zugegeben. Es erhebt sich sodann aber die nicht unwichtige Frage:

Wozu ist ein Verein eigentlich gut, der nach Angabe seiner Exponenten seine Aufgaben nicht erfüllt und auch qua Statut nicht erfüllen kann?

Hätte ich Verantwortung in einem solchen Verein – ich würde ihn, wegen weithin sichtbarer Lächerlichkeit meiner Tätigkeit, unter Protest verlassen; es sei denn, ich wäre aus existenziellen Gründen auf diese meine Scheintätigkeit angewiesen. Dann würde ich kleinlaut und mit Schande bedeckt weitermachen – müssen.

Eine solche Lage durfte ich, mit allen Konsequenzen auf meinen Gemütszustand, als Chef eines Großbetriebs in der verblichenen ÖIAG auskosten. Bitter notwendige schmerzhafte Entscheidungen wurden vom Eigentümer konterkariert, die Verantwortung für die verderblichen Folgen sodann auf das vorher blockierte Management abgewälzt. Das Ende ist bekannt: Der Club schlitterte in eine gewaltige Pleite und wurde, ganz anderen Mächten ausgeliefert, kurzerhand privatisiert und verkauft. Es war mir sodann vergönnt, über fünf Jahre hinweg die Scherben zusammenzukehren.

Die Adepten einer stärkeren Zentralisierung der EU – eine solche zum Beispiel könnte, in Verbindung mit entsprechenden konzisen Entscheidungsabläufen, Durchsetzungsmöglichkeiten und Sanktionssystemen, den Schaden nach Ansicht mancher Optimisten vielleicht richten – rufen verständlicherweise nach den bekannten Strukturen eines Zentralstaats, wie etwa in den USA. Die allermeisten Mitglieder des Vereins aber haben gar kein Interesse, ihre Selbständigkeit wieder aufzugeben. Sie werden den hierzu notwendigen Änderungen in den Statuten und Regelwerken der EU daher niemals zustimmen – zumindest nicht, solange nicht eine schwere existenzielle Katastrophe sie dazu zwingt. Mehr dazu weiter unten und, beispielhaft, in einem aktuellen Kommentar von Prof. Sinn.

„Double bind“ und Rückkoppelung


Credits: Sebastian Plönges

Die Entscheidungsträger der EU befinden sich also, wie ich damals, so 1980, in einer klassischen Double-Bind-Situationsie sind in einem selbsthemmenden System von Handlungszwang und gleichzeitiger Handlungshemmung verfangen.

Da hilft kein Beschwören, Planen und Theoretisieren: Bevor dieses Dilemma nicht aufgelöst ist, geht gar nichts, und das europaweite Vertrauen in den Nutzen des sündteuren Gebildes geht überdies rapide verloren.

Dieser Prozess des Vertrauensverlustes wiederum ist ein weiterer Teufelskreis in dem ganzen Spiel, der dem Gesetz rückgekoppelter Systeme unterworfen ist: Es handelt sich um einen selbstbeschleunigenden Prozess, der ohne einen massiven qualitativen Eingriff unweigerlich zur Zerstörung führt. Quantitative Maßnahmen wie Intensivierung von steuernden Anstrengungen, mehr Kommunikation – mehr vom Gleichen, allgemein gesprochen – werden diesen Vorgang, wegen offensichtlicher Wirkungslosigkeit, nur noch beschleunigen.

Teufelskreise als rückgekoppelte Systeme


Credits: Klaus Woltron

Positive Rückkopplungen erzeugen Be­schleunigung, Aufschau­kelung, Ka­tastro­phen. (Beispiele: Die Entwicklung von Panik, marschierende Soldaten auf einer Brücke, pfeifende Lautsprecher, Sucht, Bevölkerungsexplosion etc.) Negative Rückkopplungen findet man bei Gleich­gewichtszuständen und harmonischen Entwick­lun­gen. (Thermostat, Drehzahlregler, Tempomat, demokratische Prozesse, Wachstumsbegrenzung etc.)

Die Anfälligkeit eines Systems für posi­tives Feed­back, für Teufels­kreis-Effekte, wird umso stärker

·       je primitiver es ist,
·       je starrer es konstruiert ist,
·       je weniger Ausweich- und Dämp­fungsele­mente es enthält.

Nun handelt es sich bei der Europäischen Union, was ihre Handlungen anlangt, im Endeffekt um ein extrem primitives System: In Brüssel wird entschieden, die „Kurfürsten“ stimmen gleisnerisch zu und machen zu Hause etwas ganz anderes. Diese Handlungsabfolge schaukelt sich immer mehr auf, mit dem Resultat, dass nichts wirklich Effizientes geschieht, alle Probleme sich stauen sowie Glaubwürdigkeit und Akzeptanz rapide schwinden. Was tun?

Mit „Mehr vom Gleichen“ wird die Sache, wie schon dargelegt, immer schlimmer werden.

Bremseffekte in Teufelskreisen

Positive Rückkopplungen haben zwei wahrscheinliche Zukunftsszenarien: Das erste ist die Selbstzerstörung. Wenn der Nikotinsucht nicht Einhalt geboten wird, kann das ganze System vernichtet werden – durch Herzinfarkt oder Lungenkrebs. Die zweite mögliche Zukunft wird durch Unterbrechung der Rückkopplung ermöglicht: Das System beruhigt sich, regt sich nicht mehr selbst auf. Im Beispielsfall Nikotinsucht kann diese Unterbrechung durch schrecklichen Husten ausgelöst werden, oder durch plötzliche Einsicht oder einen handfesten Ehekrach. Der Kanincheninvasion Australiens durch explosionsartige Vermehrung wurde durch Import des Myxomatose-Virus ein jähes Ende gesetzt.

In jedem Fall kann ein Teufelskreis nur durch grundsätzliche Änderung der Systemparameter unterbrochen werden. Geschieht dies nicht, sprengt der selbstbeschleunigende Effekt das gesamte System und zerstört es.

Die paradoxe Intention

Doppelbindungssituationen können zu schizophrenen Effekten führen – das ist derzeit an den hysterischen Reaktionen rund um Brüssel in situ beobachtbar. Ganz ähnlich der Unterbrechung von Teufelskreisen kann auch in diesen Lagen vorgegangen werden: Viktor Frankl empfiehlt die paradoxe Intention, indem er dem Betroffenen nahelegt, genau das als schmerzlich und unentrinnbar empfundene Dilemma dadurch zu unterbrechen, dass er es bewusst und absichtlich provoziert: Bei der sogenannten „Symptomverschreibung“ wird das als problematisch verstandene Verhalten gefördert. So kann zum Beispiel die therapeutische Verschreibung in einer Paartherapie, in der sie ihm vorwirft, im Haushalt nichts zu tun, in folgender Anweisung an ihn bestehen: „Bis zu unserer Sitzung unterlassen Sie jede Tätigkeit im Haushalt.“ Das eigentliche Problem (nämlich der Gedanke, dass er dauernd etwas tun müsse) löst sich dadurch auf.

Die Übertragung auf das Dilemma der EU

Die Lehre aus dem Teufelskreis

Folgt man den oben ausgeführten Erkenntnissen, so kann eine Vermeidung des Systemzusammenbruchs auf folgendem Wege erzielt werden: Das System wird vollkommen anders definiert, die Regeln werden neu festgelegt. Dies kann in unterschiedliche Richtungen gehen – entweder in eine solche der vollkommenen Zentralisierung oder zu einer abgemilderten, stark föderalistischen „kleinen Lösung“. In jedem Falle aber wird eine solche Neudefinition nur dann zustande kommen, wenn sich die Befindlichkeiten der Systemteilnehmer grundlegend ändern.

Dies wird, nach allem, was sich heutzutage sagen lässt, nur durch eine existenzielle finanzielle, militärische oder innere politische Krise möglich werden – soweit diese nicht zu dem schon angedeuteten völligen Zusammenbruch und Rückfall in die Nationalstaaterei endet.

Die Lehre der paradoxen Intention

Frankls Rat wiederum besteht darin, genau das Befürchtete absichtlich aufs Korn zu nehmen:

Lasst uns beim nächsten Gipfel deutlich zeigen, dass wir wieder einmal nicht in der Lage sind, ein Problem zu lösen! Versagen wir erneut öffentlich und publikumswirksam!

Was würde passieren? Schon die Atmosphäre der Zusammenkunft wäre eine ganz andere als sonst: Während bei den üblichen Gipfeln das Bestreben im Vordergrund steht, für die zu erwartende Nicht-Aktion entsprechende Ausflüchte und Begründungen vorzubereiten, um später Entschuldigungen parat zu haben, käme man zusammen unter der offiziellen Devise: (s. Bild)


Credits: Bild: Europäische Kommission

Der schon lange unter der Decke schwelende Konflikt würde ganz offen und für alle Bürger verständlich werden. Alle Spieler im System müssten von vornherein Farbe bekennen, die einzelnen Positionen lägen auf dem Tisch – inklusive dahinter liegenden Lügen und verdeckten Absichten. Es gäbe keine Ausflüchte mehr untereinander und gegenüber dem Bürger, warum die ganze Chose nicht funktioniert und so auch nie funktionieren kann. Die Familientherapie könnte öffentlich, unter den kritischen Augen des Bürgers, beginnen.

Das Risiko eines Totalcrashs wäre damit nicht vom Tisch, aber der Zwang, endlich Entscheidungen an der Wurzel des Problems zu treffen, anstatt verlogen und feige immer an den Symptomen herumzudoktern, wäre unausweichlich. Zeit bis zum Crash oder einer kreativen Lösung würde gewonnen – wahrscheinlich viele Jahre.

Einen der beiden erwähnten Lösungswege beobachten zu dürfen – das würde ich mir wünschen. Das wäre ganz fein.