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Fleischessen: Über den eigenen Schatten springen

Meinung / von Samuel Herzog / 26.07.2016

Beim Fleischessen sind wir sehr heikel. Das zeichnet uns zwar als kultivierte Menschen aus – belastet aber die Umwelt. Höchste Zeit, uns daran zu erinnern, was wir eigentlich sind.

Gibt es einen besseren Beweis für den hohen Stand unserer Zivilisation als die Auslage einer durchschnittlichen Schweizer Metzgerei? Vom Rind zum Beispiel umfasst das Angebot in erster Linie Filet, Huft, Hohrücken und Entrecôte, Schnitzel, Ragout, Schulterbraten, Siedfleisch und, wenn man Glück hat, ein wenig Leber. Von einem viele Zentner schweren Ochsen finden also nur ein paar wenige Kilogramm den Weg auf unseren Tisch. Je weniger, desto besser. Denn je mehr Stücke vom Rind wir als ungeniessbar oder unserer nicht würdig erachten, desto mehr sind wir Mensch. Wahrscheinlich würde es dem Stand unserer Zivilisiertheit entsprechen, wenn wir massenweise ganze Ochsen züchteten, allein um zwei Chateaubriands aus jedem zu schneiden. So gesehen steckt in unserer Feinschmeckerei also noch kulturelles Entwicklungspotenzial.

Nicht wie das Vieh

Denn der Mensch zeichnet sich ja gerade dadurch als Mensch aus, dass er eben nicht alles isst. Das unterscheidet ihn vom Tier. Wir werden zwar nicht so geboren. Aber wir lernen als kleine Kinder schon, dass wir nicht wie das Vieh auf allen vieren gehen, nicht wie Tiere unseren Instinkten folgen und vor allem nicht wie Bestien essen sollen. Dazu gehört nur am Rande die Beherrschung von Messer und Gabel. Weit wichtiger ist es, dass wir die von unseren Eltern vermittelte Auswahl der uns zuträglichen und erlaubten Speisen übernehmen und diese als Teil unseres „kulturellen Kapitals“, wie Pierre Bourdieu es genannt hat, inkorporieren.

Dass die Menschheit nicht mit diesem Kapital aus der Arche Noah gepurzelt ist, versteht sich von selbst. Norbert Elias schrieb 1939, dass die „Menschen im Laufe der Zivilisationsbewegung alles das zurückzudrängen suchen, was sie an sich selbst als ‹tierische› Charaktere empfinden“. Unter allen Körpertechniken, die der Mensch entwickelt hat, um sich über das Bestialische (und damit natürlich auch über die Tiere) zu erheben, ist die Nahrungsmittelselektion sicher eine der bedeutendsten.

Und diese Selektion ist insgesamt äusserst rigoros, am strengsten aber im Bereich des tierischen Eiweisses: Von den mehr als 5000 Säugetieren, die es auf dieser Welt gibt und die uns mehrheitlich als Nahrung dienen könnten, betrachten wir in der Schweiz etwa gerade einmal zwei Promille als geniessbar – und rümpfen beim Gedanken heftig die Nase, es könnte uns etwas vorgesetzt werden, das jenseits dieser Promillegrenze über den Planeten trabt. Die Selektion geht jedoch, wie eingangs erwähnt, noch deutlich weiter – vor allem natürlich in den fetten Zeiten, durch die wir in Europa gegenwärtig planschen. Von den Tieren, die wir als Nahrungsmittel akzeptieren, essen die meisten von uns nur einen kleinen Teil – am liebsten die mageren Stücke und ganz bestimmt keine Füsse und keine Köpfe, keine Augen und keine Zwerchfelle, keine Hoden oder Herzen, keine Lungen, Milzen, Nasen, Ovarien, Penisse, Recta oder Sehnen. Das verfüttern wir allenfalls unseren Tieren. „Wir essen, als ob wir nicht essen müssten“, schreibt der Bioethiker Leon R. Kass: „Wir nützen eine tierische Notwendigkeit auf eine ähnliche Art aus, wie eine Ballerina die Schwerkraft ausnutzt.“

Und ein Chateaubriand oder ein Filet ist da natürlich die ultimative Pirouette. Als Wesen, die nicht essen müssen, sind wir nicht nur die Krone der Schöpfung, sondern selbst den Göttern ähnlich, die ja ihr Ambrosia auch nur zum Spass verzehren.

Wir haben es also weit gebracht, sehr weit. Leider hat unser ultimatives gottähnliches Gourmet-Dasein ungünstige Auswirkungen auf den Lebensraum, den wir ja dummerweise immer noch mit unseren Schlachttieren teilen müssen – solange wir unsere Fabriken nicht in einer anderen Galaxie aufstellen können. Das provoziert Schwierigkeiten en masse. Ein Problem etwa, das selbst jene betrifft, die überhaupt kein Herz für Tiere haben, besteht darin, dass das Chateaubriand furzt – und also nicht unwesentlich zur Verschlechterung unserer CO2-Bilanz beiträgt. So muss man bedauerlicherweise zum Schluss kommen, dass das viele Fleisch unserem Planeten nicht bekommt.

Derzeit wird vor allem über drei Alternativvarianten zum Fleisch, wie wir es heute kennen, verhandelt. Die erste Methode lautet Gemüse statt Fleisch und wird bereits von einer wachsenden Gemeinschaft praktiziert. Über die Vor- und Nachteile einer vegetarischen Lebensweise soll hier nicht diskutiert werden. Schaut man sich die Statistiken an, wird offensichtlich, dass derzeit sowieso nur ein kleiner Teil der Menschheit dazu bereit ist.

Über die zweite Alternative wird gegenwärtig viel diskutiert, und sie scheint wie eine Erfüllung von Churchills Prophezeiung von 1932: „We shall escape the absurdity of growing a whole chicken in order to eat the breast or wing by growing these parts separately under a suitable medium.“ In Maastricht ist es Forschern um Mark Post nach jahrelanger Arbeit kürzlich gelungen, Fleisch im Labor zu züchten. Dieses In-vitro-Fleisch oder Cultured Meat ist allerdings derzeit noch etwas teuer – die Produktionskosten des allerersten Hamburgers, der aus diesen im Labor trainierten Muskelfasern geformt, gebraten und verzehrt werden konnte, beliefen sich auf rund 300 000 Euro. Ausserdem hat es für Köche etwas Frustrierendes, mit einem künstlichen Ersatz zu werken, vor allem weil dessen Verarbeitung am Herd stark von der im Labor gestalteten Wesenhaftigkeit des Produktes diktiert wird. Kochen aber ist ein Kampf mit der Natur. Es lebt vom Widerstand, vom Problem, das mit Erfindung bewältigt werden will.

Deutlich interessanter für den Koch (und wohl auch den Esser) ist deshalb die dritte Alternative: Insekten. Es gibt sie massenweise, und sie könnten auch leicht auf nachhaltige und saubere Weise gezüchtet werden. Diese enorme Proteinquelle wurde in den westlichen Ländern noch überhaupt nicht angezapft. Und es wird wohl auch noch lange dauern, bis sich daran wirklich etwas ändert. Die meisten Firmen, die Insekten zum Verzehr an unseren Esstischen anbieten, produzieren diese kleinen Tierchen hauptsächlich als Futter für Geckos, Schlangen, Vögel oder Fische. Klar haben wir Mühe mit der Vorstellung, uns in dieser Futterkette mit anzustellen – droht doch der Abfluss unseres „kulturellen Kapitals“.

Die ekligen Allesfresser

Es gäbe allerdings noch eine weitere Möglichkeit, die sich schnell umsetzen liesse und zwar keine Lösung, aber doch eine Verbesserung bringen würde. Wir könnten hier im Westen an unserem Dünkel arbeiten. Denn der führt ja dazu, dass wir uns nur die besten Stücke vom Rind, Schwein oder Kalb munden lassen. Die Fleischindustrie hat sich so weit entwickelt, dass sich bei uns heute fast jedermann solche Prime Cuts leisten kann. Dieser Luxus für die Massen ändert aber nichts daran, dass sich in der kulinarischen Fixierung auf edles Muskelfleisch gesellschaftliches Statusdenken ausdrückt. Denn je weiter sich unser Verhalten vom gesellschaftlich geprägten Bild des allesfressenden Tieres entfernt, desto höher unser Status. Ekel vor dem, was andere tun, war auch immer schon ein starkes Mittel sozialer Differenzierung. Als Beispiel sei hier nur die Art erwähnt, wie wir über die Chinesen reden, die ja vermeintlich alles essen und sogar so kaltblütig sind, uns in ihren Restaurants die eigenen Haustiere vorzusetzen. Im Ekel vor den Ess-Gepflogenheiten der Asiaten drückt sich vor allem die Überzeugung aus, dass unsere eigene Kultur eben doch ein Stück zivilisierter sei.

Doch weil das Chateaubriand furzt, kommen wir auch im Westen nicht umhin, die restliche Masse des Tieres mit in den Blick zu nehmen. Und wenn wir es so in Gänze vor uns stehen sehen, dann kommt uns zwangsläufig ein Gedanke: Wenn wir dieses Wesen schon schlachten müssen, dann sollten wir es auf jeden Fall auch so integral wie möglich verzehren – nicht mit Haar, aber mit Haut und mitsamt den ganzen Innereien. Alles andere ist respektlos und unvernünftig. Das heisst, wir müssen über unseren Schatten springen – oder vielmehr über unser internalisiertes „Pfui“. Und wir müssen uns Techniken (wieder) aneignen, wie wir auch die derzeit verpönten Stücke unserer Schlachttiere in Delikatessen verwandeln können. Denn es führt kein Weg daran vorbei: Um menschlich zu bleiben, müssen wir wieder mehr Tier werden.