Freispruch oder Guillotine – über Online-Tribunale und Forengerichte

von Barbara Kaufmann / 17.12.2014

In Maribor wird vor einigen Wochen der Leiter einer Schule heimlich beim Liebesakt mit einer Mathematiklehrerin gefilmt. Das Handyvideo landet im Netz. Zunächst leugnet der Direktor, spricht von Bildmanipulation. Als Schüler ihm via Medien drohen, weiteres Material zu veröffentlichen, auf dem er gut erkennbar wäre, sieht der zweifache Familienvater keinen Ausweg aus seiner Situation. Am 29. November nimmt er sich das Leben.

Selbst schuld. Ein lapidarer Kommentar von vielen unter einem der Artikel über den Tod des Mannes. Boulevardmedien schmücken die Berichte visuell aus. Mit jener Videoaufnahme, deren Veröffentlichung dazu beigetragen hat, dass ein Mensch nicht mehr weiterleben wollte. Er hätte sich ja nicht gleich umbringen müssen, meint ein anderer Forumsteilnehmer. Aber wer Mist baut, muss eben damit rechnen, dass es nach hinten losgeht.

Keine Gnade. Kein Erbarmen. Kein Mitgefühl. Nicht für seine Frau. Nicht für die zwei Kinder. Nicht für die Hinterbliebenen. Wer Fehler macht, der muss bestraft werden. So lautet der Tenor in den Onlineforen zu diesem Fall. So lautet er in jedem Fall. Wenn Verfehlungen Einzelner debattiert werden. In Zeitungsforen oder in sozialen Netzwerken. Wo Kommentatoren gleichzeitig in mehreren Rollen auftreten. Als Ankläger, Richter und Henker.

Freispruch oder Tod. Das waren die einzig möglichen Urteile des Revolutionstribunals unter Robespierre während der Französischen Revolution. Angeklagten war Rechtsbeihilfe für ihre Verteidigung untersagt. Auch online werden Gegenstimmen kollektiv überbrüllt, sobald sich die Menge ein Urteil gebildet hat. Ein Freispruch ist wohl ebenso selten, wie er vor dem Revolutionstribunal stattgefunden hat.

In den Wochen vor dem Tod des Schuldirektors aus Maribor treiben sowohl die Medien als auch die Netzgemeinde auf Facebook und Co. den Mann vor sich her. Er wird beschimpft, bedroht, vorverurteilt. Ebenso wie 2012 die damals 15-jährige Schülerin Amanda Todd. Als 12-Jährige lernt sie beim Chatten einen Mann kennen. Sie schickt ihm ein Foto von sich mit nacktem Oberkörper. Es landet im Netz. Mitschüler entdecken es. Amanda wird verspottet und beschimpft. Sie wechselt die Schule. Zwecklos. Ende Oktober 2012 nimmt sie sich das Leben. Ein Jahr zuvor stürzt sich der 19-jährige Musikstudent Tyler Clementi von der George-Washington-Brücke. Sein Mitbewohner filmt den jungen Mann heimlich beim Sex mit einem Freund. Als er mit den Videos im Netz prahlt, verkraftet Tyler die drohende Entblößung seines Intimlebens nicht.

Die Zerstörung eines anderen Menschen ist der stärkste Ausdruck von Macht, den Menschen kennen. Deshalb hatten Diktaturen und Folterregimes nie ein Personalproblem. So erklärt der Gewaltforscher Jan Philipp Reemtsma in einem Interview mit dem Magazin Brand eins die Anziehungskraft von Gewalt. Der Psychologe und Theologe Manfred Lütz ortet eine Rebarbarisierung der Gesellschaft und spricht im Mai in der ZDF-Talkshow Maybrit Illner von eindeutigen Vernichtungsimpulsen, die er mitunter bei Online-Debatten auszumachen meint.

Tatsächlich fühlt man sich beim Lesen der Kommentare zum Tod des Schuldirektors an Szenen aus Peter Brooks Verfilmung von Goldings Lord of the Flies erinnert. Man glaubt, den Chor der Kinder vor dem Lagerfeuer hören zu können. Kriegsbemalung im Gesicht, bewaffnet mit Speeren, die sie rhythmisch in den Boden rammen. Dazu wird im Gleichklang skandiert. Kill the Pig! Cut its throat! Kill the Pig! Bash him in!

Die Enkel der Hippie-Generation stützen sich dabei überraschend häufig auf den bürgerlichen Moralkodex vergangener Jahrhunderte. Ehebruch ist eine Sünde und Sünden müssen geahndet werden. Wer Böses tut, der wird bestraft. Wie diese Kommentatoren wohl Lessings Emilia Galotti lesen würden? Oder Fontanes Effi Briest? Wie sie wohl den Mord an Emilia durch ihren Vater beurteilen würden? Oder das Verstoßen Effis von Ehemann und Familie? Wer Mist baut, muss eben damit rechnen, dass es nach hinten losgeht.

Doch woher rührt das Be-, Ver-, Aburteilen mit einem Klick? Daumen hoch, Daumen runter? Nicht vergeben. Nicht vergessen. Nicht versöhnen. Die Grausamkeiten des Tribunals während der Französischen Revolution sind mit Jahrhunderten voll Hunger, Leid und Elend nicht entschuldbar, aber doch erklärbar. Das Ausmaß an Härte, Hass und Gnadenlosigkeit im Online-Forum lässt einen verblüfft zurück. Na ja, was haben sie sich denn gedacht? Reagiert eine Diskussionsteilnehmerin trotzig auf eine der wenigen Wortmeldungen, die sich betroffen zeigt angesichts des Todes des Schuldirektors.

Mit Sicherheit haben sie nicht daran gedacht, gefilmt zu werden. Dass einer von ihnen die nächsten Wochen nicht überleben wird. Dass ein verwackeltes Video von ihrem Treffen noch Monate, wahrscheinlich Jahre für jedermann online abrufbar sein wird. Auch für die beiden Kinder des Mannes.

Wer die Geheimnisse des Bettes verrät, schreibt Ingeborg Bachmann, verdient die Liebe nicht. Menschen ohne ihr Wissen beim Liebesakt zu filmen, ist das gewalttätige Eindringen fremder Blicke in den intimsten Lebensbereich. Es verletzt jene Sphäre, die nur für die Augen des geliebten Menschen gedacht ist. In der Kontrollverlust stattfindet, Ekstase, Hingabe. Es ist ein irreversibler Vertrauensbruch. Es macht aus Nähe eine beliebig oft vervielfältigbare Ware. Es schürt das Misstrauen aller, die zu Zeugen dieses Vetrauensbruchs werden.

In Goldings Lord of the Flies wird von den gestrandeten Kindern ein Monster auf der Insel vermutet. Es dient als Vorwand für die wachsende Gewalttätigkeit innerhalb der Gruppe. Abseits der anderen diskutieren zwei der Jungen die Existenz des Ungeheuers. Es sind jene beiden, die später durch die Hand des Mobs zu Tode kommen werden. Maybe there is a beast. Maybe it’s only us.