Griechenland: Der Mythos ist ein hartnäckiger Knabe

von Michael Fleischhacker / 20.02.2015

Vor ungefähr 2.500 Jahren ist in Griechenland schon einmal passiert, was jetzt wieder passieren muss: Der Übergang vom Mythos zum Logos.

„Vom Mythos zum Logos“ (so der Titel eines 1940 erschienen Buches des klassischen Philologen Wilhelm Nestle) beschreibt den Übergang von der Weitergabe unzusammenhängender Erzählungen, in denen allerlei Götter ihren höchst menschlichen Trieben folgen, zum Versuch, Weltentstehung und Weltgeschehen in nachvollziehbaren Zusammenhängen zu beschreiben. Angelpunkt dieser Entwicklung sind die Werke Platos, in denen mitunter streng mit den vorsokratischen Mythensängern abgerechnet wird.

Aber der Mythos, wer wüsste das nicht, ist ein hartnäckiger Knabe. Das abgelaufene Jahrzehnt haben die Griechen erneut im Mythos-Modus zugebracht: Durch den zu billigen Euro wurde eine Wohlstandsillusion erzeugt, die seit 2010 korrigiert wird – allerdings auf der Grundlage eines neuen Mythos, der da lautet: Die armen Griechen werden von reichen „Nordländern“ unter dem Deckmantel der „Finanzhilfe“ geknechtet und ausgeraubt.

Der Wahlsieg des Alexis Tsipras und seines SYRIZA-Bündnisses hat über den Wahltag hinaus zu einer Fortsetzung des Mythos-Modus geführt, der ja in Wahlkämpfen den auch im Normalbetrieb nicht besonders ausgeprägten Logos-Modus überlagert. Yanis Varoufakis, der griechische Finanzminister, der die Welt im Allgemeinen und die Eurogruppe im Besonderen als Apoll beglückt, personifiziert als akademischer Ökonom gewissermaßen die Umkehrung der griechischen Geistesgeschichte: vom Logos zum Mythos.

Viele Kulturen und Gesellschaften haben im Laufe der Geschichte die Erfahrung machen müssen, dass es sich bei der Entmythologisierung um einen schmerzhaften Prozess handelt. Als die geflügelten Götter der griechischen Euro-Traumzeit auf dem harten Boden der Pleite-Realität aufschlugen, war das mit Sicherheit kein Vergnügen. Es wird auch nicht lustig werden, wenn sich der Mythos von der Ausbeutung der armen Griechen durch die bösen, sparwütigen Deutschen in Luft ausgelöst hat. Genau das wird nämlich in diesen Tagen auf die eine oder andere Weise passieren – entweder durch die Fortsetzung des Reformprogramms der Troika oder durch die Zahlungsunfähigkeit des griechischen Staates.

Stephan Schulmeister, der Prophet des „New Deal“ und Ankläger des „neoliberalen Paradigmas“, hat zuletzt wiederholt behauptet, dass die griechische Tragödie ein Effekt der Eurokrise und also des neoliberalen Wütens sei, was man daran erkenne, dass die griechische Wirtschaft bis zur Krise unter jenen mit den höchsten Wachstumsraten gewesen sei. So der Mythos.

Der Logos: Der griechische Staat hat in dieser Zeit (von 2002 bis 2009) mit den Krediten, die durch den erschwindelten Euro-Beitritt phantastisch billig wurden, seine Wettbewerbsfähigkeit ruiniert, indem er den Sozialstaat aufblähte und die Begünstigten der staatsnahen Klientelwirtschaft zusätzlich alimentierte. Zum Beispiel wurden die Gehälter seiner mehr als 800.000 (!) Beamten mehr als verdoppelt. Klar, dass das BIP dabei ordentlich gewachsen ist. Seit 2010 sind diese Gehälter um ein Drittel gekürzt worden, was jetzt von den griechischen Mythensängern und ihren salonlinken Papageien in der der Alpenregion als Brutalität an der Grenze zur Unmenschlichkeit kolportiert wird.

Man kann nur hoffen, dass die Finanzminister der Eurozone darauf bestehen, dass Griechenland vom Mythos zum Logos zurückkehrt.