Help me if you can

von Barbara Kaufmann / 27.02.2015

Die Entsolidarisierung der Gesellschaft hat viele Gesichter. Eines davon gehört Jennifer. 23 Jahre alt, mittelgroß, etwas pummelig. Die Haare blond gefärbt, mit Extensions künstlich verlängert, die Augenbrauen dünn rasiert, mit schwarzem Kajal nachgezogen, die Augen stark geschminkt. Die Lidschattenfarbe hat sie von Lady Gaga kopiert, ihrer Lieblingssängerin. Sie mag ihren schrillen Stil. Sie schlüpft gerne in fremde Rollen. Jennifer arbeitet in einem Nagelstudio. Acht Stunden am Tag säubert sie Nagelbetten, feilt Ecken rund, verlängert mit Plastik und Kleber, was von Natur aus zu kurz geraten ist. Vom Geruch der bunten Lacke wird ihr oft schwindlig. Jennifer ist manchmal gerne jemand anderer.

Ein deutscher Privatsender gibt ihr die Chance dazu. Sie wird auf der Straße angesprochen, morgens an der Schnellbahnhaltestelle. Sie ist ein guter Typ, sagt die Casting-Agentin, genau solche sucht der Sender. Drei Tage Dreharbeiten inklusive Verpflegung. Und 250 Euro gibt es obendrein. Jennifer sagt zu, lernt Text, kommt aufgeregt zum Drehort. Sie spielt eine junge Frau aus schwierigen Verhältnissen. Der Vater Trinker, die Mutter überarbeitet, der Freund arbeitslos. Jennifer spielt sich selbst. Die Sendung mit ihr läuft im Nachmittagsprogramm und hat gute Einschaltquoten. Sogenannte Doku-Soaps funktionieren bestens, weil das Publikum die Beine hochlegen und sich eine Stunde überlegen fühlen kann. Egal ob bröckelnde Mittelschicht oder strauchelnde Arbeiterklasse. So schlecht wie denen, die da in billigen Kleidern vom Diskonter vorgeführt werden, so schlecht geht es uns noch lange nicht.

Dass Jennifers Auftritt für sie ein Nachspiel haben wird, dass sie eine Woche lang im Nagelstudio von Kundinnen aufgezogen, samstags in der Disco von ihren Freunden offen ausgelacht, auf der Straße erkannt und dass mit dem Finger auf sie gezeigt werden wird, weil niemand Fiktion und Realität trennen kann, weil beides ineinander verschwimmt, weil das der Sinn dieser Formate ist, das kümmert niemanden. Jennifer hat einen Vertrag unterschrieben. Sie muss wissen, worauf sie sich einlässt. So wie die kleinen Sparer, die durch die Krise ruiniert wurden. So wie die alten Leute, die auf die Keiler im Internet hereinfallen. Auf Eigenverantwortung wird gern gepocht, wenn es bequem ist. Wenn man dadurch keine Privilegien verliert. Selbst Schuld!

Information ist eine Frage der Aufklärung und Aufklärung bedingt Bildung. Wer sie nicht hat, hat etwas falsch gemacht. Solidarität gilt als Begriff des Sozialismus und Sozialismus taugt bestenfalls zur Nostalgie. Die Gesellschaft, das bin zuallererst ich.

Die Ursachen für die breite Entsolidarisierung quer durch alle Schichten werden im System gesucht. Der Kapitalismus macht depressiv. Der Neoliberalismus einsam. Als hätte es im Kommunismus keine Unmenschlichkeit gegeben, als wäre Sozialverhalten etwas, das losgelöst ist von der eigenen Biografie, abgekoppelt vom Ich. Das Selbst ist fremd geworden, marginalisiert, eine Minderheit in der eigenen Wahrnehmung.

Für Minderheiten gründet man Arbeitsgruppen, Task Forces. Dort bleiben sie unter sich. Dort stören sie niemanden. Wer dort keinen Platz findet, verzieht sich ins Internet. Die Kommunikation dort ist jedoch längst auf so viele Kanäle aufgefächert, dass man niemandem mehr antworten muss. Auch nicht jenen, die auf Antwort warten. Angehörigen, Freunden, Menschen, die in Not sind.

Soziale Hilfe ist eine Holschuld geworden, Soll ich helfen? eine unverbindliche Floskel, eine Absichtserklärung, auf die keine Taten folgen. Sie kann Ausdruck von Respekt sein, ist jedoch auch ein Versuch, sich abzugrenzen.

Die Frage: Soll ich helfen? hat ihre Berechtigung, wenn jemand zwei Tabletts zugleich aus der Küche trägt und merklich schwankt. Die Frage: Soll ich helfen? ist ein Mittel der Distanzierung, wenn jemand blutend am Asphalt liegt. Flüchtlingshilfe, Griechen-Hilfe, Sterbehilfe – Hilfe dominiert die Schlagzeilen dieser Tage mehr denn je. In den Texten darunter werden hauptsächlich gute Gründe aufgezählt, um sie zu verweigern.

Die Doku-Soaps funktionieren noch immer gut. Man wird die Sehergewohnheiten nicht so schnell ändern. Das Bedürfnis nach Brot und Spielen, nach anderen, die den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden, ist viel zu tief verankert. Vielleicht hätte Jennifer einfach Freunde gebraucht, die sie fragen, ob sie sich wirklich auf so ein Format einlassen will. Oder Sendungsverantwortliche, die sich bei ihr erkundigen, ob sie die Vor- und Nachteile einer so öffentlichen Zurschaustellung bedacht hat. Oder Menschen, die sie nach der Sendung auffangen, die, statt zu lachen, fragen wie es ihr geht. Wer das in so einer Situation nicht kann, der fragt es sich selbst wahrscheinlich auch schon lange nicht mehr.