Stilfrage

Herrn Kaskes Krawatte

Meinung / von Barbara Kaufmann / 27.11.2015

Rudolf Edlinger nutzte sie zur politischen Agitation, Ferdinand Piëch war sie eine hohe Klage wert, und gestern Abend wurde sie für Rudolf Kaske beinahe zum Fallstrick: Die Krawatte und ihr Muster sagen oftmals mehr über den Träger, als diesem lieb ist. 

Ist es ein Rentier? Ein goldener Dreizack? Eine verunglückte Version der Bourbonen-Lilie, des Herrschaftszeichens jenes Adelsgeschlechts, dem auch der Sonnenkönig Ludwig XIV. entstammt? Man kam als Fernsehzuseher aus dem Rätselraten gestern Abend nicht heraus, als Arbeiterkammerpräsident Rudolf Kaske in der Zeit im Bild 2 von der Bundeshauptversammlung der Arbeiterkammer im Burgenland zugeschaltet wurde. Da stand er also, um über das Schicksal der 2.500 Zielpunkt-Mitarbeiter Auskunft zu geben, die aktuell um ihre Jobs bangen. Umrahmt wurde der Arbeiterkammerpräsident dabei von einem aufgeputzten Weihnachtsbaum – wir haben ja bald Dezember – und einem undefinierten Flittervorhang, in den sich ein paar goldene Blätter und Orangenscheiben verirrt hatten. Wie um das weihnachtliche Möbelhausambiente perfekt zu komplettieren, trug er ein rotes Samtsakko und eine dunkle Krawatte mit goldenen Ornamenten, über deren Bedeutung man wie erwähnt uneins sein kann.

Nun hat der Schlips mit Botschaft eine gewisse Tradition innerhalb der Sozialdemokratie. Unvergessen die Auftritte des ehemaligen Finanzministers Rudolf Edlinger im Parlament, der den Abgeordneten der FPÖ durch die Wahl seiner Krawatte recht deutlich zeigte, was er von ihnen hielt. Das Accessoire war mit lauter blauen Schweinen bedruckt. Und auch Sozialminister Rudolf Hundstorfer passt das Stoffstück um seinen Hals gerne den Anlässen an, bei denen er zugegen ist. Eine Krawatte mit lauter kleinen Elefanten bei der Übernahme der Patenschaft für Tuluba, den Elefantenjungen. Eine mit lauter Fragezeichen zu Beginn der Budgetverhandlungen.

Material, Muster und Bindeart als Ausdruck von Stand, Herkunft und Geschlecht, so hat sich das auch Ludwig XIV. gedacht, Ahnherr der Krawatte. Er entdeckte den Halsschmuck bei einer Parade kroatischer Reiter. (Daher auch der Name. Das kroatische Wort für Kroate „Hrvat“ konnten die Franzosen nicht aussprechen und machten kurzerhand daraus „cravate“.) Das Tragen der Krawatte erfreute sich am französischen Hof schnell großer Beliebtheit, war jedoch nur dem Adel gestattet. Dass große Dynastien bis heute keinen Spaß verstehen, wenn es um ihre Krawatten geht, zeigte die Reaktion des ehemaligen VW-Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch auf ein Porträt von ihm, das die Wirtschaftswoche 2005 unter dem sinnigen Titel „Ich, ich, ich“ veröffentlicht hatte. Er klagte die Zeitung unter anderem wegen der Behauptung, er trüge „grelle Krawatten mit Jagdmotiven“ und verlangte einen Widerruf dieser Behauptung. Er gewann, das Blatt musste eine Gegendarstellung drucken.

Solch aufwendige Prozeduren, um Trost für modische Kränkungen zu erhalten, hatte Ludwig XIV. nicht nötig. Beleidigende Bemerkungen über seine Kleidung und seinen Modegeschmack wagte an seinem Hof niemand. Sie konnten schließlich einige Wochen Kerker bedeuten. Der Sonnenkönig selbst hatte übrigens ein Faible für goldbestickte Stoffe. Auch und besonders um den Hals. Eine Farbe, die laut Krawattenpsychologie Vornehmheit signalisieren soll, Klasse und Eleganz. Dann sollte der Träger jedoch darauf achten, dass es sich im Falle von Stickereien um ein dezentes Muster handelt. Etwas Zartes, Unauffälliges. Das wäre – so die Krawattologie – ein Ausdruck für Selbstbewusstsein und Souveränität.

Womit wir wieder bei Rudolf Kaske wären. Nun könnte man sagen, es ist vielleicht etwas geschmacklos vom Arbeiterkammerpräsidenten, eine goldbestickte Krawatte zu wählen, während man über 2.500 Männer und Frauen spricht, die kurz vor Weihnachten um ihre Existenz fürchten müssen. Man könnte auch sagen, dass Ähnlichkeiten zwischen einem Sonnenkönig und einem Sozialdemokraten niemals ein gutes Zeichen sind. Man könnte aber auch einfach das letzte Wort – und damit den Befund über den gestrigen Abend – dem großen Dichter Honoré de Balzac überlassen:

„Der Mann ist so viel wert wie seine Krawatte, denn das ist er selbst, durch sie verhüllt er sein Wesen, in ihr manifestiert sich sein Geist.“