Hinter den Kulissen der Kunst

von Carolina Vinqvist / 23.01.2015

Der Rundgang 2015 der Wiener Akademie der bildenden Künste findet vom 22.01.2015 – 25.01.2015 statt.

Der Geruch von frischem Lack steigt einem langsam in die Nase. Harmonisch, fast meditativ fließen zwei Stunden lang die Farben Blau, Grün und Gelb durch ein halb offenes Rohr, um sich anschließend auf dem darunterstehenden weißen Sockel zu vermischen. Das Statement: Entgegengesetzte Dinge können vermischt etwas Neues, Wunderbares kreieren. Das ergebnisorientierte Werk ist Benjamin R. Kurans Reaktion auf die letzten politischen Ereignisse rund um Pegida und Charlie Hebdo. Gemeinsam mit zahlreichen anderen Künstlern zeigt er an diesem Wochenende seine Kunst im Rahmen des Rundgangs der Wiener Akademie der bildenden Künste. Ein Einblick in das Schaffen der Kunststudenten, der in dieser vielseitigen und umfassenden Form in Österreich einzigartig ist. Von Symposien, Dialogen mit Künstlern, dem obligatorischen Vodka-Brunch und vier enormen Ausstellungsflächen zeigen insgesamt 13 Klassen aus verschiedenen Fachbereichen, womit sich angehende Künstler von heute auseinandersetzen.

Ausstellungsplan
Ausstellungsplan

Im zweiten Stock des Hauptgebäudes am Schillerplatz setzen sich Kunst- und Architekturstudenten um Prof. Stefan Gruber mit dem Thema der Privatisierung im urbanen Raum auseinander. Im Seminar „Geografie, Landschaften, Städte“ gehen sie auf die momentan explodierende Aufstockung von Wohnhäusern in Wien ein. Ihre Alternative: Anstelle von privaten Penthousewohnungen wollen sie einen öffentlichen Raum schaffen. Die Frage nach dem (Lebens-)Raum interessiert auch das dritte Semester. Ihre Inspiration holen sich die Studenten aus der Natur. Schildkröten werden analysiert, um ihren Panzer so zu rekonstruieren, dass er für Menschen sowohl als Gewand als auch als Wohnraum funktionieren kann. Dass Architektur auch ohne Raum interessant sein kann, zeigt das Projekt Radio Palladio. Der Name spielt auf den Renaissancearchitekten Andrea Palladio an, der für seine Villa La Rotonda in Vicenza bekannt ist. Das Projekt will Architektur in Audio übersetzen.

Einige Geschoße tiefer, vorbei an dicken schwarzen Abzugsrohren, Kinderwagen und halb angeklebten Postern befindet sich die Lithografieabteilung. Die Steindruckpressen wirken wie aus einer vergangenen Zeit, immer noch zum Einsatz bereit im Namen der Kunst. Die farbenfrohen Ergebnisse hängen in den Gängen an der Wand und lassen sich ungestört betrachten. Der Keller ist eher ruhig, vermutlich auch deshalb, weil kein Schild den Weg nach unten weist. Lediglich eine offene Tür und die Stiegen nach unten suggerieren die Möglichkeit, dass unten eine weitere Etappe der Ausstellungsvielfalt wartet. Der Besucher muss neben Kunstinteresse eben auch Mut mitbringen, neue Wege zu ergründen.

Wieder im Erdgeschoß laufen plötzlich zwei adrett angezogene Gestalten an den staunenden Gästen vorbei. Eine davon zieht vorne eine Art Gerüst aus zwei weißen Spanplatten, während die andere hinten anschiebt. „Galerie Überall“ – seit einem Jahr schon schiebt sie Kunst quer durch Wien. Die Szene hat etwas Surreales, etwas Komisches und etwas sehr Schönes. Kunst ist überall, man braucht keine elitäre Galerie, um sie zu verkaufen.

Vorbei an der mobilen Galerie geht es in den Hauptsaal des 1688 eröffneten Gebäudes. Die neoklassizistischen Räume kontrastieren mit der modernen Kunst und erzeugen dennoch eine Symbiose. Hier zu sehen: „Artists attract Crowds and big money“ – eine Performance unter der Leitung von Carola Dertnig. Das Besondere an dieser Aktion ist der Live-Moment. Aus einem alltäglichen Ereignis wie dem Zwiebelschälen wird plötzlich Kunst. Und der Betrachter mittendrin, mit dem Künstler am Gemüsetisch. Doch schält er nicht nur, er wird durch die ätherischen Öle der Zwiebel weinen. Aus etwas Alltäglichem wird plötzlich etwas Persönliches. Auch das ist ein Thema beim diesjährigen Rundgang.

„Niemals können wir alles sehen! Hoffentlich haben wir Glück und sehen zufällig das Beste“, hört man zwei Besucher scherzen. Tatsächlich ist der Rundgang eine Explosion der Vielfalt. Es ist nicht nur ein erster Eindruck für zukünftige Kunststudenten, es ist auch eine Orientierung für Galeristen und Sammler, sich einen Eindruck über das heutige Geschehen der Kunstwelt zu verschaffen. Es ist zwar nicht als Verkaufsausstellung gedacht, aber trotzdem freut sich jeder Kunststudent über ein Kaufangebot. Und für die Besucher ergibt sich hier neben nächtlichen Künstlerpartys, pornografischer Polyester-auf-Pigmentdruckkunst und intellektuellen Gesprächen die Chance, ein echtes Kunst-Schnäppchen zu ergattern.