Hochgeschlafen

von Sara Hassan / 08.04.2015

Ich weiß. Die Gerüchteküche lässt man am besten vor sich hin brodeln und kocht sein eigenes Süppchen. Aber in einem schwachen Moment habe ich da doch einmal reingehört. Und was ich höre, bringt mich etwas aus der Fassung. Weil ich eigentlich dachte, diese Zeiten wären vorbei. Hochgeschlafen, heißt es. Im Journalismus hätte ich nur durch Sex eine Stimme bekommen. Ein Journalist fragt ganz unverblümt, warum ich mir denn Sorgen mache, immerhin hätte ich doch einen Freund in der Branche. Was soll das heißen? Wie reagiert man darauf? Wie kann man den Gegenbeweis antreten?

Und was passiert, wenn eine Frau so einen Text schreibt?

,So geil bist du auch wieder nicht‘ klingt mir in den Ohren, wenn ich diese Zeilen schreibe.

Die will sich wichtigmachen, begehrt fühlen und ins Rampenlicht rücken. Das ist so ein Ich-Text. Und auch diese Vorwürfe kann man nicht aushebeln und den Gegenbeweis antreten. Das ist eine Wasserproben-Logik: Schwimmt sie, ist sie eine Hexe, geht sie unter, ist sie keine. Ob etwas an den Gerüchten dran ist oder nicht, ist völlig gleich.

Ich habe lange darüber nachgedacht und mit vielen Menschen gesprochen. Und ich weiß, dass sehr viele Frauen davon betroffen sind. Eine junge Journalistin bekommt eine Exklusivgeschichte – klare Sache, sie hat mit dem Informanten geschlafen. Eine andere hat einen Freund in der Branche – klare Sache, sie steigt mit ihm ins Bett, um sich Medienpräsenz zu erschlafen. Erst, wenn sie in der Chefredaktion angekommen ist, muss sich die erfahrene Journalistin nicht mehr anhören: Klare Sache, sie hat die Konkurrenz mit weiblichen Reizen ausgestochen.

Mein Schluss: Das Hochgeschlafen-Argument ist gesellschaftlich hoch akzeptiert und wird ganz prinzipiell genüsslich ausgeweidet. Die Tatsache, dass ich weit davon entfernt bin, „oben“ zu sein, macht die Angelegenheit absurd, löst aber das Problem nicht. Sie zeigt, wie leicht bei der Hand und wie perfide das Argument ist. Wenn man eine Frau in der Chefetage sieht, reflektiert man irgendwie automatisch ihren Werdegang und fragt sich, wie sie es wohl dorthin geschafft hat. Ihr männliches Pendant betrachten wir und akzeptieren seinen Status, ohne mit der Wimper zu zucken. Was sich da rührt? Unser innerer alter Mann. Der Machthaber in uns, der einen Hang zum Gewohnten hat und sich plötzlich irritiert fühlt durch neue Generationen und neue Bedingungen der Arbeitswelt, in der Frauen eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Eigentlich ein gutes Zeichen, denn das bedeutet, dass alte Strukturen aufbrechen. Aber das Neue ist generell suspekt und laute Frauen, die sich Raum verschaffen, sowieso.
Und es bietet Stoff für Tratsch.

Ja, Gossip ist super und lustig und verbindet. Und: Er exkludiert. Im Grunde genommen handelt es sich um nichts anderes als gesamtgesellschaftlich angelegtes Mobbing. Und Mobbing zielt auf Vereinzelung ab. Die funktioniert auch einwandfrei. Die Betroffenen haben Angst vor dem Streisand-Effekt.Der Streisand-Effekt bezeichnet das Phänomen, dass der Versuch, ein Gerücht aus der Welt zu räumen, es nur noch größer macht. Scham, und der Wunsch, nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen, führen dazu, dass Frauen die Causa totschweigen. Was bleibt: der Schaden. Die verletzte Integrität. Schwäche. Und die Erhaltung des Systems. Und noch mehr, denn das ist nicht einfach harmloser Tratsch und Klatsch. Bei dieser ganzen Hochgeschlafen-Causa fuhrwerkt man bildhaft in der Unterwäsche einer Frau herum. Ein peinlicher Eingriff in die weibliche Privatsphäre.
Die erotisch eingefärbte Arbeit ist dann natürlich weniger wert.
Leistung ist eben nicht gleich Leistung. Nehmen wir zwei Praktikanten an. Simon, 22, bekommt nie zu hören, was Valerie, 22, zu hören bekommt. Für Simon und alle um ihn herum ist es die normalste Sache der Welt, zu netzwerken. Valerie ist, wenn sie dasselbe tut, eine – pfui! – Karrieristin. Und, mehr noch, das Socializen hat unwillkürlich einen sexuellen Touch. Und ist plötzlich etwas Anstößiges. Eine junge, vielleicht sogar noch attraktive, Frau sitzt mit einem älteren Kollegen da – das Klischee ist perfekt, der Kontext plötzlich ein Date, und hier geht es nunmal ums Flirten und damit um Sex. Um den Einsatz erotischen Kapitals. Keinem meiner männlichen Kollegen würde das angetragen – dieser Vorwurf ist unwürdig und erbärmlich.

Die großen Medienverlage bekommen in absehbarer Zeit ein massives Altersproblem. Sie sollten besser jetzt als gleich auf das Potenzial junger Menschen setzen und annehmen, dass die Arbeitsrealität junger Frauen und Männer nicht mehr derart testosteronlastig ist. Das Problem besteht sicherlich nicht nur in dieser Branche, aber im Journalismus wird es virulent. Vielleicht, weil die Branche so klein ist, vielleicht, weil Klatsch zum Business gehört und wir uns schwertun, den Mund zu halten, wie dieses nette Beispiel anschaulich zeigt. In welchem Ausmaß es normal ist, sich dieses Ressentiments zu bedienen, hat sich zuletzt in einem Interview des Medienbranchendienstes Turi mit der Gala-Chefredakteurin niedergeschlagen. Da fragt Turi ganz „mutig“, ob man sich im People-Journalismus hochschlafen kann. Dass es doch keine Neuigkeit sei, dass „die steilste Medienkarriere über das Herz eines mächtigen Mannes führen kann“. „Kommen Sie mal in der Gegenwart an“, antwortet die Gala-Chefredakteurin Turi. Das sollten wir unserem inneren alten Mann auch mal anraten und darüber hinwegkommen, dass sich Zeiten eben ändern.