Humanitäre Hilfe: Eine Katastrophe?

von Sara Hassan / 04.03.2015

Maschinengewehr und Erste-Hilfe-Koffer: Wie passt das zusammen? Darüber diskutierten am Montag beim NZZ.at-Clubabend Andreas Papp (SOS-Kinderdorf), Tamin Nashed (Missing Link, Caritas), Max Santner (ÖRK), Peter Launsky-Tieffenthal (BMEIA). Moderiert hat das Gespräch Julia Herrnböck.

Humanitäre Hilfe ist zu einer komplizierten Sache geworden. Allein in Syrien stehen sich über 50 Gruppen gegenüber. Helfer sind plötzlich auch paramilitärische Akteure, teilen mit der einen Hand Hilfsgüter aus, in der anderen halten sie Waffen. Die Aufgaben werden vermischt, Hilfe wird politisch: Darin sieht Max Santner vom Roten Kreuz ein manifestes Problem. Die Grundprinzipien der Neutralität und Unabhängigkeit seien mit einem Schlag nicht mehr gegeben. Kaum jemals gab es so viele Krisen und Brennpunkte gleichzeitig, die auch die Helfer in einen Zwiespalt bringen: Unterstützen sie den Terror, wenn sie eine IS-Kämpferin versorgen? Mit dieser Frage leitete Moderatorin Julia Herrnböck über zur Problematik der Politisierung der Helfer.

Prinzipiell gilt: Im Zentrum steht der Mensch. Humanitäre Hilfe will losgelöst von den Umständen den Menschen zur Verfügung stehen. So einfach ist es im brennenden Konflikt aber nicht: Was tun, wenn eine NGO keinen Zugang mehr zu den Notleidenden hat? Andreas Papp erläuterte als Ultima Ratio die Möglichkeit, die Mittel der Militärs zu nutzen und mit diesen zu kooperieren. Das bedeutet für die NGO allerdings, dass sie als Komplize erscheinen kann – was die langfristige Arbeit in der Region beinahe unmöglich macht.

Dazu kommt das Schaffen von Aufmerksamkeit, von der die Höhe der Hilfsgelder abhängig ist. Das ergibt ein beinahe zynisches Konkurrieren: Naturkatastrophen ziehen große mediale Aufmerksamkeit auf sich, während einige Krisen (wie die im Sudan) fast völlig unbemerkt von der Öffentlichkeit abliefen.

Auf der anderen Seite stellt sich die Frage nach der Investition. Im Außenministerium beschäftigt Launsky-Tieffenthal dieses Spannungsfeld: Wie teilt man ein karges Budget von fünf Millionen auf sieben brennende Konflikte auf? Und wie kann man 500.000 Arbeitslosen im eigenen Land erklären, dass man Geld, das diese gerne für sich hätten, in einem anderen Teil der Welt ausgibt? Seitens des Roten Kreuzes gab es Kritik, dass Österreich nur 0,2 Prozent des Bruttonationaleinkommens in Entwicklungszusammenarbeit investiert – und damit das Millenniumsziel der UN weit verfehlt. Andreas Papp schlug statt Lippenbekenntnissen der Regierung verstärkte Mitbestimmung durch die Bürger vor. In brisanten Situationen wie dem Truppenabzug vom Golan müsse eine ehrliche Diskussion mit der Bevölkerung stattfinden. Man müsse wagen, offen die Frage zu stellen: „Wollen wir dieses Risiko eingehen?“

Conclusio des Abends: Die humanitäre Hilfe wird durch die täglich wiederaufflammenden Konflikte vor immer neue Proben gestellt.