Im freien Fall – über die Botschaft von Paris und die Ohnmächtigen

von Barbara Kaufmann / 16.01.2015

Dies ist die Geschichte von einem Mann, der aus dem 50. Stock von einem Hochhaus fällt. Und während er fällt, wiederholt er, um sich zu beruhigen, immer wieder: „Bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut …“

Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung.

(La Haine, Mathieu Kassovitz, 1995, Anfangssequenz)

Paris am vergangenen Mittwoch. Ein Mann liegt am Boden. Angeschossen. Er stöhnt vor Schmerzen. Willst du uns töten?, fragt der schwarz vermummte Schütze und läuft auf ihn zu. Der Angeschossene hebt seinen Arm. Nein, ist schon gut, Chef. Ein Knall zerreißt die Stille. Der Mann am Boden wird durch einen Kopfschuss getötet. Aus nächster Nähe. Der Tote heißt Ahmed Merabet und war Polizist und eines der Opfer der Kouachi-Brüder. Der Tote war auch Muslim. Eine Tatsache, um die sich die islamistischen Terroristen nicht kümmerten. Ahmed Merabet liegt bereits getroffen auf dem Boden, als die Brüder ihn erschießen. Sein Tod war für ihre Flucht nicht notwendig, seine Ermordung die Hinrichtung eines Polizisten. Eine Tat mit Symbolcharakter. Der mediale Krieg des Terrors ist ein Krieg der Bilder, ein Krieg der Symbole. Tatsächlich filmt ein Anrainer die Szene zufällig mit. Das Video wird von den traditionellen und neuen Medien verbreitet. Die Inszenierung der Terroristen ist aufgegangen.

Wir sagen natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen der Typ in Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. (…) und natürlich kann geschossen werden. Ulrike Meinhof, Mitglied der Roten Armee Fraktion, schreibt diese Zeilen 1971. Der Polizist als Vertreter des Staates wird entmenschlicht und nur noch in seiner Funktion gesehen. Und in dieser muss er wie alles, was den Staat repräsentiert, von den Terroristen vernichtet werden. Je monströser die Tat, umso eher fällt sie auf. Ein perverser Wettbewerb um Aufmerksamkeit, der unter den verschiedenen Terrororganisationen geführt wird.

Die irische Terrorismus-Expertin Maura Conway untersucht seit Jahren das Internet als neue Form eines radikalen Milieus. Ihr Befund liest sich wie eine digitale Dystopie. Terrorgruppen agieren wie Videoregisseure, die Hinrichtungen und Folter nach Drehbuch inszenieren, um möglichst viele Zuseher zu erreichen. Ein Morden für Klicks. Der irakische Al-Kaida-Terrorist al-Zarqawi enthauptet im Mai 2004 den US-Geschäftsmann Nicholas Berg vor laufender Kamera. Einziger Zweck dabei war laut Conway die Entstehung der Videoaufnahmen. Die Zerstörung eines Menschen als ungeschnittene Videosequenz. Sie erinnert an Gräueltaten, die gerade in jüngster Vergangenheit von der Terrororganisation IS wiederholt begangen und verbreitet werden.

Mein Sicherheitsempfinden orientiert sich nicht an Statistiken, sondern daran, wie sehr ich mit meiner eigenen Zerstörbarkeit und der Bereitschaft einiger meiner Mitmenschen, mich zu zerstören, konfrontiert werde. Der Gewaltforscher Jan Philipp Reemtsma – einst selbst Entführungsopfer – spricht die Verletzlichkeit der inneren Sicherheit an. Gewalt ist immer auch Kommunikation. Taten wie die des IS oder der Attentäter von Paris tragen eine Botschaft in sich. Sie sagen: Es gibt kein Erbarmen. Auch wenn du hilflos auf dem Boden liegst, erschießen wir dich. Auch wenn dein einziges Vergehen das Zeichnen war, bringen wir dich um.

Die Vernichtung ist absolut und bedingungslos. Während man in anderen verbrecherischen Milieus dem Tod entkommen kann, wenn man sich an bestimmte Verhaltensweisen hält. Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann, sagt Don Corleone in Mario Puzos Der Pate. Die Kommunikation mit dem Gegenüber wird aufrechterhalten. Es wird ihm ein Angebot unterbreitet. Auch wenn die Wahlmöglichkeit nur eine behauptete ist. Wenn du dich weigerst niederzuknien, muss ich dich erschießen, erklärt der Mafia-Pate Cola Gentile sein Regelwerk in Cosa Nostra dem Historiker John Dickie. Wenn man sich niederkniet, so Gentile weiter, geschieht nichts. Terrorismus zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass in ihm keine Logik existiert. So schreibt Reemtsma dazu: Versuche, Terror nach Maßgaben instrumenteller Logik zu verstehen, scheiterten daran, dass der Terror, um zu funktionieren, die Maßgaben instrumenteller Logik außer Kraft setzen muss.

Daher sind auch viele traditionelle Erklärungsansätze aus dem Bereich der Psychologie („verzweifelte Einzeltäter“) oder der Politik („Resultat missglückter Integration“) nach Terroranschlägen wie in Paris zu kurz gegriffen. Auf der Suche nach den üblichen Verdächtigen durchkämmen etwa seit Tagen etliche Journalisten die Vororte von Paris, die sogenannten „Banlieues“, um dort die Ursachen für den Terror zu suchen. Ungeachtet dessen, dass die drei Attentäter von Paris z.B. im Departement Seine-Saint-Denis, im 93er, wie es nach seiner Ordnungsnummer auch heißt, niemals gelebt haben.

Die Trabantenstädte mit ihren Cités sind für viele Pariser zum Synonym für Gewalt, Jugendkriminalität und Gesetzlosigkeit geworden. Abgeschnitten von der Pariser Innenstadt und in vielen Fällen nur durch umständliche, zeitraubende Busfahrten erreichbar, hat man die Wohnblöcke und ihre Bewohner bereits vor Jahrzehnten aufgegeben. Ein Käfig war auf der Suche nach einem Vogel, steht bei Kafka. In den Vorstädten von Paris könnte er fündig werden. Dort stehen sie, die cages à plusieurs étages, wie sie genannt werden, die Käfige in mehreren Stockwerken. In La Courneuve und Clichy-sous-Bois, in Villetaneuse und Sartrouville.

Die jugendlichen Bewohner sind Eingesperrte im wahrsten Sinne des Wortes. Nicht nur weil sie sich ohne Auto kaum fortbewegen können. Ihre Postleitzahl ist für viele Arbeitgeber wie ein Warncode, ein Hinweis, ihnen keinen Job zu geben. Zur hohen Arbeitslosigkeit kommt, dass sich die Polizei als Ordnungskraft schon lange aus den Gebieten zurückgezogen hat. In La Courneuve wurde vor Jahren im Rahmen von Renovierungsarbeiten eine neue Polizeistation eröffnet. Ein ZDF-Team hat für die Langzeit-Dokumentation „Jenseits von Frankreich“ die Feiern begleitet. Ein halbes Jahr später ist die Station verwaist, zeigen die Dokumentarfilmer. Sie wurde wieder aufgegeben.

Seit den frühen 80er Jahren kommt es außerdem immer wieder zu Zusammenstößen zwischen der Polizei und den Jugendlichen aus den Vororten, die zu einigen tragischen Todesfällen geführt haben. So wird der 18-jährige Djamal Chettouh von einem Sicherheitsmann auf dem Parkplatz eines Supermarkts erschossen. Der 18-jährige Aïssa Ihich erstickt unter den Augen von Polizisten, weil sie ihm, während er in Polizeigewahrsam ist, seine Asthma-Medikamente vorenthalten. Ziad Benna,17, und Bouna Traoré, 15, verstecken sich auf der Flucht vor der Polizei in einem Transformatorhäuschen und sterben an einem Stromschlag. Diese gewalttätigen Tode tragen auch eine Botschaft in sich. Wenn ihr einen Fehler macht, müsst ihr dafür sterben.

Also ist man als Bewohner den Gesetzen anderer Bewohner unterworfen. Oftmals machen die männlichen Familienmitglieder die Regeln, wie in dem eben erst erschienen Spielfilm Bande des filles von Céline Sciamma zu sehen ist. Der nur mit Laiendarstellerinnen aus den Banlieues besetzte Film erzählt vom Alltagsleben junger Frauen in den Vorstädten. Gewalt über sie haben vor allem die älteren Brüder, die bestimmen, mit wem sie sich verabreden dürfen und zuschlagen, wenn ihre Regeln gebrochen werden. Je größer die gesellschaftliche Ausgrenzung und Demütigung von außen, umso stärker wird die Zuflucht zu Werten wie Stolz und Ehre. 

Das alles macht aus Millionen französischen Vorstadt-Bewohnern jedoch keine potenziellen Terroristen. Auch wenn es einige Medien im In- und Ausland nach den Anschlägen von Paris bereits so sehen wollen. Im Libanon haben die Sozialarbeiterinnen Nancy und Maya Yamout jahrelang 20 verurteilte Dschihadisten – darunter ein Mitglied des IS und der Al-Kaida – im Gefängnis interviewt. Es ist bisher die umfangsreichste Langzeitstudie dieser Art. So unterschiedlich sich die verschiedenen Lebensgeschichten auch darstellten, eines war allen Terroristen gemeinsam: ein abwesender bzw. unerreichbarer Vater.

Macht das im Umkehrschluss aus allen Vaterlosen und Ausgegrenzten die nächsten Attentäter? Der Politikwissenschaftler Klaus Hummel und der Konfliktforscher Stefan Malthaner haben die sogenannte Sauerland-Gruppe untersucht, eine deutsche Zelle der terroristischen Vereinigung Islamische Dschihad-Union. Den jugendlichen Mitgliedern vermittelte die Zugehörigkeit zur Gruppe vor allem ein Gefühl der Überlegenheit, die Mitgliedschaft in einer elitären, exklusiven Gemeinschaft (al-firqua al-najiya – die siegreiche, gerettete Gruppe/Sekte). Ein starkes Element der Ermächtigung also. Ganz ähnlich argumentiert Gewaltforscher Jan Philipp Reemtsma:

Es ist dem öffentlichen Diskurs, wie es scheint, bekömmlicher, im Falle von Selbstmordattentätern entweder vom psychischen Ausnahmezustand auszugehen oder von für uns unverständlichen religiösen Überzeugungen (Jungfrauen im Paradies), als einfach anzunehmen, dass das Machterlebnis im Gewaltexzess den Verlust des Lebens aufzuwiegen imstande ist.

Wenn Morden und Töten im terroristischen Kontext eine Form der Selbstermächtigung ist, muss Terrorprävention also bedeuten, die Ohnmächtigen zu stärken. Ihre Ohnmacht wahr- und ernst zu nehmen.

Dies ist die Geschichte einer Gesellschaft, die fällt. Und während sie fällt, sagt sie, um sich zu beruhigen immer wieder: „Bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut …“

Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung.

(La Haine, Mathieu Kassovitz, 1995, Schlusssequenz)