Im Zweifelsfall für Gusenbauer

von Michael Fleischhacker / 16.06.2015

Die Verwicklung deutscher Ex-Spitzenpolitiker in die Lobbying-Aktivitäten des Österreicher-Duos Lansky-Gusenbauer sorgt für moralische Empörung. Verständlich. Verständlich?

Mit der „Spiegel“-Coverstory dieser Woche hub ein großer Moralchoral an in der deutschsprachigen Medienwelt. Dass ehemalige deutsche und österreichische Politiker, neben einem Italiener, einem Polen und einem Spanier sich herbeiließen, für viel Geld dem Beratergremium des kasachischen Despoten Nursultan Nasarbajew anzugehören, finden wir alle sehr böse.

So zum Beispiel steht’s im Spiegel:

 

Nur selten war der Blick in den Maschinenraum des Lobbyismus so unverstellt wie hier. Altgediente Politiker eines demokratischen Staates ließen sich dazu benutzen, einem Herrscher das Image zu polieren, in dessen Land die Werte des Grundgesetzes mit Füßen getreten werden. Sie hofierten ihn nicht etwa deshalb, weil die Staatsräson Politiker manchmal dazu zwingt. Sie taten es für Geld. Und andere Politiker und Exbeamte rochen sogar noch ein Geschäft, als der Diktator seinem untreuen Verwandten hinterherjagte. Es ist eine dieser Geschichten, von denen die Öffentlichkeit niemals erfahren sollte. Weil dann deutlich wird, nach welchen Honoraren diese Ehemaligenkaste giert. Und wie billig sie damit aussieht.

Ich verstehe die Empörung total. Wie kann man nur für jemanden arbeiten, dessen Werte man nicht teilt? Vor allem: Wie kann man für jemanden arbeiten, dessen Werte man teilt, und dann auch noch viel Geld verdienen?

Ich kenne sehr viele Journalisten persönlich, die für Eigentümer arbeiten, deren Werte sie nicht teilen (ja, stimmt, die sind in der Regel keine die Menschenrechte missachtenden Diktatoren, jedenfalls nicht im staatlichen Maßstab). Und sie bekommen dafür, jedenfalls sehen sie das so, verdammt wenig Geld. Wer kann ihnen verdenken, dass Journalisten es für unmoralisch halten, dass andere, die für jemanden arbeiten, dessen Werte sie nicht teilen, einen Haufen Kohle bekommen?

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich ein einschlägiges 400.000-Euro-Angebot, das mich nicht mit dem Gesetz, nur mit der Moral in Konflikt bringt, rundweg ablehnen könnte. Das unterscheidet mich natürlich von den Moralgigantinnen und Moralgiganten der heimischen Medienbranche, die derzeit nur eine Frage interessiert: Wer die Geschichte früher, länger und besser hatte.

https://twitter.com/mnikbakhsh/status/610773650548105216

https://twitter.com/florianklenk/status/610435832063856640

Auch das ist ganz normal: Wettbewerb halt.

Wenn ich die Spiegel-Geschichte und die österreichischen Beiträge zum Themenfeld Gusenbauer-Nasarbajew-Lansky-Schröder-Schily-Alijew richtig verstanden habe, wird an keiner Stelle ein strafrechtlich relevanter Vorwurf erhoben. Wir haben es mit einer moralischen Angelegenheit zu tun. Der Vorwurf lautet: Du sollst nicht für Menschen und Regimes arbeiten, deren Werte du nicht teilst. Zumindest nicht für viel Geld.

Das kann man sicher so sehen. Ich sehe es nicht so. Ich denke, dass jeder, der ein hohes politisches Amt hatte und danach einen Lebensunterhalt verdienen will und muss, der es ihm erlaubt, seinen Lebensstandard zu halten und eventuell noch etwas zu verbessern, tun soll, was er will und kann, solange er nicht gegen Gesetze verstößt. Er darf nur nicht damit rechnen, freundlich behandelt oder gar als Verbreiter demokratischer Tugenden gelobt zu werden. Man muss das wirklich nicht sympathisch finden, aber die öffentliche Empörung darüber halte ich für überwiegend neidgesteuert.

Ich finde das, was Herr Lansky im Rahmen seiner anwaltlichen Tätigkeit macht, nicht wahnsinnig sympathisch, nicht erst, seit er sich für Herrn Nasarbajews Interessen einsetzt. Aber ich finde vieles nicht sympathisch, was mir so unterkommt, zum Beispiel die Liebedienerei österreichischer Medienleute gegenüber der Faymann-Ostermayer-Clique, die seit Jahren mit hunderten Millionen Euro um sich wirft, um gut behandelt zu werden.

Ein problematischer Vergleich, ich weiß. Aber wer ehrlich ist, wird sagen müssen, dass dieser Vergleich, gemessen an der moralischen Rigidität, mit der in der Causa Gusenbauer ans Werk gegangen wird, nicht vollkommen aus der Welt ist. Ehrlich gesagt: im Zweifelsfall für Gusenbauer.

Darum eine Frage zum Schluss: Was ist schlimmer, ein intellektuell unehrgeiziger und habituell auseinandersetzungsscheuer Kanzler oder ein finanziell aggressiver und unternehmerischer Ex-Kanzler?