In Verteidigung von Christoph Leitl

von Wolfgang Rössler / 25.02.2015

Darf ein Kammerpräsident schlechte Witze machen?

Christoph Leitl wollte einen Witz machen. „Ein guter Wirt erspart drei Psychiater“, sagte der Wirtschaftskammerpräsident anlässlich des Aschermittwochs.

Eine Woche später legt nun die Standesvertretung der Seelenklempner Protest ein. Wirte, so argumentieren sie, seien zumeist nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Gebe es nicht zu viele Menschen, die ihren Kummer im Beisl ums Eck ertränkten? Die ihr Visavis hinter der Theke zulaberten, ehe sie schließlich fett wie HäusltschickEs gibt auch zu viele Raucher in Österreich. nach Hause stolpern? Um sich spätestens am nächsten Tag doppelt zerschlagen zu fühlen? Der Kammerpräsident und Obmann der gewerblichen Krankenkasse ermutige Menschen mit Problemen zu saufen, statt professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dies unterlaufe nicht nur die Standesinteressen der Therapeuten (die zum Teil auch Wirtschaftskammerumlage zahlen), sondern gefährde auch die seelische Gesundheit der Österreicherinnen und Österreicher.

In der vorjakobinischen Zeit um die Jahrtausendwende spondierte ein Kommilitone am Psychologie-Institut der Universität Klagenfurt noch mit einer ernst gemeinten Untersuchung über die therapeutische Funktion von Dorfgasthäusern. Mit Auszeichnung, glaube ich. Das würde heute vermutlich nicht einmal mehr in Kärnten durchgehen. Wer sich über Allgemeinplätze (Zigaretten und zu viel Alkohol sind ungesund; wer dauerhaft unglücklich ist, sollte zu einem Psychotherapeuten gehen) lustig macht, wird gemaßregelt. Man muss keine Mohammed-Karikatur zeichnen, um die grüne Humorzone zu verlassen. Eine flapsige Bemerkung über Psychiater reicht.

„Wie weit darf ein Witz in der Politik gehen?“, fragt ORF.at die User.

Natürlich sollte man über psychische Probleme oder Trunksucht keine Witze machen. Profilierung auf Kosten von Menschen, denen es nicht gut geht, zeugt von schlechtem Charakter. Im Zweifel halte ich es aber immer noch mit dem Diktum des Wiener Oberrabbiners Paul Chaim Eisenberg, der von den Lästermäulern Stermann & Grissemann gefragt wurde, ob er über einen Holocaust-Witz lachen könne.

Eisenberg runzelte die Stirn, dann sagte er: „Das muss ein sehr guter Witz sein.“

Diesem Anspruch wurde Leitl jedenfalls nicht gerecht. Das, und nur das, wäre ein Grund, über den Kammerpräsidenten lebenslängliches Bespaßungsverbot zu verhängen. Oder zumindest als gelinderes Mittel die Frage im ORF-Forum anders zu formulieren. „Wie schlecht darf ein Witz in der Politik eigentlich sein?“