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Internet im Wandel: Die Dekade der Dekadenz

Meinung / von Stefan Betschon / 04.10.2016

Das Internet hat innerhalb einer Dekade einen fundamentalen Wandel durchlaufen – die Entwicklung vom Web 2.0 zum Web X, von der Weisheit der Massen zur „Kultur des Hasses“.

Ein Neuanfang, hochschiessende Hoffnungen, überschäumende Freude. Wenig später der Absturz, ein jähes Ende. Es war ein kurzer Rausch. Jetzt schmerzt der Kopf, der Magen brennt. Es herrscht betretenes Schweigen: Wie sind wir da hineingeraten, wie konnten wir uns täuschen lassen?

Vor zehn Jahren hat alles angefangen, jetzt gilt es, einen Schlussstrich ziehen. Diese Dekade war in der Geschichte des Internets wohl die wichtigste, eine „Achsenzeit“. Vor zehn Jahren veränderten Pauschaltarife die Internetnutzung grundlegend, vor zehn Jahren begannen sich Smartphones durchzusetzen, das Internet war jetzt allen immer und überall zugänglich.

Assange sympathisiert neuerdings mit amerikanischen Bloggern am rechten Rand des politischen Spektrums. (Bild: imago stock&people )

Vor zehn Jahren schaffte es der Durchschnitts-Internet-Anwender auf die Titelseite des „Time Magazine“. Er wurde Ende 2016 von den Redaktoren dieses amerikanischen Nachrichtenmagazins als „Persönlichkeit des Jahres“ gewählt und in eine Reihe gestellt mit Präsidenten, Päpsten, Königinnen, Revolutionsführern (Ayatollah Khomeiny), Wirtschaftsführern (Bill Gates) und anderen, die Geschichte geschrieben haben. Der Durchschnitts-Internet-Anwender wurde geehrt, weil er nicht nur Rezipient, sondern auch Produzent sei, der im Rahmen des Web 2.0 sein Wissen und Können, seine Intelligenz und seine Kreativität allen gratis zur Verfügung stelle.

Es zeigte sich bald, dass Wikileaks den selbstgesetzten hohen moralischen Ansprüchen nicht gerecht zu werden vermochte. Mit ihren Publikationen brachte die Organisation immer wieder Unschuldige in Gefahr.

Vor zehn Jahren wurde Wikileaks gegründet. Am 4. Oktober 2006 wurde die Internet-Adresse wikileaks.org registriert. Bald sorgten diese Organisation und ihr Oberguru Julian Assange mit der Publikation von geheimen Dokumenten weltweit für Schlagzeilen. Assange sah sich als Enthüllungsjournalist; er brüstete sich damit, dass er mehr Geheimpapiere veröffentlicht habe als alle Zeitungen der Welt zusammen. Doch es zeigte sich bald, dass Wikileaks den selbstgesetzten hohen moralischen Ansprüchen nicht gerecht zu werden vermochte. Mit ihren Publikationen brachte die Organisation immer wieder Unschuldige in Gefahr, ohne aber ernsthafte Missstände aufdecken zu können. Assange sympathisiert neuerdings mit amerikanischen Bloggern am rechten Rand des politischen Spektrums und scheint Wikileaks für einen Privatkrieg gegen Hillary Clinton zu missbrauchen. Der russische Geheimdienst benutze Wikileaks für Desinformationskampagnen, berichteten kürzlich deutsche Zeitungen.

„Der Glaube an eine bessere Weltordnung“ habe Wikileaks entstehen lassen, schrieb 2011 Daniel Domscheidt-Berg, in den Anfangsjahren neben Assange eine der zentralen Figuren der Enthüllungsplattform. Man sei beseelt gewesen von der Vorstellung, dass Menschen dank den Informationen sich richtig verhielten und gute Entscheidungen träfen. Heute leben wir im Zeitalter der „post-truth politics“, ein Begriff, der laut Wikipedia 2016 im Zusammenhang mit der amerikanischen Präsidentenwahl aufgekommen ist. Es ist jetzt möglich, ohne Gefahr eines Reputationsverlusts öffentlich zu lügen.

Vor wenigen Wochen schaffte es wiederum ein Internet-Anwender auf die Titelseite des „Time Magazine“: der Internet-Troll, Sinnbild für einen Anwender, der mit Hasskommentaren Social-Media-Kanäle und Online-Diskussionsforen vergiftet. Der Hass von Psychopathen und politischen Eiferern sei daran, das Internet zu zerstören, lautet die zentrale Aussage der Titelgeschichte. Im Abstand von zehn Jahren dokumentieren diese beiden Titelseiten einen fundamentalen Wandel des Internets, die Entwicklung vom Web 2.0 zum Web X, von der Weisheit der Massen zur „Kultur des Hasses“.