Jean-Claudes Cockpit

von Klaus Woltron / 16.01.2015
Cockpit eines Airbus A 380

„Es ist alles sehr kompliziert“ ein berühmter Ausspruch eines verstorbenen österreichischen Bundeskanzlers. Er war, wie viele nachdenkliche und anständige, daher für das politische Geschäft eher ungeeignete Menschen, der Shakespeare’schen Blässe des Gedankens verfallen.

… So macht Bewusstsein Feige aus uns allen;
Der angebornen Farbe der Entschließung
Wird des Gedankens Blässe angekränkelt;
Und Unternehmen, hochgezielt und wertvoll,
Durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt,
Verlieren so der Handlung Namen.

 

Bundeskanzler Sinowatz<br /> 1929 bis 2008

Die Hamlet’schen Worte zieren wohl einen Jüngling in der Adoleszenzkrise, ein Bundeskanzler oder Industriemanager allerdings, geschweige denn der Pilot eines Jets, kann sich im ongoing business den Luxus solch schwärmerischer Reflexion nicht leisten. Wer nicht vor Übernahme eines derartigen Amtes so viel wie möglich gelernt, nachgedacht, trainiert, sich abgehärtet, kritische Situationen durchgespielt und auch gemeistert hat, wer in seinem Beruf nicht die Eskimorolle – insbesondere deren zweite Hälfte – beherrscht, sollte eher das Kripperlschnitzen oder Alphornblasen zum Beruf erwählen.

Phasen der Eskimorolle – die erste Hälfte kann jeder

Was für all die eben Erwähnten gilt, muss umso mehr für den obersten Häuptling der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker, gelten. Als erprobter Kämpfer im Banken-, Finanz- und Lobbyisten-Dschungel scheint er für die Risiken potenzieller Anfälle von Gedankenblässe bestens gerüstet zu sein.

Gewaltig aber ist die Komplexität und Volatilität seines Aufgabengebiets. Wer sich die Aufgabe zutraut, mit dutzenden eitlen und selbstgefälligen Staatschefs, deren weiblichen Superlativen, einem Heer von Lobbyisten, einer veritablen Wirtschaftskrise, heraufdämmernden Terrorismusgefahren, einem beginnenden Kulturkampf mit aggressiven Vertretern einer eher intoleranten Weltreligion, einem interventionistischen Hegemon jenseits des Atlantiks, einem nicht erklärten Krieg an der Grenze zu einer atomaren Supermacht, zunehmender Unzufriedenheit, ja Feindschaft gegenüber seiner eigenen Organisation, Heckenschützen allüberall und einem allgemeinen Verfall des Glaubens an welche Autoritäten auch immer fertig zu werden und das ganze Tohuwabohu einigermaßen zu koordinieren, braucht ein unerschütterliches Selbstvertrauen. Mehr noch – es gehört dazu ein unbedingter Wille zur Macht, die Fähigkeit zum schnellen Entschluss, zum Aufbau eines wirksamen Beziehungsnetzwerks und – vor allem – ein bestens entwickeltes, vertrauenswürdiges Informationssystem. Von der Kunst zu lügen, wenn es ernst wird, oder zur Einschläferung von Kritikern durch Ablenkungsmanöver und Abwarten schweige ich lieber.Jean-Claudes Sager

Als ich Chef von großen, mehrstufigen Unternehmungen war, schwebte mir vor, ein Informationssystem wie ein Pilot in einem Großflugzeug zur Verfügung zu haben: Alle wesentlichen Unternehmensdaten, samt Planungs- und Vorjahresziffern, übersichtlich angeordnet. Abweichungen rot hervorgehoben, kritische Informationen zusätzlich durch Klingeltöne markiert. Damals – vor 1994 – waren das Controllingsystem eines Konzerns und das Internet noch nicht so entwickelt, als dass es eine solche virtuelle Pilotenkanzel geben hätte können. Wäre ich EU-Kommissionspräsident – der Herr möge es verhüten – würde ich mir diese alsbald einrichten lassen. Das Honorar für die Erstellung durch eine befreundete EDV-Firma in Luxemburg würde mir mein Freund Mario in Frankfurt drucken. Die Beschaffung der Daten ließe ich sicherheitshalber von zwei unabhängigen amerikanischen Consultern beobachten, um nicht nur auf offizielle Informationen aus den Mitgliedstaaten angewiesen zu sein. Darauf könnte man sich nun einmal gar nicht verlassen, siehe das Beispiel Griechenland dazumalen und jüngst wieder. Was aber bekäme ich zu sehen und zu hören?

Fast das gesamte Cockpit blinkt rot, darüber hinaus erschallen teilweise ohrenbetäubende Warntöne. Die lautesten kommen von der Konjunkturfront im Süden. Da blinkt und hupt fast die Hälfte der Anzeigen. Ein greller roter Lichtschein kommt von ganz rechts; Griechenland wählt die Falschen. Italien und Portugal klingeln, Frankreich blinkt rot. Ebenfalls auf Rot stehen die LEDs für Stimmung, Kooperationsbereitschaft und Zahlungswilligkeit in den Mitgliedstaaten. Insbesondere das schwarz-rot-goldene Instrument blinkt heftig. Die Zeichen für Kriegsgefahr und das Terrorsignal pulsieren orange: In der Ukraine ist keine Lösung in Sicht. Die islamistische Gefahr nimmt zu. Die USA-Lampe signalisiert Unwillen.

Einige vereinsamte grüne Lämpchen trösten ein wenig: Lobbyisten werden den Ankauf von Schrottanleihen durchsetzen und so ein paar Jahre trügerische Ruhe betreffend den finanziellen Zusammenbruch Italiens, Griechenlands und Portugals verschaffen. Der Zufriedenheitsindex der Mitarbeiter in Brüssel ist, wegen der moderaten Gehaltserhöhung, auch recht gut. Trotz aller Scheingefechte wird auch TTIP durchgesetzt werden.

Als erprobter Kämpe würde mich das alles nicht wirklich überraschen, ich drücke auf Autopilot. Warum? Ich weiß als langjähriger führender Politiker, dass der Elefant, von dem alle meinen, ich lenkte ihn, seinen ganz eigenen Weg geht und auf mich, der ich wie ein Eichhörnchen auf seinem Rücken herumrenne und den Anschein des souveränen Mahout erwecke, überhaupt nicht hört.

Mahout auf seinem schönen Tier

Während der Autopilot arbeitet, denke ich, wie fast immer, darüber nach, wie ich meine eigene Haut über die nächsten Jahre hinwegretten und den Elefanten daran hindern kann, mich vorher noch abzuwerfen und zu zertrampeln. Das ist Arbeit genug.

Während ich da so sinne, erscheint ganz unten im Cockpit ein blauer Dämmerschein: Das ist der tägliche Gruß von der NSA.

Blauer Gruß aus Washington