Aus dem Rütli

Jenseits der Verzweiflung

Gastkommentar / von Klaus Woltron / 28.12.2015

Und ich bin der Meinung, dass Ältere und Erfahrene die verdammte Pflicht und Schuldigkeit haben, anderen dort entgegenzutreten, wo sie, die Älteren, überzeugt sind, dass die anderen etwas falsch machen. (Helmut Schmidt, 1979; Der Spiegel)

Also gut. Alt genug bin ich ja.

Man ist draufgekommen, dass der europäische Karren erstaunlich tief im Dreck steckt. Man untersucht, warum. Man philosophiert über Werte, Toleranz, Sinn und Unsinn des Euro. Arminius der Cherusker, der Niedergang des Römischen Reiches, die Wohltaten des Westfälischen Friedens und des Wiener Kongresses werden den Schauerlichkeiten der Völkerwanderung und des Dreißigjährigen Krieges gegenübergestellt. Die Verantwortlichen Europas kommen wöchentlich zusammen und klagen einander ergebnislos ihre Sorgen. Indessen nehmen etliche sehr bedenkliche Vorgänge ihren, von ganz anderen Mächten gesteuerten, oder gänzlich chaotischen Verlauf. Dazu ein Zitat aus der Zeit des beginnenden Verfalls des Römischen Reiches:

Es ist im Grunde genommen immer der gleiche Treppenwitz der Geschichte: Eine technisch-organisatorisch höher entwickelte Macht unterwirft eine fremde Bevölkerung, sucht dann unter den Einheimischen nach Stützen ihrer Herrschaft, gewährt diesen Privilegien und eine höhere Bildung – und zieht sich damit versehentlich auch ihre bedeutendsten Feinde heran. (Chr. Pantle, „Die Varusschlacht: Der Germanische Freiheitskrieg“; Kindle-E-Book)

(Herr Erdogan, Frau Merkel  und die allermeisten Prediger des Islam werden jegliche Analogie sicher entrüstet in Abrede stellen.)

Die gängigen apokalyptischen oder von Wunschdenken getragenen Erwägungen werden von Leuten angestellt, die keine Verantwortung tragen müssen außer jener für ihre Schriften, und diese sind nach drei Wochen vergessen – so wie auch diese in drei Wochen vergessen sein wird. Aber vielleicht wird sie einmal von meinen Enkeln gelesen, und der Opa kann sich im kühlen Grab über ihre posthume Anerkennung freuen.

Alsdann, es ist ganz einfach. Die Problemlage stellt sich wie folgt dar:

Das gesamte Konzept der Euro-Staaten hat sich im Detail als untauglich erwiesen. Sämtliche –  sämtliche! – Verträge mussten gebrochen werden, um der normativen Kraft des Faktischen ohne Blockierung des ganzen Werkels zu entsprechen. Dazu kommen das Fiasko im Mittleren Osten und die Bevölkerungsexplosion in Afrika.

Die Invasion der Russen in Afghanistan – bereits vergessen, samt betulichem Olympiaboykott des Westens – wurde abgelöst durch eine solche der Westmächte, der Irakkrieg zerstörte die fragile Ordnung im Mittleren Osten. Die Folge ist eine beispiellose Fluchtbewegung, welche jener der Ostgoten, flüchtend vor den Hunnen, verzweifelt ähnelt. (Wer heute die Rolle der Hunnen innehat, ist schwer auszusprechen, vielleicht auch kontraproduktiv. Also sei es hier unterlassen.) Auch in diesem Falle versagte die sogenannte europäische Ordnung in der proaktiven Gestion.

Folgend einem weiteren sehr guten Rat von Helmut Schmidt wäre erst einmal ein gemeinsames Fernziel zu entwerfen, um diesem sodann, in flexiblen Einzelschritten, je nach Möglichkeit, unbeirrbar näherzukommen. Das Blamable an der Geschichte ist jedoch, dass die gesamte europäische Obrigkeit – wenn überhaupt – irreale Fernziele im Auge hat, welche durch auch noch so flexible Einzelschritte niemals erreichbar sein werden – wie z. B. ein zentralistisch aufgebautes Europa à la USA.

Man stolpert daher in einer Abfolge von tollpatschigen, ziellosen Einzelschritten dahin und verzettelt sich vor den Augen einer immer ängstlicher werdenden Öffentlichkeit einer halben Milliarde gänzlich unterschiedlicher Europäer in Alibiaktionen.

Drei Projekte wären kraftvoll parallel anzugehen:

1. Eine grundlegende Revision der Verträge, welche derzeit die Euro-Gruppe nicht einigen, sondern entzweien. Diese sind, unter Berücksichtigung der in den letzten Jahrzehnten gemachten Erfahrungen, auf eine realistische, exekutierbare und von einer qualifizierten Mehrheit der Euroländer getragene Ebene herunterzubrechen und abzusegnen. Die Positionen der EU-Mitglieder, welche nicht der Euro-Gruppe angehören, sind demgemäß neu zu definieren.

2. Klare Zielsetzung der Kerneuropa-Gruppe betreffend den Umgang mit der im Gange befindlichen Fluchtbewegung ist einvernehmlich festzulegen.

3. Dasselbe gilt für Art, Dimension und Intensität der militärischen und materiellen Bekämpfung der Ursachen der Fluchtbewegung im Mittleren Osten. Ressentiments gegenüber Russland haben hierbei zurückzustehen. In diesem Zusammenhang sei ein weiteres Zitat von Helmut Schmidt (aus dem Jahre 2008, Der Spiegel) eingefügt:

Im Krieg, auch bei der Vermeidung des Krieges, kommt es nicht allein auf wirtschaftliche Größen und den Umfang des Verteidungshaushalts an, sondern immer noch auf die Menschenmassen. Ein Beispiel sehen Sie im Irak: Dort haben die Amerikaner nicht genug Menschenmassen. Darum können sie den Krieg nicht gewinnen.

So schwierig das alles klingen mag – es ist die einzige Chance, die europäische Einheit, die lediglich per wishful thinking eine homogene war, zu retten, unwägbare Entwicklungen, die niemand mehr beherrschen wird können, wenn sie einmal eine kritische Grenze überschritten haben, im Keim zu ersticken, und eine Basis für ein kraftvolles „Voraus!“ zu schaffen.

Ein „Voraus!“ als Ersatz für das derzeitig obwaltende, klägliche „Warum?“, „Oje!“, „Na wie denn?“ und „Wer ist schuld?“. Ähnliches war auch die Devise der Häuptlinge, die den Westfälischen Frieden aushandelten, oder des 1815 in Wien tanzenden Kongresses, der jählings von der Ankunft des wilden Korsen gesprengt wurde. Es folgte darauf sein Waterloo: Durch die vereinigten Truppen fast ganz Europas.

Ich bin gespannt, ob der Kongress in Brüssel auch einmal tanzen wird: Frau Merkel mit Herrn Hollande, und Werner Faymann mit einer nordischen Maid. Derzeit humpelt er allerdings, der Kongress. Kann man ihm einen graziösen Tanz zutrauen? Höchste Zeit wär’s.