Jenseits von Gender: Warum Caitlyn Jenner das neue Normal ist

von Elisabeth Oberndorfer / 06.06.2015

Der Zehnkampf-Olympiasieger Bruce Jenner ist Geschichte. Caitlyn Jenner ist seit dieser Woche die berühmteste Transgender-Persönlichkeit. Das ist kein Reality-TV-Spektakel, sondern ein wichtiger Schritt für unsere Gesellschaft, sich von Geschlechternormen zu verabschieden.

Eine Kunstfigur mit Abendkleid, langen Haaren und Bart gewinnt den Song Contest. In San Francisco, wo selbst in der biedersten Nachbarschaft Männer mit Röcken und High Heels am Sonntagmorgen zum Bäcker gehen, ist die Aufregung darüber fast überraschend. Dass hier zwei der mächtigsten Frauen der Tech-Branche (noch) miteinander verheiratet sind und der CEO des mächtigsten Unternehmens der Welt ebenfalls homosexuell ist, bewegt niemanden. Das traditionelle Verständnis von Geschlecht ist hier längst Geschichte. Und so berührte mich auch Bruce Jenners offensichtliche Transformation in eine Frau lange nicht. Bis eine Hollywood-Reporterin vor einigen Monaten in einer Journalistenrunde anmerkte: „Wir wissen heute noch nicht, wie wir über solche Themen berichten sollen. In fünf Jahren werden wir uns zurückerinnern, wie tollpatschig wir damit umgegangen sind.“

Die Verwandlung vom Top-Athleten zur Frau ist seit dieser Woche offiziell abgeschlossen: Caitlyn Jenner ziert das Cover der „Vanity Fair“ und spricht darin über den Weg in das richtige Ich. 65 Jahre wartete sie darauf, das, was sie innen gefühlt hat, auch nach außen zu tragen. Warum es so lang dauerte, erzählte Jenner kürzlich im Interview mit Diane Sawyer – übrigens ein guter Grundkurs in Sachen Transgender.

Caitlyn Jenner präsentierte ihre neue Identität in der Vanity Fair. (Bild: Annie Leibovitz)

Gender-Kreativität

Der älteren Bevölkerung der USA ist Jenner als Olympia-Star und Verkörperung von Männlichkeit bekannt, der jüngeren als Stiefvater der Kardashians und leicht bis mittelschwer verloren wirkender Teil der Reality-Show. In Europa ist sie deshalb vor allem in der Klatschberichterstattung zu finden. Und auch wenn Jenner ihr neues Leben perfekt inszeniert, so ist es doch viel mehr Leben als Show. Aber wie die Hollywood-Reporterin richtig anmerkte, ist es eher peinlich, wie wir mit Geschlechtstransformationen umgehen.

Caitlyn Jenner ist das Symbol für das Jenseits von Gender, wie wir es kennen. Sie ist das Gesicht eines Trends, der sich seit Jahren abzeichnet und immer mehr in den Mainstream drängt. In einer perfekten Welt müssen wir uns nicht mehr zwischen Mann und Frau entscheiden, sondern können sein, wer wir sein wollen. Transgender ist nur ein Aspekt davon, es gibt viele Abstufungen für diese Entwicklung. In Kalifornien werden Jungen, die gerne Kleider tragen, als „gender-kreativ“ bezeichnet und dürfen diese Kreativität auch ausleben. „Wildfang“, ein Modelabel aus Portland, Oregon, will Männermode liberalisieren – warum sollten junge Frauen nicht in Kleidungsstücken, die für Männer produziert wurden, rumlaufen? Start-ups, die Kinderspielzeug ohne Stereotype entwickeln, wollen die Rollenzuordnung im jungen Alter verhindern.

Das neue Normal

Wie unsere Gesellschaft heute Gender versteht, wird für die nächste Generation nicht mehr relevant sein. Die Gleichberechtigung von Frauen am Arbeitsplatz und Homosexuellen in familienrechtlichen Angelegenheiten ist ein Vorbote für das Aufbrechen der alten Standards. Caitlyn Jenner und andere Persönlichkeiten dienen als Vorbilder für diese Bewegung. Homosexuelle Ampelpärchen als Zeichen der Weltoffenheit? In einigen Jahren werden wir darüber lachen.

Jenner selbst ist sich ihrer Rolle, die sie so publik auslebt, bewusst: „Ich bin das neue Normal“, sagt sie im Trailer zu ihrer neuen Doku-Serie „I am Cait“.