K.I.T.T. und ich

von Wolfgang Rössler / 03.02.2015

Irgendjemand dürfte sich einen Streich erlaubt haben, denn ohne dass ich eine Bestellung aufgegeben hätte, bekam ich heute Vormittag Post von der britischen Firma Brightonprints. Eine Rolle aus solidem Karton, mit Stöpseln aus weißem Plastik an beiden Enden. Ich war verwirrt und tat dies lautstark kund, was die Neugier meiner Kolleginnen und Kollegen erregte.

Als ich mich jedoch daran machte, das mysteriöse Paket zu öffnen, wichen sie zurück. Könnte ja Sprengstoff sein, meinten sie.

„Vielleicht von irgendeinem deiner verrückten Kärntner Freunde, höhö!“

Ich beschloss, meine Anmerkungen zur latenten Wiener Carinthophobie zunächst für mich zu behalten und machte mich daran, die Rolle zu öffnen. In ihrem Bauch verbarg sich ein gut 50 mal 50 Zentimeter großes Transparent, das komisch roch.

„Hey cool“, sagte Georg Renner. „K.I.T.T“

Irgendwer hatte mir ein Poster von K.I.T.T., dem sprechenden Auto und besten Freund von Michael Knight geschickt. Sie erinnern sich an den jungen David Hasselhoff, der vor fast 30 Jahren im Auftrag der „Foundation für Recht und Verfassung“ für das Gute kämpfte und dabei von einem hyperintelligenten Auto unterstützt wurde?

Irgendwer hat mir ein Poster von K.I.T.T., geschickt und ich habe keine Ahnung, was ich davon halten sollte. Ich habe schlicht keine Meinung dazu, ich bin noch immer verwirrt.

Wir Journalisten sind darauf trainiert, zu allem eine Meinung zu haben. Zum Wahlsieg von SYRIZA, zu den iranischen Atomabrüstungsgesprächen oder zum Dschungelcamp. Sogar zu Werner Faymann fällt uns etwas ein. Sie wünschen, wir spielen und erklären Ihnen die Welt. Auf NZZ.at, auf Facebook, auf Twitter: Wir haben zu allem eine Antwort.

Aber wie soll ich die Causa K.I.T.T.-Poster kommentieren?

In den späten Achtzigerjahren spielten wir Buben (ja, so war das damals noch am Land) mit Legofahrzeugen im Kindergarten den finalen Kampf zwischen K.I.T.T. und seinem Widersacher, dem nicht minder eloquenten Bösewicht-Automobil K.A.R.R. nach.

Die Spielregeln waren klar: Wessen Legosteine zuerst durch die Luft flogen, der hatte verloren. Aus irgendeinem Grund behielt im Kindergarten zumeist das Böse die Oberhand. Ich kann mich auch daran erinnern, dass ich am Tag der letzten „Knight Rider“-Folge irgendetwas kaputt gemacht hatte und deshalb Fernsehverbot bekam. Schwarze Pädagogik der Achtzigerjahre! Kein Wunder, dass ich rebellierte und trotzig Journalist lernte.

Viele Jahre später fiel mir ein kleines, feines Büchlein von Albert Camus in die Hände. „Der Fall“ handelt von einem hoffnungslos moralischen Pariser Rechtsanwalt, einem Advokaten der Witwen und Waisen, der eines Nachts seine noble Überheblichkeit auf einen Schlag einbüßte. Wie aus dem Nichts sprang dem Advokaten ein entkörperlichtes, bösartiges Lachen ins Genick. Dieses Lachen steht bei Camus für die Absurdität aller menschlichen Existenz.

Sein Protagonist glitt ins Kriminal ab, er begann zu saufen wie David Hasselhoff.

Aber das ist ja keine zwingende Notwendigkeit. Wenn das Absurde – beispielsweise in Form eines nicht bestellten K.I.T.T.-Posters – uneingeladen auftaucht, können wir das ja auch als wohl gesonnenen Fremden verstehen, der im Gepäck eine Prise Demut hat. Und uns erzählt, dass es auf manche Fragen eben keine Antwort gibt.

Wobei: Vielleicht ist man in Brighton einfach genauso verwirrt wie ich.