Kein Preis an Charlie Hebdo?

von Andrea Köhler / 05.05.2015

Endlich einmal was los bei der PEN-Gala in New York? Kaum ein Kommentator, der nicht anlässlich der Aufregung um die Vergabe des „Freedom of Expression Courage Award“ der dieser Veranstaltung gemeinhin eignenden Langeweile mit freundlicher Ironie gedachte: die notorisch schlecht sitzenden Fräcke der Schriftsteller, die Vorhersehbarkeit der Preisträger (noch ein Preis für Philip Roth / Elie Wiesel / Salman Rushdie / Toni Morrison …?!), die endlose Litanei der Ansprachen, der verstohlene Blick auf die Uhr, das ewige Hühnchen in Gelee! Diesmal freilich droht das Ritual im New Yorker Museum of Natural History nicht ganz so überraschungsfrei wie gewohnt zu verlaufen. Einige Literaturschaffende, darunter Michael Ondaatje, Francine Prose, Teju Cole und Deborah Eisenberg, sind nicht einverstanden mit der Vergabe des genannten Preises an die Überlebenden der mörderischen Attacke auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo; sechs Autoren haben ihre Teilnahme an der Gala abgesagt, insgesamt 204 haben eine Protestnote unterzeichnet. „Islamophobie“, „Rassismus“, „kulturelle Intoleranz“ und „forcierter Säkularismus“ lauten die Einwände gegen Charlie Hebdo.

Der Streit rührt an die Grundfesten einer Organisation, die sich die weltweite Verteidigung der Redefreiheit auf die Fahnen geschrieben hat. „Die freie Äußerung von Ideen – und dazu gehören auch anstößige Ideen – ist integraler Bestandteil des Schreibens“, betont Adam Gopnik, der der PEN-Entscheidung im „New Yorker“ Schützenhilfe erteilt. Allein, anlässlich des Boykotts ist im PEN nicht mehr unumstritten, wo das „Anstößige“ ins Intolerable kippt. Gehören die Provokationen von Charlie Hebdo wirklich – wie der Cartoonist Garry Trudeau kürzlich proklamierte – nicht mehr in die Domäne der freien Rede, sondern ins Reich der „hate speech“?

Die Begründungen für die befremdlich spät verkündete Entscheidung, der Gala fernzubleiben, sind freilich individuell verschieden. Während Peter Carey die „Arroganz der französischen Nation gegenüber ihren kulturellen Minderheiten“ in toto geißelte, brachte Francine Prose den in solchen Kontexten gerne zitierten Vergleich mit dem – zunächst vereitelten, nach einer Klage der American Civil Liberties Union aber gewährten – Marsch amerikanischer Neonazis durch Skokie, Illinois, vor: Zwar garantiere die amerikanische Verfassung auch Rechtsradikalen grundsätzlich ein Recht auf Demonstrationsfreiheit, man gebe ihnen dafür jedoch noch lange keinen Preis.

Ohne auf die Untiefen solcher Analogien – (oder die Frage, ob Demonstrationen von Neonazis in von Holocaust-Überlebenden besiedelten Orten nicht besser verboten gehören) – eingehen zu wollen, lässt sich wohl festhalten, dass die PEN-Mission die unbedingte Verteidigung der freien Rede auch dort vorsieht, wo nicht jedes Mitglied mit dem Inhalt derselben übereinstimmen mag. Der Preis an das Magazin werde nicht für dessen publizistische Inhalte verliehen, betonte denn auch der Präsident des amerikanischen PEN, Andrew Solomon. „It’s a courage award, not a content award.“

Dass die Unstimmigkeit in den eigenen Reihen überhaupt solch einen Wirbel verursachen konnte, liegt nicht zuletzt an der repräsentativen Rolle, die den Protestierenden als Gala-„Gastgebern“ eines Tisches mit geladenen (und notabene spendablen) Gästen zugedacht war – schließlich dient diese Veranstaltung vor allem der Finanzierung des guten Zwecks. Auch Salman Rushdie ist „Host“ eines Tisches, freilich gehört er zu jenen, die die sich absentierenden Gastgeber aggressiv in die Schranken weisen. „The award will be given. PEN is holding firm. Just 6 pussies. Six Authors in Search of a bit of Character“, twitterte er Ende April.

Ob diese Diskreditierung differierender Ansichten dem Gebot der Toleranz Genüge tut, sei dahingestellt. Das letzte Mal, als ein ähnlicher Wirbel die Gala-Routine aufmischte, ist fast drei Dezennien her. Das war 1986, als der damalige PEN-Vorsitzende Norman Mailer den republikanischen Secretary of State, George P. Shultz, zu einer Ansprache einlud. Etliche Schriftsteller protestierten mit Sprechchören gegen den Auftritt eines Abgesandten der Reagan-Administration: Als Shultz zu sprechen anhob, wurde er laut ausgebuht. Mailer, ein selbsternannter „Linker seit 40 Jahren“, dem der „katatonische“ Dogmatismus seiner Gesinnungsgenossen schwer auf die Nerven ging, warf sich unverzüglich zur Verteidigung der Redefreiheit in den Ring: „Ihr könnt mich alle mal …!“, brüllte er seine Kollegen an. Ob die Gala unter den Dinosaurierskeletten dieses Jahr endlich wieder einmal etwas heißblütiger werden wird?