Kein Weg zurück

von Barbara Kaufmann / 23.03.2015

Es gibt Ereignisse, die sind unumkehrbar. Sie erschüttern das eigene System. Sie führen über die Jahre zurechtgezimmerte Glaubenssätze ad absurdum. Sie lassen einen hilflos, ratlos, manchmal sogar hoffnungslos zurück. Der Tod eines Menschen ist so ein Ereignis. Man kann sich nicht darauf vorbereiten, man kann nichts dagegen tun, man muss es geschehen lassen.

Später, viel später, findet man Namen für diese Zeiträume. Bruchstellen. Wendepunkte. Übergänge. Aber im Moment geht es nur darum, weiterzumachen, durchzukommen, es zu überstehen. Der Schmerz verschwindet irgendwann, man glaubt, man hat das Schlimmste hinter sich, dann flammt er plötzlich in den unpassendsten Momenten wieder auf. Ein Kreidestrich, der auf der Tafel quietscht, den man mit aller Kraft versucht zu überhören, doch es gelingt nicht.

Trauer macht dünnhäutig. Der schneidende Zynismus des Nachbarn, über den man immer hinweggehört hat, die Bemerkung über einen toten Vogel, der gegen die Scheiben des Wintergartens geflogen ist, plötzlich tun sie weh.

Trauer macht durchlässig. Abends im Supermarkt ertönt ein Lied, ein Sommerhit von früher, längst vergessen. Plötzlich tauchen Bilder auf, Sommerurlaub, Lachen, Wärme, Nähe. Der Verstorbene sitzt am Steuer, einen Sonnenbrand auf der Nase, zwinkert einem im Rückspiegel zu, dreht das Radio lauter. Der Einkauf endet damit, dass man neben der Gefriertruhe lehnt und in die Fischstäbchen schluchzt.

Trauer macht wütend. Auf die Ungerechtigkeit des Endes, auf die Unerbittlichkeit der Zeit. Auf die gut gemeinten Ratschläge der Umgebung. Lebensratgeberweisheiten, Zuckerpackerlsprüche, alles braucht seine Zeit, die Zeit heilt alle Wunden. Die Wunde brennt jedoch, als würde man sie mit Jod auswaschen. Man möchte schreien, man möchte das Gegenüber schütteln, man möchte es beschimpfen. Und manchmal tut man es auch.

Trauer macht einsam. Religion, Esoterik, Suchtmittel. Die drei gängigen Strategien gegen Verlust. Wem keine davon zusagt, der ist plötzlich auf sich allein zurückgeworfen. Irgendwo zwischen Kanonsingen in der Selbsthilfegruppe und frierend Bierdosen trinken auf einer schattigen Parkbank. In einer angeblich immer mehr individualisierenden Gesellschaft ist man auf die höchst persönliche Reaktion auf einen Todesfall nicht vorbereitet, noch kann man mit ihr umgehen. Wer keinen Trost im Glauben findet, dem serviert man ein Glas Messwein. Wer nichts mehr trinken möchte, den lässt man sich verlieren.

Trauer macht, dass nichts mehr so ist, wie es war. Man würde es sich wünschen, man tut sein Möglichstes, doch das wird nichts. Man ist ein anderer. Der Blick auf sich und die Umgebung ändert sich durch den Schmerz. Er wird schärfer, genauer, kompromissloser. Die Bereitschaft zu leiden, etwas zu ertragen, sich etwas gefallen zu lassen, sie nimmt ab. Man achtet besser auf sich, schützt sich radikaler, kämpft mehr für die eigenen Bedürfnisse. Man lernt sich neu kennen und manchmal auch den Toten. Weil die Leere, die er hinterlässt, größer sein kann als die Präsenz, die er zu Lebzeiten hatte.

Trauer macht stark. Man kann die anderen nicht dazu bringen, besser auf einen aufzupassen, wenn sie auch gegen sich selbst rücksichtslos sind. Aber man kann sich selbst beschützen. Mit aller Kraft. Und diese Stärke bleibt einem. Das berichten alle, die einen schweren Verlust erlebt, eine Krise überstanden haben. Das geht nicht mehr weg. Das verschwindet nicht mehr. Es gibt keinen Weg zurück.