Keine Impfung gegen Wahn

von Julia Herrnböck / 06.02.2015

Ausgerechnet die Masern. Eine Krankheit, die in den USA seit 15 Jahren als ausgerottet gilt, steigert sich eben dort gerade zum Wahlkampfthema. Einige dutzend Menschen hatten sich im Dezember in einem Vergnügungspark in Kalifornien mit dem Virus angesteckt. Aktuell sind schon mehr als 100 Menschen infiziert, ein Rekord.

Das liegt nicht daran, dass die Masernimpfung nicht wirkt, sondern dass sich mehr und mehr Menschen aus der Impfpflicht – ja, die gibt es in den Staaten – aus religiösen oder persönlichen Gründen ausnehmen.

Grafik Masern CDC
Grafik Masern CDC

Auslöser für die Grundsatzdebatte war ein unglücklicher (und ungerecht gekürzter) Sager von Chris Christie, Gouverneur von New Jersey, zu Wochenbeginn: Auf die Frage, was er angesichts der drohenden Masernepidemie empfehle, wünschte sich der Republikaner eine „Wahlmöglichkeit“ für Eltern. Für eine Stunde sah es danach aus, als würde der mögliche Präsidentschaftskandidat die Impfpflicht in Frage stellen. Große Aufregung.

Ursprünglich hatte Christie auch gesagt, seine eigenen vier Kinder seien geimpft. Nach einer Stunde ließ er dementieren, leider zu spät. Parteikollege Rand Paul – ausgerechnet Arzt – erklärte im Fernsehen, Kinder gehörten nicht dem Staat, sondern den Eltern (!?). Er selbst habe mehrfach erlebt, wie Geimpfte geistigen Schaden davontrugen. Voilà, die Legende der autismenauslösenden Impfungen ward wiederbelebt.

Arzt und Impfgegner

Rand Paul ist nicht der einzige Mediziner, der krude Theorien in die Welt streut. Da wäre jene Ärztin in meinem Bekanntenkreis, die Artikel über den gezielten Einsatz von Ebola-Viren postet und meint, die Bill-Gates-Stiftung führe grausame Tests an tausenden afrikanischen Kindern durch. Ein Grazer Mediziner, der zwischenzeitlich seine Lizenz verloren hatte, darf seit 2013 wieder seine Ansicht verbreiten, Ansteckung sei Aberglaube und die Pocken dank Kühlschränken ausgestorben.

Bill Gates Devil
Bill Gates Devil
Dieses Sujet teilte besagte Ärztin auf Facebook. Mit Photoshop kann sich heute jeder seinen Verfolger veranschaulichen.

Wie soll man mit Menschen vernünftig diskutieren, die nicht an die Wissenschaft „glauben“? Masernpartys, Pharma-Mafia, Weltverschwörung. Es ist immer die gleiche Leier. Anders als bei Menschen, die Aliens in Kondensstreifen anbeten, ist der Schaden durch Impfgegner und Klimawandelleugner ein kollektiver. Es ist ein fehlgeleiteter Kampf um eine vermeintlich individuelle Freiheit – auf Kosten der anderen.

Es ist gut, dass es in Österreich Impfempfehlungen, aber keine Pflicht gibt. Der Schlüssel zur Eigenverantwortung liegt – wie bei so vielem – in einer aufgeklärten Gesellschaft. Dass sich Verschwörungstheorien so hartnäckig halten und wissenschaftliche Belege selbst von Wissenschaftern bestritten werden, ist bei Infektionskrankheiten nicht nur traurig, sondern gefährlich.

MasernÖ
MasernÖ

Auch Deutschland meldete diese Woche einen rekordhaften Anstieg von Neuinfektionen. Dumme Ideen verbreiten sich auf die gleiche Art und Weise wie ein Virus.

Zeit, mit ein paar Mythen aufzuräumen

Impfungen verursachen Autismus. Obwohl jenes wissenschaftliche Paper von Andrew Wakefield et al. schon längst aus dem Verkehr gezogen wurde, hält sich diese Fehlinformationen hartnäckig. Seine „Studie“ bezog sich lediglich auf zwölf Probanden und Wakefield wurde nachweislich von Anwälten bezahlt. Zehn der dreizehn Koautoren distanzierten sich später von ihm. Ein Zusammenhang konnte bisher in keiner einzigen Studie nachgewiesen werden.

Ein Impfschaden ist schlimmer als die Krankheit. Es gibt Ärzte, die Masern oder eine daraus resultierende Gehirnhautentzündung als ungefährlich bezeichnen. Andere verbreiten die Theorie, eine „Häutung“ sei ein wichtiger Entwicklungsschub. Um es mit den Worten von Gil Chavez, Direktor am Zentrum für Infektionskrankheiten in Kalifornien, zu sagen:

It’s really a bad combination when you have people who trivialize what can be a serious illness, and then spread misinformation that vaccines can be unsafe.

Der Nutzen von Impfungen ist nicht nachgewiesen. Bleiben wir bei den Masern: Bevor der Impfstoff 1963 in den USA zugelassen wurde, erkrankten jährlich zwischen drei und vier Millionen Menschen an dem Virus. 400 bis 500 starben an den Folgen, 4.000 erlitten eine Hirnschwellung. Bis in die 1980er Jahre hinein starben weltweit jedes Jahr 2,6 Millionen Menschen an den Masern. Die Krankheit ist so ansteckend, dass sich 90 Prozent der ungeschützten Menschen im Umfeld infizieren. Da hilft kein Beten und keine Globuli: Es reicht schon aus, mit dem Patienten in einem Raum zu stehen.

Diese alten Krankheiten sind heute nicht mehr gefährlich. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben sich 2013 rund zwei Millionen Menschen mit Masern infiziert, 145.700 sind daran gestorben. Das sind 400 Menschen am Tag. Ein bis drei von tausend erkrankten Kindern überleben das Virus nicht. Die Wahrscheinlichkeit einer Gehirnhautentzündung liegt normalerweise bei 1:100.000 – mit Masern bei 1:100. Trotzdem haben sich 79 Prozent der Impfverweigerer in den USA „aus persönlichen Gründen“ dagegen entschieden.

Es ist eine Mischung aus reaktionärer Ignoranz und Yogalattesmoothie-Mentalität, die gut gebildete Menschen zu Realitätsverweigerern macht. Laut einer Studie aus Harvard gibt es keinen Zusammenhang zwischen politischer Einstellung und Impfgegnern. Die einen tendieren zur Autismus-Theorie, die anderen halten Krankheiten für eine Erfindung der Pharma-Industrie. Für beide Lager gilt, dass sie die eigenen Befindlichkeiten über das Allgemeinwohl stellen. Immunschwache, Schwangere und Säuglinge können nicht geimpft werden. Sie müssen sich darauf verlassen, dass die Mehrheit die Verbreitung ernsthafter Krankheiten nicht zulässt.

Impfraten in Österreich unter WHO-Zielen

Der Herdenschutz funktioniert laut WHO bei 92–94 Prozent Impfrate. Doch auch in Österreich entfernen wir uns von dem Ziel: Im Gesundheitsbericht des Landes Niederösterreich etwa (2010) steht, dass die Geburtengänge ab 2003 nur noch zu 65 Prozent gegen Masern-Mumps-Röteln geimpft sind. Bei Polio, Diphterie oder Tetanus sind es 72 Prozent. NZZ.at-Kollege Moritz Gottsauner-Wolf hat dies in einem Zeit-Artikel umfassend dargestellt.

Das Dilemma des Erfolg-Effekts: Wir kennen viele gefährliche Krankheiten nicht mehr und empfinden die Bedrohung als lapidar. Doch ein Virus reist mit seinem Träger. 2014 wurde wieder ein Fall von Diphtherie in Österreich gemeldet. Dank Kampagnen habe sich die Impfrate wieder erhöht, erklärt Petra Feierabend von der Abteilung für Impfwesen im Gesundheitsministerium. Resultate werden voraussichtlich im März veröffentlicht.

Wenn sich Eltern Gedanken darüber machen, welche Impfungen in welcher Zusammensetzung verträglich sind, ist das richtig. Wenn aber Ärzte und Politiker auf den Zug der Verschwörungstheoretiker aufspringen, ist das unethisch und unverantwortlich.

Franz-Jospeh Huainigg, Nationalratsabgeordneter der ÖVP, schreibt auf seinem Blog, wie er einer verängstigten Schülerin erklärt, er sei aufgrund einer Impfung im Rollstuhl. Wenn das Mädchen in der kommenden Woche die Schluckimpfung bekomme, sei sie „Willkommen im Klub“. Da fehlen mir die Worte. Die seriöse Auseinandersetzung steht nicht mehr im Mittelpunkt, sondern das Einzelschicksal, die traurige Anekdote.

Auf Nachfrage räumt er ein, er habe damals „mit Humor” auf die Risiken hinweisen wollen, sei aber kein strikter Impfgegner. „Meine Kinder sind gegen die wichtigsten Krankheiten geimpft.“

Es gibt also keine Impfschäden? Das ist ebenfalls ein Mythos. Im Jahr 2013 wurden in Österreich 96 Meldungen vom Sozialministerium als solche anerkannt. Wichtig ist, ob ein ursächlicher Zusammenhang zur Impfung hergestellt werden kann. In Deutschland bewertet das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) Verdachtsfälle von Impfkomplikationen. 2012 wurden 2.580 Verdachtsfälle gemeldet, in einer Datenbank kann über jeden einzelnen nachgelesen werden.

Impfen ist sicherer als Nichtimpfen

Bevor ein Impfstoff auf den Markt kommt, wird er auf Verträglichkeit und Wirksamkeit geprüft. Selbst wenn 30.000 Probanden in der Phase drei einer klinischen Prüfung teilnehmen, können seltene Nebenwirkungen, die vielleicht in einem von 50.000 Fällen auftreten, nicht gesehen werden. „Wir versuchen, die Risikosignale zu finden“, sagt Susanne Stöcker von PEI. Gibt es zugelassene Impfstoffe, die sich als schädlich erweisen? „Extrem selten, aber es kommt vor“, sagt Stöcker. Im Jahr 2000 etwa wurde ein Impfstoff gegen FSME mit Namen Ticovac vom Markt genommen, weil er in vielen Fällen hohes Fieber auslöste.

Es gibt keine 100-prozentige Sicherheit im Leben. Aber es ist erwiesen, dass Impfen sicherer ist als Nichtimpfen. Es gibt unabhängige Institutionen, in denen versucht wird, das Risiko zu minimieren. Wir sollten uns davor hüten und dagegen ankämpfen, dass Emotionen und Fehlinformationen anstelle von Fakten Diskussionen in der Öffentlichkeit dominieren. Sei es beim Impfen oder sonstwo.