Keystone XL: Porträt einer Pipeline, die Amerika polarisiert

von Magdalena Klemun / 11.03.2015

Steele City ist ein Ort mit unter hundert Einwohnern. Wenn sich im Südwesten Nebraskas irgendwo Fuchs und Hase besonders häufig Gute Nacht sagen, dann hier. Eines der wenigen veröffentlichten Fotos des sogenannten Stadtkerns zeigt eine Kirche, Bahngleise, Wald und Wiesen. „Downtown Steele City“ heißt es darunter. Wikipedia beweist Humor.

Doch so stark übertrieben ist die Bezeichnung nicht, zumindest symbolisch nicht. Seit Kanadas zweitgrößter Pipeline-Betreiber TransCanada 2008 um die Bewilligung der Keystone-XL-Pipeline ansuchte, ist „Downtown Steele City“ Teil einer gigantischen Energiedebatte mit zugehörigem Medienspektakel – es wäre sonst nicht Amerika. In Steele City würde das umstrittene Pipeline-Teilstück, beginnend in der kanadischen Provinz Alberta, an bereits erbaute Abschnitte anschließen. Das Ziel: Öl aus kanadischen Teersanden und aus der US-amerikanischen Bakken-Formation soll zu Raffinerien im Golf von Mexiko transportiert werden, die für dessen Verarbeitung speziell ausgestattet sind.

Dies soll auf kürzerem Weg und mit höherer Transportkapazität geschehen als im existierenden Pipeline-System (siehe Karte unten). Das Problem: Da der geplante Abschnitt die Grenze zwischen Kanada und den USA überschreitet, ist eine Genehmigung des US-Außenministeriums notwendig. Barack Obama hatte Ende Februar sein Veto gegen das vom Kongress verabschiedete Gesetz zum Bau der Pipeline eingelegt. Ein Versuch der Republikaner, dieses Veto durch eine Zweidrittelmehrheit im Senat auszuschalten, ist in der ersten Märzwoche gescheitert. Bye-bye, Keystone XL – vorerst zumindest.

Keystone-Pipeline
Keystone-Pipeline
Die Teilabschnitte der Keystone-Pipeline von Kanada an den Golf von Mexiko. Der Hauptteil ist bereits errichtet, nur Keystone XL wird debattiert.

Der Ölpreis

Der Bekanntheitsgrad von Steele City ist dabei exemplarisch für die gesamte Debatte. Keystone XL selbst ist das Steele City der Energiedebatten, ein verhältnismäßig irrelevanter Fleck auf der Landkarte gewichtigerer Energiefragen. Diese eine Pipeline wird kaum darüber entscheiden, ob Kanada weiterhin Teersande fördert und transportiert. Letzteres geht auch auf Umwegen über andere Pipelines, oder per Zug. Neben dem Absatzmarkt USA gibt es da auch China. Gewichtiger ist der Einfluss des Ölpreises: Bleibt dieser jahrelang rund um die derzeitigen 50 Dollar pro Barrel, so ist fraglich, ob die Pipeline-Kapazität Marke X-Large überhaupt genützt würde. Kurzfristig allerdings ist der Ölpreis weniger relevant – wer in aufwendige Teersand-Projekte investiert, denkt tendenziell in Dekaden, während derer sich der Ölpreis längst wieder erholen könnte.

Auch über das tägliche Brot der amerikanischen Mittelklasse wird Keystone XL nicht entscheiden, wie eines der republikanischen Grundgesetze „Öl + Infrastrukturinvestitionen = Wohlstand für alle und für immer“ vermitteln möchte; oder im Alleingang die Eindämmung des Klimawandels verhindern, wie manche Umweltschützer argumentieren. Dennoch erregt die Debatte seit 2008 überproportional viele Gemüter, dabei gäbe es wichtigere Energiefragen zu lösen. Wie genau etwa das Ziel der USA erreicht werden soll, 2025 26–28 Prozent weniger Treibhausgase zu emittieren als 2005, bleibt weiterhin unklar.

Aber zurück zum Kern von Keystone. Warum wird hier so viel gestritten? Das Stichwort lautet: Symbolkraft, und zwar doppelter Natur. Zum einen geht es um die gewichtige Frage, ob die Ölgewinnung aus Teersanden im Hinblick auf klimapolitische Zielsetzungen noch leistbar ist, und wie Staaten wie Kanada und die USA mit der Diskrepanz zwischen Rohstoffreserven und Treibhausgasbudgets umgehen sollen. Zum anderen steht Obamas Glaubwürdigkeit in Umweltfragen auf dem Spiel, zumindest aus Sicht des demokratischen Öko-Flügels.

Treibhausgasemissionen

Zunächst zum Umweltaspekt: Bei der Produktion und Verbrennung eines Barrels Öl aus Teersand werden rund 17 Prozent mehr Treibhausgase ausgestoßen als beim Durchschnitt anderer in den in den USA verarbeiteter Ölsorten, so die Zahlen aus einer Analyse des US-Außenministeriums. 17 Prozent klingt vergleichsweise harmlos, aber nur, weil Emissionen bei der Verbrennung den Großteil dieser Rechnung ausmachen. Verbrennungsemissionen unterschiedlicher Ölsorten sind relativ ähnlich – der hohe, den wirklichen Unterschied ausmachende Energieverbrauch, um Teersande aufzubereiten, fällt dadurch weniger ins Gewicht. Sieht man sich jedoch jenen Anteil der Emissionen an, der alleine bei der Treibstoffproduktion verursacht wird, fallen im Schnitt 80 Prozent mehr Treibhausgase pro Barrel Öl aus Teersanden an. Ein ziemlich „dirty fuel“ (unsauberer Brennstoff), wie Amerikaner sagen würden.

Was ist die Ursache der starken Umwelteinwirkung? Teersande sind eine Art mineralischer Cocktail aus Sand, Wasser, Lehm und Bitumen (eine zähflüssige Substanz, die etwa zur Bindung von Asphalt eingesetzt wird). Diese Mischung muss erst mit Wasser und Chemikalien aufbereitet oder durch die Injektion von Wasserdampf aus dem Gestein gelöst werden, bevor sie in Pipelines gepumpt werden kann. Der Aufbereitungsprozess ist energieintensiv, das erhöht die Gesamtemissionen. Der einzige Vorteil von Ölsanden – dass sie nahe an der Oberfläche gefördert werden – wird durch den Habitatverlust für Tiere und Pflanzen zunichte gemacht.

Teersand
Teersand
Teersand vor der Aufbereitung, bei der Öl gewonnen wird

Natürlich sind auch andere wirtschaftlich bedeutende Industrieschauplätze kein ökologisches Schlaraffenland, das ist nicht ihr primäres Ziel. Allerdings geht es Wald und Wiesen im Fall von Teersanden besonders nachhaltig an den Kragen. Neuere wissenschaftliche Publikationen, etwa die des Biologen Joshua Kurek an der kanadischen Queen’s University, zeigen massive Anreicherungen von polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) in Gewässern rund um Teersand-Fördergebieten. Man kann die chemische Beschreibung auch abkürzen und sagen: Diese Substanzen sind toxisch.

Umweltschützer

Kein Wunder also, dass Umweltschützer auf die Barrikaden steigen. Was sie übersehen: Keystone XL ist nicht das einzige Stahlrohr, das Öl gen Süden befördern kann. Erst im Dezember 2014 gingen zwei kleinere, von Kanada betriebene Pipelines in den USA in Betrieb, die unter anderem Öl aus Teersanden befördern. Gegen die hat niemand protestiert. Pläne für Pipelines nach Westen, um Öl von dort Richtung Asien zu befördern, gibt es ebenso. Und: Wenn Öl nicht per Pipeline transportiert wird, dann fährt es eben Zug, allerdings mit höherem Risiko und Kosten. Anfang Februar verunglückte ein mit Öl beladener Zug im US-Bundesstaat West Virginia. 27 Waggons entgleisten, das Feuer brannte tagelang. Im Juli 2013 geriet ein kanadischer Öl-Waggon außer Kontrolle, die Explosion tötete 47 Menschen. Es sind dies Einzelfälle, doch es gibt einen Trend: Das Gesamtrisiko durch Öltransporte auf Schienen hat sich durch den Schieferöl-Boom massiv erhöht. 2014 waren in den USA über 40-mal so viele mit Öl beladene Züge unterwegs wie 2008, da neuere Fördergebiete schlecht an Pipelines angebunden sind.

Hintergründig geht es bei Keystone XL also um die schwierige Frage, welches Risiko bei der Rohstoffnutzung tolerabel ist, und für wie lange. Wenn sich Klimapolitik nur ansatzweise am Ziel orientieren will, die Erderwärmung auf 2 Grad zu begrenzen, dann müssen fossile Brennstoffe zunehmend aus dem Ressourcenmix verdrängt werden. Diese abstrakte Botschaft lässt sich leichter mit dem Maskottchen „Pipeline“ verkünden – auch deshalb wird die Polarisierung durch Keystone XL von finanzstarken Umweltlobbyisten wie dem Ex-Hedgefonds-Manager Tom Steyer unterstützt. Wer Wähler mobilisieren will, braucht greifbare Sachverhalte. Ein Rohr, durch das Öl fließt? Perfekt. Wegen Variablen in Klimamodellen geht niemand auf die Straße.

Politische Kompromisse

Soweit die Symbolkraft, Teil eins. Dann wäre da noch die Bedeutung von Keystone XL für Obamas politische Glaubwürdigkeit. Hätte der Präsident basierend auf einer Analyse des Außenministeriums entschieden, wäre eine Genehmigung eigentlich naheliegend gewesen. Das Papier schätzt den Einfluss von Keystone XL auf Arbeitsmarkt und Klimawandel als moderat ein. 3.900 temporäre Jobs, das ist nur ein Hundertstel der Arbeitsplätze, die die US-Wirtschaft allein im Februar schuf. Aber wer hat schon etwas gegen ein paar Jobs? In puncto Klimawandel argumentierte der Report vorsichtiger: Nur im Falle eines längerfristig niedrigen Ölpreises, gekoppelt an stark eingeschränkten Zugang zu anderen Pipelines, könnte die Verhinderung von Keystone XL entscheidenden Einfluss auf die künftige Förderrate kanadischer Teersande haben, und damit auf globale Treibhausgasemissionen. Erstere Bedingung wäre bei rund 50 Dollar/Barrel zumindest vorübergehend erfüllt, zweitere aber nicht.

Obamas Entscheidung ist zumindest konsequent: Es geht hier nicht nur um Fakten, sondern um Fraktionen. Möglichkeiten für Kompromisse gäbe es, etwa mehr Pipeline-Kontrollen zu verordnen. Motto: Pipeline ja, aber nur mit mehr Absicherung gegen Lecks. Das aber wäre nicht radikal genug für die demokratische Öko-Fraktion. Nicht umsonst beißt sich Hillary Clinton, die demnächst höchstwahrscheinlich ihre Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen 2016 ankündigen wird, bei Fragen nach der Keystone-Pipeline geradezu auf die Zunge. Sie darf jetzt niemanden verärgern.

Insgesamt lässt sich anhand von Keystone XL einiges über den Zustand der Klimapolitik in den USA lernen: Da sind Ansätze für substanzielle Veränderungen auf der einen Seite – etwa der Clean Power Plan zum Umbau des Elektrizitätssektors (mehr Gas und erneuerbare Energien, weniger Kohle) – und laute, aufgeblasene Debatten auf der anderen Seite. Dazwischen? Vakuum. Der Wahlkampf wird es füllen, zweifellos, aber wohl kaum mit Fakten.