Blick in die Challery im 1. Bezirk

Kunst kaufen, Leben schenken

von Carolina Vinqvist / 15.04.2015

Noch vor kurzem dekorierten hippe Fahrräder die Schaufenster der Jordangasse 3 beim Artis Kino, doch seit 1. April wird hier Kunst ausgestellt. Michael Schmidt-Ott hat über 30 Werke von Malern, Bildhauern und Fotografen akquiriert, um sie für einen guten Zweck zu verkaufen und eröffnet somit die erste Challery.

50 Prozent für den Galeristen, 50 Prozent für den Künstler. So funktioniert das gängige Galeriegeschäft. Aber das hier ist keine gewöhnliche Galerie. Es ist eine Wohltätigkeitsgalerie. Das heißt: 100 Prozent des Verkaufs gehen an einen guten Zweck. Das Ganze nennt sich dann Challery. Gründer Michael Schmidt-Ott erzählt mit leuchtenden Augen von seinem Projekt. Es sei ihm schon immer eine Herzensangelegenheit gewesen, Menschen zu helfen. Deshalb arbeitet er seit 15 Jahren mit der Caritas Initiative Louisebus, einer kostenlosen medizinischen Betreuung für Hilfsbedürftige, zusammen. Daneben engagiert er sich für ein Buchprojekt, das es Blinden ermöglicht, Werke des Kunsthistorischen Museums zu spüren und nicht nur per Audioguide zu erleben.

Er organisiert Ausflüge für Kranke, holt sie aus dem Trott des Alltags heraus, schenkt Erlebnisse, hört sich zum x-ten Mal die Lebens- und Leidensgeschichten der Patienten an, und wenn er am Naschmarkt einkauft, begrüßt er den Augistinverkäufer an der Ecke mit einer Umarmung. „Wenn ich’s nicht mache, macht’s keiner“ – so die Devise des gebürtigen Wuppertalers. Als ein Freund dann die ca. 40 Quadratmeter Ladenfläche im Ersten räumt, greift der kleine Mann mit dem großem Herzen zu. Immerhin ist der Wiener 1. Bezirk der Ort, um mit einer Galerie in das Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Und tatsächlich. Vorbeigehende, Touristen und Einheimische bleiben am Schaufenster stehen und blicken verwundert auf die schwarz-pinke Fensteraufschrift: Challery – Charity Gallery. Was soll das sein? Wenige können sich darunter etwas vorstellen. Umso mehr sind alle willkommen, einzutreten und nachzufragen. Der Gründer, meist selbst vor Ort, wird gerne alles erzählen, erklären und vorführen. So kann dann erfahren werden, dass die jetzige Verkaufsaktion für den Ausbau des CS Hospiz Rennweg gedacht ist.

Gründer der Challery Michael Schmidt-Ott

„Sonntag war bei uns immer Museumstag“, erinnert er sich an seine Kindheit. Geprägt von dem kulturellen Umfeld, mit Eltern und Großeltern, die Kunst nicht nur sammeln, sondern ihrem Kind auf eine zugängliche Art näherbringen, ist es Schmidt-Ott wichtig, dass auch für seine Besucher keine Barrieren zwischen Kunst und Betrachter entstehen. Alles darf angefasst werden. Es darf geredet, gefragt, gelacht werden. Kunst sei emotional, deshalb sollen die Werke gespürt werden. Wie ist die Struktur des Rahmens, wie schwer ist die Leinwand – Tabus eines White Cubes gilt es zu brechen. Nur so erfährt ein unwissender Besucher, dass die „Obstschalen“ im Schaufenster Taschentuch-Imitationen sind. Die Berliner Künstlerin Nele Schwierkus formt eigenhändig, besser gesagt mithilfe ihres gesamten Körpergewichtes, aus Metalplatten Alltagsgegenstände. In diesem Fall weiße Taschentücher, die sie am Boden auf dem Weg zur U-Bahn gesehen hat.

Die Qualität seiner Challery ist dem Gründer besonders wichtig. Mit zwei Professoren, Udo Dziersk und Monika Pichler, will er eben nicht nur irgendetwas verkaufen, er will seinen Kunden und Interessenten die Möglichkeit geben, hochwertige Werke zu kaufen. Werke, die nicht nur persönlich ansprechen, sondern auch als potenzielle Anlage dienen können. So versammelt er namhafte Künstler, die sich in der Szene bereits etabliert haben.

Udo Dziersk: „Eine Verbindung anstrengen VI“, 2012, Öl und Bleistift auf Karton, 70x50 cm

Ein besonderes Unikat steht im mittleren Schaufenster in der unteren linken Ecke. J. Doe – ein/e Künstler/in ähnlich wie Bansky, vollkommen anonym und fast nicht existent. Die einzige Information, die öffentlich ist: J. Doe arbeitet und lebt in New York. Ein Bild einer vielschichtigen Mixed-Media-Serie, das normalerweise 6.000 Euro kostet, wird hier für 600 Euro verkauft. Künstler und Unterstützer spenden ihre Kunst, verzichten auf Bezahlung und tragen durch den Verkauf dazu bei, Menschen zu helfen.

Bis Ende April ist die Challery noch in der Jordangasse 3. Von da aus geht es hoffentlich weiter. Wo das sein wird, ist noch ungewiss. Michael Schmidt-Ott ist für alles offen. Mariahilf, Leopoldstadt oder Favoriten – jeder Bezirk hat seinen Reiz, denn jeder Bezirk gibt der Kunst seine individuelle Form und Repräsentation. Sicher ist, dass Michael Schmidt-Ott nicht aufhören wird, sich sozial zu engagieren, mit oder ohne Kunst.