Leere Versprechen? Über Betroffenheit, Respekt vor Überlebenden und den Wiener Ballkalender 

von Barbara Kaufmann / 30.01.2015

Die Kränze sind niedergelegt, die Gebete gesprochen, die tiefe Betroffenheit versichert. Ja, wir sind betroffen. Und stellvertretend für uns unsere Volksvertreter.

Immer noch fassungslos angesichts der bestialischen Taten, zu denen der Mensch imstande ist.

Vor 70 Jahren hat die Rote Armee Auschwitz befreit.

Auschwitz, das ist Synonym für Monstrosität, für grenzenlose Grausamkeit.

Auschwitz ist mit dem Begriff „unmenschlich“ nicht zu beschreiben. Denn es waren Menschen, die dort gequält haben und geherrscht, gefoltert und gemordet. Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in dieser Welt, war Jean Améry überzeugt. Doch die Überlebenden haben überlebt und sie überleben noch. Ihre Kraft und ihre Stärke, mit der sie erzählen, mit der sie von dem Erlebten berichten, sie sind wie ein Wunder angesichts dessen, was sie erlebt haben.

Diese Überlebenden sind dieser Tage Ehrengäste auf den Gedenkveranstaltungen, auf denen man Kerzen anzündet und Lichterketten bildet und betroffene Reden hält und inbrünstig Versprechen abgibt. Nie wieder! und Wehret den Anfängen!

Und doch stellt sich die Frage, wie ernst diese Versprechen gemeint sind. Gerade jetzt, nur wenige Tage nach den Jubiläumsveranstaltungen und Kranzniederlegungen. Wie steht es mit all den Beteuerungen? Wie lange gilt ein nie wieder in Österreich?

In Wien findet diesen Freitag eine Veranstaltung statt, die diese Fragen dringlich werden lässt. Der Wiener Akademikerball, der als Nachfolger des Korporationsballs gesehen wird. Veranstaltet wird er von der FPÖ und zwar traditionell in der Wiener Hofburg.

Die Hofburg, das ist ein geschichtsträchtiges Gebäude in Wien. Symbol für den versunkenen Glanz der Monarchie. Das Sisi-Museum zeugt heute noch davon. Touristischer Fixpunkt für die Grande Tour durch die Hauptstadt des Landes. Die Hofburg, das ist auch der Sitz des Bundespräsidenten der Republik. Und ausgerechnet hier, in diesem Gebäude, findet dieser Ball statt. Zu ihm sind europäische Rechtsaußen und Burschenschafter ebenso geladen wie obskure Gestalten, die mitunter wiederholt durch ein problematisches Verhältnis zur Geschichte des Dritten Reiches aufgefallen sind. Ariel Muzicant, der ehemalige Präsident der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, fragte sich bereits 2011 angesichts des Balls in der Wiener Hofburg: Feiern die sozusagen die zwei Millionen Toten von Auschwitz, oder was? Tanzen sie sozusagen auf sechs Millionen toten Juden, oder was denken sich die dabei?

Eine Ballveranstaltung der europäischen Rechten mitten in Wien, in einem derart historisch besetzten und bis heute bedeutsamen Gebäude? Schwer vorstellbar in unserem Nachbarland, mit dem wir die dunkelste Zeit unserer Geschichte teilen. Ein Ball der AfD mit Burschenschaftern und Pegida-Aktivisten mitten im Schloss Bellevue? Undenkbar, sagen Kollegen aus Deutschland und schütteln ihre Köpfe. Doch in Wien pocht man darauf, dass alles rechtens ist. Recht wie in Rechtsstaat, Recht im Sinne von Gesetz. Und natürlich wird durch die Veranstaltung kein Gesetz verletzt. Eine Demokratie müsse es aushalten, dass Burschenschafter und Rechte in der Hofburg tanzen. So argumentieren nicht wenige Journalisten hierzulande.

Doch gibt es nicht abseits von Recht und Unrecht im juristischen Sinne Fragen, die gerade im siebzigsten Jahr nach der Befreiung von Auschwitz ebenso dringlich sind? Fragen nach Moral, nach Taktgefühl, nach Respekt? Vor den Überlebenden und den Toten. Seele, vergiss nicht die Toten! Sieh, sie umschweben dich. Mahnende Worte von Friedrich Hebbel. Doch was sind Mahnungen? Es gibt so viele von ihnen und für die Politik, so scheint es, sind sie bloß Teil der Gedenkveranstaltungen. Vergessen, sobald man die letzten Hände der Überlebenden geschüttelt hat. Sobald die letzten Worte der Betroffenheit verhallt sind.

In Wien beschäftigt man sich lieber mit karnevaleskem Links gegen Rechts. Da ist kein Platz für die Sorgen der Überlebenden. Da wird nicht nachgedacht über die Symbolwirkung einer solchen Veranstaltung, kein vernünftiges Plädoyer für einen anderen Austragungsort gehalten. Die Stimmen, die dies fordern, gehen unter. Stattdessen wird eskaliert, verdrängt und weggesehen.

Ja, wir sind betroffen von den Bildern aus Auschwitz, des größten Friedhofs der Welt. Und im Geiste schließen wir uns den Versprechen an, die den Überlebenden von Repräsentanten der europäischen Staaten zum Jahrestag der Befreiung gemacht werden. Doch sind wir auch bereit, uns dafür einzusetzen, sie zu erfüllen?

In Europa wächst der Antisemitismus, sagen nicht nur Studien. In Berlin werden bei Protesten gegen den Gaza-Krieg judenfeindliche Parolen gebrüllt. In Paris sterben Anfang des Jahres vier Menschen, weil sie in einem koscheren Supermarkt einkaufen. Ermordet von einem Terroristen, weil sie Juden sind.

In Athen sitzt nach den Neuwahlen ein Rechtspopulist in der Regierung, der durch antisemitische Aussagen aufgefallen ist. Die Proteste gegen ihn lassen auf sich warten. In Wien tanzen die Rechten in der Hofburg und unter die Gäste mischt sich schon auch einmal ein verurteilter Holocaust-Leugner. Doch eine breite Debatte über einen anderen Austragungsort des Balls findet nicht statt.

Im Angesicht von Auschwitz haben wir den Überlebenden erneut unsere Betroffenheit beteuert und viele Schwüre geleistet. Man wird sehen, ob es sich dabei nicht nur um leere Versprechungen gehandelt hat. Die Vergangenheit ist niemals tot, schreibt William Faulkner. Sie ist nicht einmal vergangen.