Lieber Ahnung von Steuern als von Literatur?

von Elisabeth Gamperl / 16.01.2015

Naina ist eine 17-jährige Schülerin und hat kürzlich einen Tweet losgelassen, der in Deutschland eine Debatte über das dortige Schulsystem ausgelöst hat. Der Tweet wurde über 14.000 Mal geteilt und fast 26.000 Mal favorisiert. Sogar die deutsche Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) stimmte ihr zu.

https://twitter.com/nainablabla/status/553881334813560832

Wie konnte ein Tweet aber eine solche Berühmtheit erlangen? Bildung polarisiert. Schon immer. Deswegen geht auch nichts weiter im heimischen Bildungssystem, in dem sich seit Einführung der Schulpflicht durch Maria Theresia im Jahre 1774 zentimeterdicke Schichten an Staub angesammelt haben.

Auch in Österreich beginnt nun die Diskussion. Die Schülerunion instrumentalisiert die Kölnerin und fordert eine Adaption des Lehrplans: Die Schule solle doch bitte endlich auf das Leben vorbereiten!

Brauchen wir also Lebenskunde in unserem Lehrplan? Sollten Schüler lernen, wie sie einen Knopf annähen, Wäsche waschen, Mietverträge abschließen, Steuern zahlen und Kontoauszüge drucken?

Mitnichten. Eine gewisse Grundintelligenz sollte man den Menschen zutrauen. Eine allgemeinbildende Schule ist nicht Lebenshilfe oder Caritas und sollte sie auch nie sein.

Darüber, was Bildung eigentlich sei, wird seit Jahrzehnten zwischen zwei Polen gestritten, die kaum gegensätzlicher sein könnten. Während die Pragmatiker betonen, nur ökonomisch verwertbares, klar messbares Wissen sei gutes Wissen und alle sogenannten Orchideenfächer der Geisteswissenschaften am liebsten gleich abschaffen würdenPragmatiker-Lieblingsspruch: Wer braucht schon Philosophie oder Kultur- und Sozialanthropologie?, sehen die Idealisten in der Bildungsdebatte junge Menschen erst dann als mündige Mitglieder der Gesellschaft an, wenn sie Adorno zitieren und „La donna è mobile“ von Giuseppe Verdis Oper „Rigoletto“ singen können – oder eine Gedichtanalyse in vier Sprachen verfassen.

Schulbildung muss einen Kompromiss finden zwischen altem, kulturell wertvollem Wissen und neuen Techniken und Problemen, die in unserer Gesellschaft Einzug gehalten haben. Es reicht nicht mehr, romanische Rundbögen von gotischen Spitzbögen unterscheiden zu können – auch in der allgemeinen Oberstufe nicht.

Wir leben nunmal im Kapitalismus. Darum ist es wichtig, zu lernen, was Rendite und Aktien sind, bevor man bei einer Antikapitalismus-Demo mit Schild und Trillerpfeife gegen das System wettert.

Ein Versicherungs- oder eine Steuererklärung ausfüllen zu können, gehört aber auf keinen Fall in den Unterricht. Was hineingehört, ist, dass man ein kompliziertes Formular einfach mal nicht unterschreibt, wenn man sich unsicher ist. Und eben dieses kritische Denken und Fingerspitzengefühl soll auf einer höheren Ebene im Deutsch- und Geschichteunterricht angeregt werden.

Naina könnte ihrer eigenen Neugierde nachgehen, anstatt Zeit auf Twitter zu verplempern: Steuererklärungen lassen sich googeln oder bei Eltern und Lehrern erfragen.

Und wie man eine Bildungsdebatte mit sozialen Netzwerken auslöst, hätte ihr ohnehin niemand in einem Unterrichtsfach beibringen können. Das war quasi „Learning by Doing“. So läuft das ganze Leben. Werd erwachsen, Naina.