„Manhattan Project“: Wir basteln eine Bombe

von Tom Felber / 20.04.2015

Darf man an einem Spiel Spaß haben, bei dem die Atombombe erfunden werden muss? – Was politisch korrekt ist, wird von Land zu Land anders beurteilt. In Frankreich etwa hat das kürzlich hier vorgestellte Spiel „Five Tribes“ Ende Februar mit dem Gewinn des Preises „As d’Or – Grand Prix“ höchste Weihen erhalten. Gleichzeitig brach in den amerikanischen Blogs und Foren ein Shitstorm über das Spiel herein, das in der Welt von Tausendundeine Nacht angesiedelt ist. Denn in „Five Tribes“ wird neben Gewürzen und Seide auch mit Sklaven gehandelt. Das gilt in den USA, wo notabene ziemlich realitätsnahe Brettspiel-Kriegssimulationen enorm populär sind, als skandalös. Der Verlag Days of Wonder sah sich deshalb genötigt, die Sklaven in der Spielregel durch Fakire zu ersetzen.

Und nun spielt man also auch den Bau der Atombombe. Jeder Spieler leitet in „The Manhattan Project“ das Atomwaffenprogramm einer Nation. Dabei handelt es sich eigentlich um nichts anderes als eine Managementaufgabe. Auf der Schachtel steht abschreckend „ab 14 Jahren“, und da die Regel der recht anspruchsvollen Wirtschaftssimulation 18 Seiten umfasst, wird sich kaum jemand in dieses spielerische Forschungsprojekt verirren, der das Thema nicht abstrahiert betrachten kann. Es ist ein klassisches „Worker Placement“-System: Die Spieler setzen Arbeiter, Ingenieure und Wissenschaftler ein, um Aktionen auszuführen.

Zunächst gilt es, sich lukrative „Gebäude“ wie Minen, Fabriken oder Universitäten zu schnappen. Minen produzieren Yellowcake, aus dem Uranerz herausgelöste pulverförmige Uranverbindungen. Sie werden als Ressourcen benötigt, um das spaltbare Material für die Bomben herzustellen. In der Universität wird das Personal ausgebildet, die Fabriken bauen Flugzeuge und schütten Gewinne aus. Später muss auf Reaktorenfeldern Plutonium oder angereichertes Uran produziert werden. Friedlich geht es dabei nicht zu: Mit den Flugzeugen versucht man gegnerische Produktionsgebäude wieder zu zerstören, um die Mitspieler zu bremsen. Spionage erlaubt es, Arbeitsprozesse zu blockieren.

Wer eine vorgegebene Zahl an Siegpunkten erreicht, wird zur «weltbeherrschenden Supermacht». In der Erweiterung kommen Lithium-Anlagen und Wasserstoffbomben hinzu, und man kann Nationen oder historische Charaktere wie J. Robert Oppenheimer, Leslie Groves oder Leó Szilárd mit individuellen Sonderfähigkeiten führen.

Das spezielle Thema ist in diesem Fall sehr gut in ein spannendes Spielsystem umgesetzt. Und es dramatisiert und fiktionalisiert das Thema effektiv, wie es auch Filme oder Bücher tun. Die Grafik im Stil der 1940er Jahre unterstützt die Atmosphäre. Der Wettlauf um die Bombe kann einen durch die Spionage- und Luftangriff-Elemente zwar zeitweise destruktiv anmuten. Das System ermöglicht aber höchst unterschiedliche Spielweisen von aggressiv bis unauffällig friedlich. Wenn nämlich Erbsenzähler langfristig effiziente Karten-Maschinerien aufbauen, ist kein Kraut gegen sie gewachsen. Typischerweise beginnt eine Partie beschaulich, entwickelt sich nur langsam und ist dann aus heiterem Himmel plötzlich fertig, ohne dass man noch reagieren kann.

Manhattan Project: Wirtschaftsspiel von Brandon Tibbets für 2 bis 5 Spieler ab 14 Jahren. Spieldauer: ab 120 Minuten. Verlag: Minion Games / Asmodee. Preis: etwa 35 Euro.