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Tod vor 40 Jahren

Maos Unvergänglichkeit

Gastkommentar / von Sereina Capatt / 10.09.2016

Auch Jahrzehnte nach seinem Tod lebt der Personenkult um den Begründer der Volksrepublik China weiter. Die kritische Aufarbeitung der totalitären Gewalt unter der Herrschaft Mao Zedongs wird dabei ausgeblendet.

Ein Viertel der Menschheit steht still. 800 Millionen Chinesinnen und Chinesen trauern, viele in Tränen aufgelöst. Mao Zedong ist tot. 82-jährig ist er am 9. September 1976 nach fortgeschrittener Krankheit und Muskellähmung in Peking gestorben. Am Platz des Himmlischen Friedens findet eine zehntägige Trauerfeier statt. Im Zentrum der Hauptstadt verfolgen die Soldaten der Befreiungsarmee in grüner Uniform, Arbeiter in blauen Anzügen und Studenten mit roten Halstüchern die Zeremonie. Die Fahnen der Volksrepublik stehen auf Halbmast. Die Gedenkrede, der Trauermarsch, die Nationalhymne und schliesslich die Internationale: Alles wird per Lautsprecher ins Land hinausgetragen. Jeder soll dem Landesvater die letzte Ehre erweisen. Noch im selben Jahr wird mit dem Bau eines riesigen Mausoleums für den Kommunistenführer begonnen.

Engste Mao-Anhänger werden verhaftet

Einen Monat nach Maos Tod wird seine Witwe mit anderen Mitgliedern des radikalen Flügels von Chinas Kommunistischer Partei verhaftet. Ein Nachfolger war bestimmt worden, noch bevor Mao starb. Die Unruhen, die seine Politik in den letzten Jahren seiner Herrschaft auslöste, hatten ihn bei der Parteispitze diskreditiert.

Unter Maos Führung (1949 bis 1973) sollte das kommunistische China einen „grossen Sprung nach vorne“ machen und von einer Agrargesellschaft zur industriellen Grossmacht werden. Das Experiment scheiterte, und der „Steuermann“ der Volksrepublik geriet sowohl im Volk wie auch in der eigenen Partei in heftige Kritik. Zwei Trümpfe hatte Mao noch in der Hand: die Armee und die Jugend. Durch die Proletarische Kulturrevolution, die er 1966 anordnete, spielte er diese aus. Die jungen Chinesinnen und Chinesen folgten dem Diktator in einer fanatischen, kollektiven Hysterie, die in einer Serie blutiger Gewalttaten gegen Konterrevolutionäre endete und Millionen Todesopfer forderte.

Wer war Mao?

Mao beginnt seinen politischen Aktivismus selbst in jungen Jahren, als Mitglied eines kommunistischen Studentenzirkels. Aufgewachsen war der Bauernsohn in der Zeit um den Ersten Weltkrieg, in der China Spielball ausländischer Interessen war. Im Kommunismus sieht Mao – der sich später zum Volksschullehrer ausbilden lässt – den Weg zur Befreiung Chinas von der Fremdherrschaft. Mit der Bewegung des 4. Mai 1919 der studentischen Jugend in Peking gegen die japanischen Invasoren wird er zum Berufsrevolutionär. 1949 gründet er die kommunistische Volksrepublik China.

Mehr als ein Vierteljahrhundert regiert Mao das Land in einer kommunistischen Diktatur. Auf dem illusorischen Weg zu einer klassenlosen Gesellschaft steht er selbst an der Spitze einer neuen Ausbeuterklasse der Funktionäre. Mao geniesst ungeheure Privilegien, verstösst gegen alle Regeln, die er selbst dem Volk auferlegt, besitzt Luxusautos und Villen. Als „neuer Kaiser“ steht er über der Partei und über dem Volk und sorgt dafür, dass jedermann Opfer und Täter seines Terrors zugleich ist. Der „Steuermann“ bestimmt das Handeln und Denken der Massen. Mitläufertum, Angst und Opportunismus sind seine Mittel zur Unterdrückung.

Der Kult lebt weiter

Am Tor des Himmlischen Friedens – dem Ort, wo Mao 1949 die Volksrepublik ausrief – thront noch immer sein Porträt. An seinem 40. Todestag werden sich Anhänger in Shaoshan, Maos Geburtsstadt, versammeln, um ihrem Idol ihre Reverenz zu erweisen. An einer Blumenniederlegungs-Kampagne im Internet sollen bereits rund 2,5 Millionen Menschen teilgenommen haben.

Der beispiellose Personenkult um Mao überlebte seinen Tod. Auch 40 Jahre danach wird jegliche historisch-kritische Hinterfragung der Terrorherrschaft von der kommunistischen Partei Chinas verhindert. Begangene Verbrechen wurden kaum aufgearbeitet, das maoistische Ideal wird weiter zelebriert und von der kommunistischen Partei weitergetragen. Mao gibt dem neuen China bis heute eine Identität.