Randnotiz

Mein Vorurteil, mein Hass, mein Irrtum

Meinung / von Gerald Gartner / 04.02.2016

Er stiehlt, er spuckt, er schlägt: Ein Asylwerber attackiert eine Mutter von zwei Kindern in einer U-Bahn-Station. Sie wollte verhindern, dass der Mann einer alten Dame die Handtasche stiehlt. Im Netz gibt es Hass für den Täter. Das Video wird tausendfach geteilt, fast eine Million Mal angesehen. Weiterverbreitet und kommentiert wird, ohne das Video zu hinterfragen. 

„So ein Arschloch. Und so was darf frei herumlaufen. Zurück mit ihm in die Heimat. Das haben wir von der Willkommenskultur.“

Das ist in groben Zügen die Zusammenfassung der Diskussion unter diesem Video auf Facebook, das aktuell etwa 15.500 Mal geteilt wurde. Es hat sich in den vergangenen Tagen rasant verbreitet. Etwa eine Million Menschen sollen es bisher gesehen haben. Aber: Die Tat ist nicht neu. Das Video ist nicht neu. Die Tat hat nicht in Deutschland oder Österreich stattgefunden und doch glaubt jeder, sie sei in seiner eigenen Stadt passiert.

Der Übergriff des Mannes hat Anfang Jänner in Stockholm stattgefunden. Eine Videokamera hat die Tat in der U-Bahn-Station Gamla Stan, der Altstadt im Zentrum der Stadt, festgehalten. Die Stockholmer Polizei hat die Aufzeichnung veröffentlicht, um Hinweise aus der Bevölkerung zu erhalten. Das war vor zwei Wochen. Sie war erfolgreich.

Der Täter sitzt in Stockholm wegen Diebstahl und Körperverletzung in U-Haft. Schwedische Medien hatten berichtet, dass er nach Dänemark abgeschoben werden soll und es sich nicht um einen Tunesier handelt. Das ist nur teilweise richtig: Bevor er nicht verurteilt ist, passiert nichts mit dem Täter. Die Identität ist nicht geklärt. Die Stockholmer Polizei stellt seine Aussagen in Frage, sagte eine Sprecherin.

Dass die volle Härte des Rechtsstaates ihn treffen möge, ist eine Nullforderung – selbstverständlich muss jeder verurteilt werden, dem eine Straftat nachgewiesen werden kann. Dass Asylwerber straffrei stehlen und ÖBB-Garnituren aufschlitzen, ist ebenso ein Mythos wie die Annahme, dass Täter wie dieser weiter „frei herumlaufen“ dürften.