Musikstadt Wien – wie lange noch?

von Carolina Vinqvist / 31.03.2015

Die österreichische Hauptstadt ist für Sehenswürdigkeiten rund um das Thema Musik berühmt. Es ist die Stadt, in der unter anderem Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven arbeiteten, komponierten, lebten. Die Wiener Staatsoper hat Weltruf. Entsprechende Aufmerksamkeit würde man sich da für die wertvolle Sammlung alter Musikinstrumente in der Österreichischen Nationalbibliothek erwarten. Doch seit mehr als zwei Monaten hängt eine dunkle Wolke über den Exponaten.

Die Medien überschlagen sich regelrecht mit Spekulationen rund um den neuen Museumsbau des Hauses der Geschichte, das vermutlich teilweise auf Kosten der Sammlung entstehen soll. Lange geplant und nun von Kulturminister Josef Ostermayer endlich konkretisiert, stellt sich vielen die Frage: zu welchem Preis? Es gibt Meinungen, die sagen, Ostermayer ginge es nur darum, das Projekt unter seiner Amtszeit endlich zu realisieren, um sich mit der seit ewig geplanten Idee zu rühmen. Der Zeitpunkt ist allerdings alles andere als ideal, denn das Geld ist gerade besonders knapp.

Gebaut und vielmehr eröffnet werden soll trotzdem. Die größte Sorge ist somit, dass die Instrumente der Musiksammlung anderen Exponaten ins Depot weichen müssen, anstatt eine adäquate alternative Ausstellungsfläche, wie das zum Beispiel das Winterpalais, das für viel Geld renoviert wurde, zu bekommen. Diese Angst resultiert aus der ganz einfachen Rechnung: Die Ausstellungsfläche für den neuen Bau ist mit 3.000 Quadratmetern angesetzt. Doch allein die Sammlung alter Musikinstrumente braucht 1.700 Quadratmeter.

Peter Donhauser, Eduard Melkus und andere Musik- und Kulturvertreter sehen da rot. Ersterer initiierte prompt eine Petition gegen den Verfall der Musiksammlung mit insgesamt 6.612 Unterstützern. Letzterer, erfolgreicher österreichischer Violinist und Bratschist, gibt sich über die aktuelle Lage ebenfalls brüskiert. Für ihn ist klar: Die Museumsidee habe unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden, um anschließend nur das Positive publik zu machen. Welche Einbußen die neue Institution mit sich trage, wurde nicht kommuniziert.

Amputation der Kultur

Dieses „Nichtkommunizieren“ geht einher mit pre­kären Aktionen. In einem Bericht aus der ZEIT vom 12. März ist zu lesen, zahlreiche Dokumente seien am Minoritenplatz mit Lkws abgeholt und vernichtet worden. Da stellt sich doch abermals die Frage, was ein Kulturminister überhaupt darf und auf wessen Kosten? Sollte es nicht in seinem Interesse liegen, eine transparente Politik zu führen und die Bewahrung von Dokumenten und Kulturgütern zu pflegen?

Der zeitliche Rahmen des Museums wurde von 1918 auf 1848 erweitert – dem Jahr der ersten großen Revolutionen. Allein der historische Zeitraum erlaubt es demnach nicht, alle Instrumente der Sammlung zu zeigen, da sich in der Sammlung ebenfalls Exponate von vor 1848 befinden. Gegenüber NZZ.at beteuert die Direktorin des Kunsthistorischen Museums Sabine Haag, es gäbe keinen Grund zur Sorge. Noch sei nichts beschlossen, und es liege im Interesse aller, die Objekte möglichst vollständig auszustellen. Die Glaubwürdigkeit dieser Aussage ist etwas labil. Es wäre nicht das erste Mal, dass wertvolle Schätze, die es so nur einmal auf der Welt gibt, im Depot verschwinden.

Sollten die Instrumente, wie Dr. Haag sagt, nicht im Depot landen, sondern eventuell in einer alternativen Ausstellungshalle, so würde dennoch die von Melkus erwähnte Amputation der Kultur erfolgen. Die Teilung der Ausstellung bedeutet nicht nur einen Einschnitt, sondern auch eine hinderliche Nachvollziehung der Entwicklung von einem Stück Musikgeschichte.

Natürlich wäre eine sorgfältig kuratierte Ausstellung ausgewählter Objekte nicht minder relevant für die internationale Repräsentation, doch muss gefragt werden, warum auf Vollständigkeit verzichtet wird, wo es doch alternative Orte gäbe. Ist es der Drang, sich zu modernisieren, um mehr Besucher zu locken – um den Preis einer kastrierten Kultur? Und wenn ja, ist es dann nicht das Mindeste, eine transparente Durchführung und Planung für die gesamte Bevölkerung zu gewährleisten? Sollte die Sammlung alter Musikinstrumente tatsächlich wie befürchtet im Depot landen, würde sich die Sorge bestätigen, dass Politik und Museumsleiter primär ihre eigenen Interessen verfolgen und, wenn überhaupt, erst sekundär TransparenzDemokratie und den Zugang von Kulturgut für die breite Öffentlichkeit pflegen.