Nach dem Life Ball ist vor dem Song Contest

von Michael Fleischhacker / 18.05.2015

Wenn man auf die Geschichte des Song Contest zurückblickt, vor allem auf seine Rezeption in jenen Medien, die sich der „fortschrittlichen“ Kultur verschrieben haben, kann man derzeit den Eindruck gewinnen, man sei im falschen Film. Der Falter zum Beispiel, das Zentralorgan zur moralischen Verbesserung des Wienermenschen, findet, dass das Wettsingen eigentlich schon lange so etwas wie eine politisch-revolutionäre Veranstaltung zur Erzeugung einer gerechteren und toleranteren Welt sei.


Wir haben es nur nicht bemerkt. Wahrscheinlich, weil wir latent homophob sind. Apropos: Gery Keszler geht es gut, sagt er. Er hat sich vor vielen Jahren mit HIV infiziert, hat das jetzt in seiner Rede zur Eröffnung des Life Balls erstmals öffentlich gemacht und damit viele Menschen gerührt. Als unterdurchschnittlicher Medienkonsument konnte man daran nicht vorbeikommen, es war am Sonntag über viele Stunden die Spitzenmeldung in den Nachrichten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Der ORF spielt nämlich eine entscheidende Rolle bei der Antwort auf die Frage, warum man als soziologisch interessierter Mensch inzwischen nicht mehr sicher sein kann, ob Max Webers berühmt gewordener Vortrag aus dem Jahr 1919 nicht doch „Homosexualität als Beruf“ hieß. Als Mitveranstalter sowohl des Life Balls als auch des Song Contests hat der ORF derzeit kein besonderes Interesse an den Sachverhalten, in denen es um „Politik als Beruf“ geht. Stattdessen erweckt er den Eindruck, dass die tatsächliche oder eingebildete Intoleranz gegenüber Homosexuellen und Transgender-Personen das Kernproblem unserer Zeit sei.

Ist es nicht. Eines der Kernprobleme unserer Zeit ist die große Wanderung. Auch da kann man als durchschnittlicher Medienkonsument den Eindruck bekommen, im falschen Film zu sein. Als vergangene Woche bekannt wurde, dass man in Österreich Flüchtlinge in Zelten unterbringen werde, kam es zum üblichen Austausch von Freundlichkeiten zwischen dem Innenministerium und den NGOs, zuvorderst der Caritas. Deren Generalsekretär Klaus Schwertner neigt zur großen Geste, sein Widerpart, der Pressesprecher im Innenministerium, gelegentlich zur Angerührtheit.

Aus eigener Erfahrung kann ich auch in diesem Fall sagen: Im Zweifelsfall ist den Informationen des Ministeriums mehr zu trauen als denen des Caritas-Generalsekretärs. Das muss Letzteren aber nicht kümmern, denn in den Medien hat er gewissermaßen automatisch recht. Wieso sollte auch das, was die Caritas sagt, nicht stimmen? Die wollen doch nur helfen. Und das wollen natürlich auch viele Journalisten, die den Begriff nicht zuletzt deshalb ergriffen haben, weil sie die Dinge zum Besseren beeinflussen wollen.

Corinna Milborn will das auch. Sie hat ein Buch zum Thema geschrieben („Festung Europa“) und engagiert sich auch sonst vorbildlich. Zum Beispiel moderierte sie als Aktivistin gemeinsam mit Klaus Schwertner die Veranstaltung „Gegen Unrecht“, auf welcher der inhumane Umgang Europas mit den Flüchtlingen im Mittelmeer angeprangert wurde. Am selben Abend moderierte sie auf ihrem Sender Puls 4 eine Diskussionssendung, bei der ihr Partner Schwertner einer der Gäste war.

Apropos Festung Europa: Mitten in die handelsübliche Betroffenheitsprosa hat der Europa-Korrespondent der „Welt“, Dirk Schümer, einen interessanten, weil von diesem Muster abweichenden Text publiziert.

Eine Woche wird wohl noch Ausnahmezustand herrschen im Land – und ehrlich: So wichtig sind der islamistische Terror, die Zukunft des Euro und der nächste Bürgerkrieg auf dem Balkan auch wieder nicht im Vergleich zu den Wiener Ampeln und Kanaldeckeln, also werden wir uns mit Conchita-Nachrichten aus dem Wachsfigurenkabinett und sonstigem revolutionärem ESC-Zeug vergnügen. Wem’s zu viel wird, der kann ja den „Off“-Button betätigen. Bezahlt hat er ja schon.