Bloomberg / Kristian Helgesen

Analyse

Norwegens Öl-Industrie läuft nicht mehr wie geschmiert

von Rudolf Hermann / 08.03.2016

Erdöl-Dienstleistungen sind Norwegens zweitgrößter Industriesektor – nach der Förderung selbst. Doch die Branche leidet am stark rückläufigen Investitionsvolumen der Auftraggeber.

In tiefem Wasser und rauer Umgebung fühlt man sich wohl bei Odfjell Drilling. So zumindest steht es auf der Webseite des in den Bergen an der norwegischen Westküste angesiedelten Unternehmens, das für Auftraggeber aus der Rohstoffindustrie auf der ganzen Welt nach Erdöl bohrt. Das Bild, mit dem man sich etwa für Arbeiten in den unruhigen Gewässern der Nordsee empfiehlt, hat zurzeit allerdings einen etwas unfreiwilligen Symbolgehalt.

Weil die großen Erdölgesellschaften angesichts des dramatisch eingebrochenen Ölpreises Kosten sparen müssen und deshalb ihre Investitionen in die Erschließung neuer Felder deutlich zurückstufen, steht auch den Unternehmen der Zulieferindustrie mittlerweile das Wasser bis zum Hals. Die „raue Umgebung“ ist damit zurzeit vor allem wirtschaftlicher Natur.

Breitgefächerte Industrie

Während Großkonzerne wie Shell, BP oder auch Statoil einer breiten Öffentlichkeit bekannt sind und oft im Rampenlicht der internationalen Medien stehen, arbeiten die Unternehmen der Zulieferindustrie eher wie Heinzelmännchen im Hintergrund. In ihrer Gesamtheit stellen sie allerdings in Norwegen, dem wichtigsten erdölproduzierenden Staat Westeuropas, einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor dar. Und nicht zuletzt spielen sie eine Rolle für das Land als Forschungsstandort, denn die keineswegs einfachen Bedingungen zur Energieförderung in der Nordsee und der Norwegischen See verlangen oft nach innovativen Lösungen. So ist über rund vier Jahrzehnte ein auf Offshore-Förderung spezialisierter Industriesektor entstanden.

Laut dem norwegischen Petroleum-Direktorat umfasst die Branche mehr als 1.200 Unternehmen, die 2014 zusammen ein Geschäftsvolumen von umgerechnet rund 60 Milliarden Euro erzielten und damit nach Umsatz den zweitgrößten norwegischen Sektor darstellen, nach der auf Förderung und Verkauf fokussierten Öl- und Gasindustrie selbst. Etwa 40 Prozent des Umsatzes wurden dabei mit Geschäften auf internationalen Märkten erzielt, vor allem mit Partnern in Südkorea, Großbritannien und Brasilien. Die südkoreanische Schiffbau-Industrie greift stark auf norwegische Spezialanfertigungen für Bohrausrüstungen zurück, sodass dieser Markt wertmäßig sogar größer ist als norwegische Lieferungen direkt in Länder mit entwickelter Erdöl- und Erdgasförderung wie etwa Brasilien.

Wie dick ist der Polster?

Mit ihren rund 125.000 Arbeitsplätzen ist die Versorgungs- und Dienstleistungsindustrie des Erdölsektors deutlich beschäftigungsintensiver – und ihr Zustand damit für lokale Bevölkerungszentren etwa an der norwegischen Westküste entscheidender –, als es die großen Ölgesellschaften mit ihren insgesamt knapp 30.000 Arbeitsplätzen sind. Diese beeinflussen das Klima im Sektor dennoch unmittelbar, nämlich über ihre Investitionsentscheide.

Deshalb sind die derzeitigen Aussichten für die Zulieferer nicht gut. Nach rekordhohen Investitionen der Großkonzerne in die norwegische Förderung von knapp 220 Milliarden Dollar im Jahr 2014, reduziert auf 190 Milliarden Dollar im letzten Jahr, sehen die für 2016 vorgesehenen 164 Milliarden Dollar recht mager aus.

Allerdings ist diese Summe immer noch die fünfthöchste in den letzten 16 Jahren. Ist deshalb mit Blick auf die vergangenen fetten Jahre das gegenwärtige Jammern in der Branche bloß als „Klagen auf hohem Niveau“ zu werten? Sollten sich Unternehmen wie Odfjell Drilling nicht komfortable Polster für schlechtere Zeiten angelegt haben?

„Wir als Zulieferindustrie haben im neuen Umfeld nicht die gleichen Möglichkeiten wie die Förderer, Kosten weiterzugeben“, sagt Gisle Johanson, der Medienchef bei Odfjell. „Deshalb müssen wir nun vor allem intern Kosten reduzieren.“ Tatsächlich hat das relativ kleine Unternehmen in den letzten zwei Jahren rund 1.000 Arbeitsplätze abbauen müssen, etwa ein Viertel der Belegschaft.

Die Schwierigkeiten, mit denen sich Odfjell Drilling konfrontiert sieht, ergeben sich teilweise aus dem gegenüber der Förderung verschobenen Zyklus. Um eine Offshore-Plattform anbieten zu können, wenn die Nachfrage hoch ist, muss vorausgeplant werden, denn diese komplizierten Industrieprodukte können nicht über Nacht gebaut werden. Außerdem sind die bei Odfjell in Gebrauch stehenden Anlagen nicht gerade billig mit einem Stückpreis von 750 Millionen Dollar im Fall einer für Tiefseebohrungen tauglichen Plattform. Das erfordert seitens des Unternehmens, das ein gutes halbes Dutzend Plattformen betreibt und einige weitere im Bau hat, langfristige Finanzplanung.

Die Preise, zu denen die Bohrfirmen ihre Plattformen an die Förderer vermieten können, haben sich seit 2014 für neue Kontrakte halbiert. Plattformen kurzfristig anderweitig zu vermieten, wenn Kunden ihre Optionen nicht wahrnehmen oder Verträge sogar vorzeitig auflösen, ist laut Johanson schwierig. Um einen der Aufträge zu ergattern, die angesichts des verminderten Investitionsvolumens der Großkonzerne noch im Raum stehen, liefern sich die Bohrunternehmen derzeit einen harten Verdrängungskampf.

Odfjell Drilling gehört dabei zu den kleineren Unternehmen der Branche. Rein kapazitätsmäßig kann man mit Namen wie Seadrill oder Transocean nicht mithalten. Laut Johanson genießt man aber einen guten Ruf als spezialisiertes Unternehmen – und deshalb sehe man nicht nur schwarz. Seiner Meinung nach haben diejenigen Firmen den schwersten Stand, die erst in der Zeit des Booms mit kleineren Bohrplattformen auf den Zug aufgesprungen sind und denen es an langfristiger Erfahrung fehlt.

Nicht zu entlocken sind dem Medienverantwortlichen von Odfjell Drilling Angaben dazu, wie groß die Reserven aus den besseren Zeiten sind. Eigentlich aber müssten sie vorhanden sein. Denn ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Zulieferer lange mit einem relativ bescheidenen Investitionsvolumen der Förderer auskommen mussten und die Periode 2008–2014 eher als Ausschlag nach oben denn als Standard-Szenario für die Branche zu sehen ist.

Lachs statt Öl

Unzweifelhaft ist aber, dass sich der Sektor in struktureller Reorganisation befindet. Substanzielle Entlassungen sind schon jetzt Realität und und betreffen namentlich industrielle Zentren an der norwegischen Westküste wie Bergen, Norwegens zweitgrößte urbane Agglomeration, oder Stavanger, die „Erdöl-Hauptstadt“. Das ist für diese Regionen erst einmal keine gute Nachricht. Doch werden auch Arbeitskräfte, die die zahlungskräftige Rohstoffindustrie und ihr Zuliefer-Sektor zuvor aufgesogen hatte, wieder für andere Wirtschaftsbereiche oder die Staatsverwaltung frei – wenn auch nicht mehr zu gleich hohen Löhnen.

Nicht für alle Arbeitnehmer sind die Chancen allerdings gleich gut, eine andere Beschäftigung zu finden. „Spezialisten mit einer Karriere im Offshore-Sektor werden es schwer haben“, sagt Gisle Johanson. Bessere Aussichten dürfte maritimes Servicepersonal mit breiterer Ausrichtung haben. Denn während die Nachfrage nach seegestützten Dienstleistungen für die Erdöl- und Erdgasförderung zurückgeht, erhöht sie sich etwa bei der boomenden Lachszucht in den Fjorden.

Deren Aufstieg wurde unlängst durch das Faktum illustriert, dass erstmals ein Durchschnitts-Zuchtlachs von 4,5 kg Gewicht zu einem höheren Preis gehandelt wurde als ein Fass Erdöl. Es ist dabei nicht zuletzt die vom Ölpreis mit in die Tiefe gezogene norwegische Krone, die den Höhenflug der stark exportorientierten Lachszucht begünstigt.