Nur Arbeiterkämmerer Werner Muhm weiß, was „wissenschaftlich“ und was „wertlos“ ist

von Matthäus Kattinger / 31.05.2015

Was zu viel ist, ist zu viel. Und das in einem Land, in dem jedes Kind weiß, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. So war wohl Arbeiterkammer-Direktor Werner Muhm zumute, als ihm die Ergebnisse des jüngsten Wettbewerbs-Rankings des IMD Luzern zu Ohren kamen. Das unverschämte Schweizer Institut für Management (IMD) hatte es doch wirklich gewagt, Österreich von Platz 22 im Vorjahr auf Platz 26 (von 61 Ländern) zurückzustufen. Damit hat sich Österreich seit 2007 (als wir Platz 11 einnahmen) – mit einem kleinen „Auf“-Rutscher 2010 – Jahr für Jahr verschlechtert.

Das war dem streitbaren Herrn Muhm denn doch zu viel. Hatte er nicht erst vor wenigen Wochen seinen Leiter der AK-Volkswirtschaft, Markus Marterbauer, verkünden lassen, dass Österreichs Budget nun saniert sei, dass wir nun wieder genügend Spielraum hätten, uns weiter zu verschulden? Und nun ein derartiger Querschläger aus der Schweiz? Per OTS-Aussendung der Arbeiterkammer ließ sich Werner Muhm wie folgt zitieren:

„Aus den Befindlichkeiten von Managern ist wenig Erkenntnisgewinn zu erwarten.“ Und weiter giftet Muhm:

Dieselben Manager, die das Ergebnis erst nach unten gejammert haben, tragen die Studie als wissenschaftlichen Beleg für die Notwendigkeit, Sozialstaat oder Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern abzubauen, vor sich her.

Die Studie sei deshalb „unwissenschaftlich und wertlos“. Das musste sich das IMD wohl auch noch nicht nachsagen lassen. Das IMD gilt als eines der weltweit führenden Business- und Management-Institute. In den Wertungen über die weltweit besten MBA-Programme nimmt IMD mit schöner Regelmäßigkeit die ersten Plätze ein. Mit dem jährlichen „IMD World Competitiveness Yearbook“ ist das IMD der ungekrönte Pionier bei der Bewertung der Wettbewerbsfähigkeit von Ländern und Unternehmen.

Seit 1989 hat sich an der Methodik der Studie der Wettbewerbsfähigkeit kaum etwas geändert, auch die Zahl der Länder ist – mit zuletzt 61 – über die Jahre praktisch gleich geblieben. Beurteilt wird nach vier Oberkategorien (wirtschaftliche Entwicklung, unternehmerische Effizienz, Wirtschaftlichkeit der Regierung und Infrastruktur), wobei jede dieser vier Hauptkategorien in fünf Unterkategorien geteilt ist – in Summe werden darin 342 Einzelkriterien beurteilt. Zwei Drittel der Daten werden von internationalen Institutionen (von IWF über Weltbank, OECD bis zu ILO), privaten Institutionen (Ellis, Mercer, PwC) und nationalen Partnernetzwerken übernommen, dazu kommt eine Befragung von 6.230 internationalen Managern.

So brüsk die Arbeiterkammer das Verdikt aus Luzern zurückweisen, so ist der neuerliche Rückfall Österreichs nur die logische Folge der unerfreulichen Entwicklung der vergangenen Monate. Das deutlich hinter der Eurozone zurückbleibende Wachstum, die höchste (und weiter steigende) Arbeitslosigkeit seit dem Zweiten Weltkrieg, der Unwille der Regierung zu Reformen, eine auf vage Annahmen gegründete Gegenfinanzierung der Steuerentlastung – all das musste sich in der Beurteilung der Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Österreich auswirken.

Nun behauptet niemand, dass die IMD-Wettbewerbsstudie das absolute Non-Plus-Ultra, die einzig gültige Benchmark ist, doch eines können selbst die borniertesten Scheuklappenträger nicht leugnen: Und das ist die für Österreich so unheilvolle Tendenz. Nun kann man sagen, okay, Manager sehen die Welt aus anderen Augen. Doch wenn eine jährliche Studie mit praktisch unveränderter Methodik über einen längeren Zeitraum gemacht wird, dabei ein Land immer weiter zurückfällt, dann kann man das nicht völlig abtun. Ob das Herrn Muhm passt oder nicht.

Was am Furor von Herrn Muhm besonders stört, ist, dass er in all den Jahren, in denen Österreich zumindest noch in Reichweite zu den Top Ten lag, nichts gegen die vermeintlich so „unwissenschaftlichen und wertlosen“ Erkenntnisse der IMD-Studie vorbringen wollte (wohl weil die – damals guten – Ergebnisse auch die Argumentation für Forderungen von AK und ÖGB stützten). In Abwandlung des Bonmots, dass man nur jenen Statistiken glauben solle, die man selbst gefälscht habe, gilt nach AK-Direktor Muhm wohl, dass Studien nur dann wissenschaftlich sind, wenn sie von der Arbeiterkammer als solche anerkannt werden.

Allerdings ist Herr Muhm bei anderen Studien und Vergleichen, jedenfalls dann, wenn sie ihm in sein ganz spezielles Weltbild passen, keinesfalls so Methoden-kritisch und Ergebnis-zimperlich. Als Paradebeispiel kann die seit fast drei Jahren den politischen Diskurs über die Vermögensverteilung in Österreich bestimmende, wissenschaftlich höchst umstrittene Studie (PDF)  des Nationalbank-Mitarbeiters und deklarierten SPÖ-Mannes Martin Schürz gelten.

Von herkömmlichen Kriterien für Wissenschaft ist die Schürz-Studie nämlich einiges entfernt. Bei dieser Studie wurden zwar 2.380 österreichische Haushalte befragt, doch wurden die Umfrageergebnisse in der Folge „korrigiert“ (andere sagen „frisiert“); fehlende Daten sind dabei so hochgerechnet worden, dass die Vermögen der reicheren Haushalte – unter der Annahme, dass dieses zu gering angegeben wurde – übergewichtet wurden. Klar, dass das eine Form von Wissenschaftlichkeit ist, gegen die Arbeiterkammer-Direktor Werner Muhm nichts einzuwenden haben kann – weshalb die „Schürz-Studie“ auch Grundlage für die massiven Kampagnen von AK, ÖGB und SPÖ zur Einführung von Reichen- und Vermögenssteuern war.

Was die Schürz-Studie wert ist (auch mit Bezug auf den „wertlos“-Begriff von AK-Direktor Muhm), zeigt sich etwa daran, dass die Pensionsansprüche der Österreicher nicht berücksichtigt werden. Eine kleine Denksportaufgabe: Selbst in einem Land wie Österreich gibt es noch Leute, die vom Pozzi-Schema namens österreichisches Pensionsumlagesystem nicht erfasst sind. Wenn diese nun Geld für ihre Zeit in der Rente sparen, fällt das natürlich unter Vermögen; würden selbige in das staatliche Umlagesystem einzahlen müssen, wäre die erworbene Anwartschaft auf künftige Pensionen – jedenfalls aus Sicht der Vermögensverteilungsstudie à la Schürz – „Luft“, rein gar nichts.

Darum merke: Nicht überall ist Wissenschaftlichkeit drin, wo Studie draufsteht. Wie gut hat es da Österreich, dass wir jemanden wie Werner Muhm haben, der uns sagt, welche Studien „wissenschaftlich“ und welche „wertlos“ sind.