Nusspsychologie

von Barbara Kaufmann / 13.03.2015

Gott gibt uns die Nüsse, aber er knackt sie nicht. (Franz Kafka)

Die Griechen verhalten sich wie Psychotiker, Manager sind ohnehin samt und sonders Psychopathen, Politiker allesamt Narzissten und im Wahlkampf kann man die Gegenseite schon mal als schizophren bezeichnen. Ein scheuer Mensch wird zum Autisten gemacht. Eine exaltierte Schauspielerin zur Borderlinerin. Wortkarge Kinder leiden an Depressionen.

Die Leichtfertigkeit, mit der schwere psychische Krankheitsbilder öffentlich verhandelt und ganzen Berufsgruppen zugeschrieben werden, ist oftmals erschreckend.

Sekundiert werden diese Befunde meist von Psychologen, die sich von kurzweiliger Aufmerksamkeit dazu verführen lassen, fragwürdige Ferndiagnosen zu stellen. Das ist zwar in der Kollegenschaft verpönt, verleiht einer Geschichte jedoch scheinbare Dramatik und Tiefe und würzt sie im Idealfall für die Auflage mit etwas Tragik. Damit beschädigen Journalisten und Psychologen nicht nur ihre Reputation. Sie erschweren auch die Situation jener, die tatsächlich tagtäglich mit einer psychischen Erkrankung zu kämpfen haben.

So musste sich die Mutter einer Freundin vor kurzem von Kollegen anhören, ihr in der Klinik festgestelltes Burn-out-Syndrom wäre nur eine Modediagnose. Die Frau hat neben ihrem 40-Stunden-Job zwei Jahre lang Tag und Nacht ihren Vater gepflegt und konnte sich vor ihrem Zusammenbruch vor Erschöpfung kaum noch auf den Beinen halten. Die Kollegen wussten jedoch besser über ihren körperlichen und seelischen Zustand Bescheid als die behandelnden Ärzte. Ihre medizinische Expertise erstellten sie auf der Basis eines Artikels in einer Illustrierten. Ein Doktortitel aus dem Arzt-Wartezimmer quasi.

Fehlende Sensibilität gepaart mit Unwissenheit ist auch immer häufiger bei der journalistischen Behandlung eines Themas zu finden, das gerne mit der psychischen Disposition der Betroffenen in Zusammenhang gebracht wird: Lebensmittelallergien. Was man essen darf – oder eben nicht – wird zu einer ideologischen Lifestylefrage hochstilisiert, zu einem Indikator für die politische Ausrichtung der Betroffenen, zu einer Wohlstandskrankheit, die – das sagt ja schon der Name – man sich leisten können muss.

Dabei werden in Berichten in schöner Regelmäßigkeit Unverträglichkeiten (Laktose, Fruktose etc.) mit bewusst getroffenen Ernährungsentscheidungen (Vegetarismus, Veganismus usw.) und echten Allergien verwechselt. Diese Texte suggerieren nicht selten, dass im Falle von Letzteren eine gewisse Freiwilligkeit existieren würde. Als könnte man sich je nach Laune dafür entscheiden, auf die eine oder andere Zutat mit körperlichen Beschwerden zu reagieren.

Als langjährige Lebensmittelallergikerin kann ich versichern – und bei Bereitstellung eines Notarztes inklusive Kortisonspritze und Antihistaminika-Infusion auch gerne den Beweis antreten – dass dem leider nicht so ist. Ein Besuch auf einer beliebigen Allergieambulanz zeigt außerdem schnell: Ausschläge und Erstickungsanfälle als schwerwiegende Folgen des Konsums etwa von Nüssen, Sellerie, Obst oder Meeresfrüchten betreffen Menschen quer durch alle Alters-, Herkunfts- und Einkommensgruppen.

Dennoch hat sich mittlerweile offenbar in weiten Teilen der Gesellschaft das Bild verfestigt, dass Lebensmittelallergien schicke Accessoires sind, die man passend zum Kleidungsstil und anderen Ticks wählt, weil man ein paar Woody-Allen-Filme zu viel gesehen hat. So habe ich erst unlängst auf einer Abendveranstaltung neben einer mir bis dahin unbekannten Dame Platz genommen, die mein Essverhalten an jenem Abend zum Anlass genommen hat, um meine Persönlichkeit einer umfangreichen psychologischen Analyse zu unterziehen.

Mein im Nachhinein betrachtet schwerwiegendster Fehler bestand darin, die angebotene Nachspeise – ein Stück Nusskuchen – zu verweigern. Der sei aber sehr gut, meint die freundliche Dame, während sie bereits das zweite Stück ansticht. Hm, ich nicke höflich. Aber Nüsse gehen gar nicht. Allergie. Hätte ich geahnt, welche Schleusen ein einziges Wort öffnen würde, ich hätte geschwiegen oder behauptet, auf Diät zu sein. Essstörungen erfreuen sich ja dank 30 Jahren Hochglanz-Hunger einer breiten Akzeptanz und werden selten hinterfragt. Wohingegen Allergien … Das ist ja schrecklich!, legt meine Sitznachbarin denn auch sofort los. Na ja, murmle ich und denke an die letzten zwei Jahre Krankenhaus- und Heimbesuche, die dem Tod meines Vaters vorausgegangen sind, gibt Schlimmeres.

Worauf sind Sie denn noch allergisch? schmatzt sie neugierig, während hinter ihren langen Schneidezähnen ein weiteres Stück Kuchen verschwindet. Ja eh einiges, ich gebe mich maulfaul, weil ich langsam zu ahnen beginne, dass das kein erfreuliches Gespräch werden wird. Sie nickt zufrieden. Es sind ja immer mehrere Gruppen, nicht wahr?! Und dann noch die Kreuzallergien. Na, ich vertrag ja Gott sei Dank alles.

Ich schenke den letzten Schluck Bier in mein Glas und halte verzweifelt nach dem Kellner mit dem Nachschub Ausschau. Haben Sie schon einmal Magnetresonanz versucht? Oder Eigenbluttherapie? Ich schüttle den Kopf. Es wird aber offenbar ohnehin nicht mehr erwartet, dass ich mich am Gespräch beteilige. Es hat ja immer auch psychische Gründe, oder?!, insistiert sie bestimmt. Ich hab einmal gelesen, dass man nix aufnehmen will. Also ein Problem hat damit, dass da etwas in einen eindringt. Mir liegt etwas auf der Zunge, aber, nein, besser nicht. Stattdessen mache ich mich daran, die Bodensätze der verbliebenen Flaschen auf dem Tisch in mich hineinzuleeren.

Oft ist es auch eine Geschichte mit den Eltern. Es sind ja immer die Eltern schuld. Zum Beispiel, dass man beim Stillen zu wenig gekriegt hat oder zu viel, das gibt’s auch. Ich bin nicht gestillt worden, beschließe aber, dieses Fass nicht auch noch aufzumachen. Wie wenn man Angst vor Spinnen hat. Dahinter steckt meistens ein Mutterkonflikt, haben Sie das gewusst?! Ich habe es nicht gewusst und ich will auch nichts mehr wissen. Ich bin in einer Stimmung, in der ich auch eine Flasche Nagellackentferner ex getrunken hätte. Meine Kuchentherapeutin inspiziert mich von oben bis unten mit einem Blick, der jenen von Kindern gleicht, wenn sie einer Fliege die Flügel ausreißen. Ich habe das Gefühl, dass ich dieser treuen Abonnentin von Psychologie heute irgendetwas geben muss, bevor ich endgültig flüchte. Eine Neurose, eine kleine Angststörung, wenigstens eine Phobie. Also beuge ich mich vor, senke meine Stimme bedeutungsvoll und gestehe: Es ist ein Nusskonflikt. Dann stehe ich auf und verlasse – wie es ein Kollege ausdrücken würde – unwirsch den Tisch. Ausgestattet mit dem festen Vorsatz, mich postwendend mit allem Verfügbaren zu betrinken. Wenn es nur kein Nussschnaps ist.