Österreichs Flucht in die Quoten-Republik

von Matthäus Kattinger / 09.02.2015

Eine Zeit lang hat es so ausgesehen, als ob Österreich die Abzweigung in eine internationale Republik des Durchschnitts nehmen würde. Vor allem bei Themen, bei denen sich das Opportune mit dem politisch Korrekten vereinbaren ließ und das alles noch mit (Verteilungs-)Gerechtigkeit garniert werden konnte, da war der Durchschnitt plötzlich modern. Ob Eurozone, EU-15, EU-27 (die 28 gab’s damals noch nicht) oder OECD, der Durchschnitt schien zur Richtschnur zu werden.

Beispiele gefällig? So wurde das Denken im Durchschnitt zum argumentativen Fallbeil, wenn es um die in Österreich im Vergleich zu EU oder OECD geringen Einnahmen des Staates aus vermögensbezogenen Abgaben ging. Oder dass der Anteil Österreichs bei Steuern und Abgaben auf Arbeit im europäischen Vergleich ungleich höher als der Schnitt beträgt. Oder Österreich im internationalen Vergleich zwar extrem viel für Familienförderung ausgibt, jedoch sehr wenig für obligatorische Betreuung von Kleinkindern. Oder dass in Österreich der Anteil älterer Arbeitnehmer, die noch in Beschäftigung stehen, deutlich geringer als in fast allen Ländern ist (dass vorher mit dem Schlachtruf, 45 Jahre sind genug, ein beträchtlicher Teil der „Älteren“ in Hackler-Frühpension gelockt wurde, das wird gern verschwiegen).

Doch zur letzten Konsequenz kam es dann doch nicht: Bei so viel Durchschnittsorientierung wäre es ja nur logisch gewesen, hätten die Verfechter dieses Konzepts (das diese ja auch in anderen Bereichen, siehe verpflichtende Gesamtschule, mit nivellierender Konsequenz verfolgen) gesagt, gut, wir stellen gleich auf Durchschnitt um. Österreich verzichtet fürderhin auf eine eigene Politik, bildet einfach in allen Bereichen den Durchschnitt des noch zu wählenden Bezugsrahmens ab – ob EU, Eurozone, OECD. Was den angenehmen Nebeneffekt gehabt hätte, dass damit ein Großteil des politischen Personals überflüssig geworden wäre.

Doch, was immer es gewesen ist, der Durchschnitt ist offensichtlich aus der Mode gekommen. Nicht etwa, weil das den politischen Diskurs bestimmende Österreich plötzlich nicht mehr Durchschnitt sein wollte, gar den Ansprüchen an den Staat jene an den Einzelnen gegenüberstellen wollte, nein, es dürfte die Einsicht gewesen sein, dass ein Abstellen auf den Durchschnitt auch unangenehme Nebenwirkungen haben würde – ob bei Sozialstaat, Urlaubsanspruch oder Pensionsantrittsalter.

Dafür erfährt ein anderes, zwar ebenso absurd-willkürliches, aber für politisch korrekte Menschen geradezu ideales Konzept rasanten Zulauf: Die Quote in jeder nur denkbaren Form. Diente diese zunächst nur dem internen parteipolitischen Interessenausgleich, um den Drang zu den politischen Futterkrippen regional und institutionell einigermaßen zu kanalisieren, so ist heute fast kein Bereich mehr vor dem Quoten-Irrsinn sicher.

Und das, obwohl die bisherigen Erfahrungen mit Quoten nicht die besten sind. Wem fallen da nicht die vielen politischen Fehlbesetzungen ein, die sich zwingend daraus ergaben, dass Minister- und andere Posten nicht mit den am ehesten dafür geeigneten Leuten, sondern eben mit Parteigängern besetzt werden mussten, die aus einem bestimmten Landesverband stammten, wo zudem noch Geschlecht, Parteien-Flügel, Gewerkschafts-Affinität und parteipolitische Vordienstzeiten berücksichtigt werden müssen. So ist etwa die heutige Unterrichtsministerin ein doppelter Quotenfall: Als sie erstmals in die Regierung einrückte, suchte die SPÖ eine Frau, die zudem aus Niederösterreich kommen sollte.

Die Gender-Quote war aber nur der traurige Anfang. Bevor jetzt jener Teil des weiblichen Österreichs, der glaubt, dass einzig mit Quoten geschlechtsspezifische Benachteiligungen beseitigt werden können, einen Shitstorm entfacht, sei meine Position erläutert. Sie beruht ausschließlich darauf, dass die Besten zum Zug kommen sollen. Und das muss doch im Sinne aller Gender-Bewegten sein, die sich zu Unrecht benachteiligt fühlen. Alle Benachteiligungen, die sich aus Geschlecht, Gruppen-Zugehörigkeiten oder was immer ergeben, müssen mit aller Konsequenz verfolgt werden. Doch genauso absolut ist mein „NEIN“ zu Quoten in jeder Hinsicht. Es soll in jedem Fall der oder die Beste zum Zug kommen, selbst wenn in einem Aufsichtsrat oder Vorstand, in einer Fraktion nur Frauen oder nur Männer säßen.

Ein volles Bekenntnis zu Chancengleichheit samt konsequenter Überwachung und Exekution dieser. Aber nicht mehr. Was zum Beispiel heißt, dass jede Form von „Affirmative Action“ abzulehnen ist, weil diese ja gerade dazu führt, dass damit oft die Bestellung nicht so qualifizierter Personen verbunden ist, was den eigentlichen Zweck desavouiert.

Wie dieses absurde Quotendenken überhandnimmt, erleben wir vor allem in Bereichen, die im weitesten Sinn mit Sozialpolitik umschrieben werden können. Wiewohl die linke Reichshälfte mittlerweile praktisch alles, was ideologisch weniger Fixierte als Wirtschaft bezeichnen, nur noch unter Gesichtspunkten von Sozialpolitik und Verteilungsgerechtigkeit sehen und gelten lassen will. Wer jemals den „A & W“-Blog der von Arbeiterkammer und Gewerkschaften herausgegebenen Zeitschrift „Arbeit und Wirtschaft“ verfolgt hat, wird wissen, was ich meine. Das W für „Wirtschaft“ stammt offensichtlich aus einer Zeit, in der Arbeiterkammer und Gewerkschaften zumindest noch akzeptierten, dass zuerst verdient werden muss, was verteilt werden soll.

In Diskussion stehen aktuell zumindest zwei Quoten: Sozialminister Hundstorfer und auch die Präsidenten von Arbeiterkammer und Gewerkschaftsbund versprechen sich offensichtlich von einem Bonus-Malus-System für ältere Arbeitnehmer (mit vorgegebenen Quoten für Unternehmen) eine drastische Steigerung der Beschäftigung älterer Arbeitnehmer – vor allem aber soll der Malus neues „Spielgeld“ für weitere sozialpolitische Experimente bringen. Was für Ältere gut ist, kann doch für Jüngere nicht schlecht sein. So hat der im Wahlkampf stehende burgenländische Landeshauptmann Hans Niessl eine verpflichtende Lehrlings-Quote für Unternehmen ins Spiel gebracht. Was kümmert es den Lehrer in Niessl, dass ein Fünftel der Schulabgänger weder sinnerfassend lesen noch einfachste Rechnungen lösen kann, dass aber auch deren sozialtechnische Kompetenzen verkümmert sind?

Thematisch dazu passt der jüngste Quoten-„Overkill“. Laut einem Bericht des Standard (5.2.2015) hat einer „der Väter der Zentralmatura“ allen Ernstes vorgeschlagen, bei der Zentralmatura in Mathematik eine Obergrenze für Durchfallende einzuführen; in den nächsten drei bis fünf Jahren sollten höchstens 25 Prozent der Prüflinge durchfallen dürfen. Die nachfolgende Abschwächung bestätigt nur, dass es sich um keinen Faschingsscherz gehandelt hat, sondern das österreichische Bildungssystem den Offenbarungseid nur noch mit kreativen Mitteln verhindern kann.

Fatalisten fühlen sich an die Zeit steigender Benzinpreise erinnert, als einzelne Zeitgenossen vor keinem Mittel zurückschreckten, sich die Wahrheit schönzureden: „Für mich gibt es keine höheren Benzinpreise. Ich tanke immer um 20 Euro“.

Man könnte natürlich auch im Fatalismus etwas Gutes sehen. Vielleicht bedarf es ja solcher absurder Konstrukte wie Durchschnitt und Quote, damit eine Bewusstseinsänderung überhaupt möglich ist. So unter der Devise, es muss zuerst noch schlimmer werden, damit es besser werden kann. Fragt sich nur, wie schlimm!