Charles Platiau / Reuters

Offene Widersprüche im Fall Platter/Platini

Meinung / von Peter B. Birrer / 22.12.2015

Im Fall Blatter/Platini stellen sich Fragen, etwa nach dem Timing oder nach der Verhältnismäßigkeit. Das Verdikt der FIFA-Ethikkommission betrifft zwei bekannte Namen, vieles aber bleibt im Dunkeln. Ein Kommentar von NZZ-Sportredakteur Peter B. Birrer.

Die Karrieren der höchsten Fußballfunktionäre Joseph Blatter und Michel Platini sind zu Ende. Es sei denn, das internationale Sportschiedsgericht TAS, bei dem sie gegen das Urteil der FIFA-Ethikkommission rekurrieren werden, wäscht ihre Westen Anfang 2016 wieder schön rein. Die achtjährige Verbannung, welche die Ethikkommission ausgesprochen hat, ist angesichts der jüngsten Entwicklung keine Überraschung mehr, aber trotzdem ein beispielloser Markstein in der seit Monaten andauernden FIFA-Krise. An verschiedenen Schauplätzen in Mittel- und Südamerika prangert die amerikanische Justiz Deliktsummen in dreistelliger Millionenhöhe an. Es geht um Schmiergeldzahlungen im Handel von Vermarktungsrechten kontinentaler Fußballturniere. Die Behörden sprechen von veritablen „Korruptionsorgien“. Sie reichen Jahrzehnte zurück.

Vor diesem Hintergrund nimmt sich die 2-Millionen-Zahlung von Blatter an Platini vergleichsweise bescheiden aus. Die Umstände des Zeitpunktes der Transaktion sind weiterhin obskur – zehn Jahre nach getaner Arbeit des FIFA-Beraters Platini und kurz bevor Blatter 2011 als FIFA-Präsident bestätigt wurde. Dass der Fall Blatter/Platini die Wogen hochgehen lässt, ist auf den Zeitdruck und die Prominenz der Angeklagten zurückzuführen. Ende Februar 2016 wird der FIFA-Kongress in Zürich stattfinden, an dem der neue Präsident gewählt und über Reformen befunden wird. Blatter hätte gerne zum Abschluss seiner Fifa-Karriere den Kongress ein letztes Mal präsidiert. Und Platini, Fußball-Ikone und an sich erfolgreicher UEFA-Präsident, wollte Nachfolger Blatters werden. Auch wenn er wohl die größten Siegchancen hätte – es dürfte nur schon aus zeitlichen Gründen nicht mehr zur Kandidatur kommen.

Auf der anderen Seite arbeitet die FIFA-Ethikkommission, deren Pfeiler nicht auf dem Strafgesetzbuch, sondern auf dem Ethikreglement der FIFA fußen, unter erhöhter Beobachtung und unter Rechtfertigungsdruck. Das führte in den letzten Wochen zu einem medialen Hin und Her und vor allem zur Verpolitisierung eines verbandsjuristischen Prozesses. Die Kommission verteidigte sich offensiv, vorverurteilend auch. Blatter und Platini werfen der Kommission denn auch Voreingenommenheit und Missachtung der Unschuldsvermutung vor. Erschwerend kommt dazu, dass strafrechtlich außer dem Anfangsverdacht bis dato nichts weiter vorliegt. Die Bundesanwaltschaft eröffnete Ende September „wegen Verdachts der ungetreuen Geschäftsbesorgung und allenfalls wegen Veruntreuung“ ein Strafverfahren gegen Blatter. Platini hat immer noch den Status einer „Auskunftsperson“, ist also nicht Angeklagter. Doch die FIFA-Ethiker müssen im Gegensatz zu den Behörden nicht Absicht nachweisen, die der möglicherweise unzulässigen Transaktion zugrunde liegt. Ihnen reichen Verstöße gegen das FIFA-Ethikreglement wie Fahr- oder Nachlässigkeit. Nach dem Verdikt der achtjährigen Sperre kann niemand mehr behaupten, dass die Ethikkommission irgendjemanden protegiert.

Im Fall Blatter/Platini stellen sich Fragen nach dem Timing und der Verhältnismäßigkeit. Hier die beiden bekanntesten und höchsten Fußballfunktionäre, im grellen Scheinwerferlicht, die Karrieren zu Ende. Dort, noch im Dunkeln, andere Funktionäre, bisher unbehelligt, an den Schalthebeln der Fußballmacht. Im Februar wird etwa Blatter-Stellvertreter Issa Hayatou durch den Fifa-Kongress führen. Der Kameruner thront seit einem halben Leben wie ein König über dem afrikanischen Fußball, ist aktenkundiger Schmiergeld-Empfänger im ISL-Skandal und wiederholt im Gerede wegen Geldflüssen rund um Katar 2022. Doch Afrika ist weit weg und die dortige Konföderation, die Hayatou seit 1988 kontrolliert, von untergeordneter Bedeutung. Was soll man da untersuchen?

Oder Markus Kattner, der interimistische FIFA-Generalsekretär. Der Deutsche ist als Finanzchef Hüter der FIFA-Bilanz und hat 2011 die Zahlung an Platini ausgelöst – auf die Order Blatters hin. Eingeschritten ist der sachkundige Finanzchef nicht. Hayatou und Kattner stehen nicht am Pranger. Sie wenden sich stattdessen dieser Tage als große Reformer mit einem Schreiben salbungsvoll an die 209 FIFA-Verbände. Die Widersprüche sind offensichtlich und bergen Ungeheuerliches.