Ria Novosti / Keystone

Politisches Comeback der Geschichte in Osteuropa

Die Tücken der Vergangenheit

Meinung / von Ivo Mijnssen / 16.09.2016

Die Nationalisten in Ostmitteleuropa machen immer häufiger mit Geschichte Politik. Sie versprechen den Verunsicherten Stabilität statt Wandel – und schüren alte Konflikte.

„Die ganze Wahrheit“ verspricht der jüngst angelaufene Kinofilm „Smolensk“, die ganze Wahrheit über den Flugzeugabsturz von 2010, dem 96 Mitglieder der Elite Polens zum Opfer fielen. Um den Film zu propagieren, scheut die Regierung keine Mühe: An der Premiere in Warschau versammelte sich die gesamte Staatsspitze, führende Politiker lobten ihn öffentlich, das Bildungsministerium organisiert spezielle Schülervorstellungen. Der Film ist ein Prestigeprojekt jener patriotischen Populärkultur, deren Förderung zu den politischen Prioritäten der konservativen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) gehört.

Er vertritt die vielfach widerlegte Verschwörungstheorie, dass der Unfall ein russisches Attentat gewesen sei, das aus Rücksichtnahme gegenüber Russland durch den Westen und die Vorgängerregierung gedeckt worden sei. Ein Drittel der Polen glaubt das – auch deshalb, weil die PiS den Absturz nahtlos in eine Nationalgeschichte integriert, die vom polnischen Martyrium und von ausländischen Verschwörungen handelt; diese Selbstwahrnehmung ist im Land weit über die konservative Wählerschaft hinaus verbreitet. „Früher durften wir nicht wissen, wer in Katyn gemordet hat, heute haben wir Angst zu fragen, was wirklich passierte in Smolensk“, erklärt denn auch eine Frau in einer Schlüsselpassage des Films. 1940, so die Botschaft, schaute die Welt weg, als die Sowjets in Katyn 20 000 Mitglieder der polnischen Elite ermordeten, heute tut sie es erneut.

Geschichte im Überfluss

Die PiS ist nicht die Einzige, die auf Geschichtspolitik setzt, um ihren Rückhalt im Volk zu stärken. Historische Mythen gehören zur nationalen Identität wie einst Wilhelm Tell zur Schweiz. Und doch ist es nicht zufällig, dass die Rückkehr der Geschichte in die politische Arena sich momentan in Polen und in ganz Osteuropa besonders machtvoll vollzieht. In dieser Region, die immer wieder Spielball der Grossmächte war, zeigen sich die Bruchlinien und Grenzen des europäischen Projektes besonders deutlich. Der Traum eines friedlichen, vereinten Europa ist seit der russischen Annexion der Krim ausgeträumt, die Strahlkraft der europäischen Idee ist im Zuge der Migrations-, Schulden- und Identitätskrisen der EU ermattet.

Die ideelle Lücke füllen immer häufiger nationalkonservative Bewegungen und Parteien, nicht nur in Ostmitteleuropa. Die PiS in Polen, der Fidesz in Ungarn, aber auch die Freiheitlichen in Österreich versprechen den Bürgern, die durch Abstiegsängste und Migrationsströme verunsichert sind, Stabilität. Wandel und westlichem Werterelativismus stellen sie das scheinbar unveränderliche Konstrukt einer homogenen Nation mit jahrhundertealten Traditionen entgegen. Die Helden und Märtyrer aus einer idealisierten Vergangenheit, in der Gut und Böse klarer abgegrenzt waren als in der verworrenen Gegenwart, bieten eine hervorragende Projektionsfläche für die nationale Idee.

Diese Idealisierung hat allerdings ihre Tücken in Osteuropa, wo das 20. Jahrhundert unvorstellbare Gewalt brachte, durch die Nationalsozialisten im Westen und die Sowjetdiktatur im Osten. Der Historiker Timothy Snyder hat den Begriff der „Bloodlands“ für die Region geprägt, in der zwischen 1933 und 1945 14 Millionen Zivilisten ermordet wurden. Diese traumatische Geschichte blieb bis zum Kollaps des Ostblocks meist tabu, menschliches Leid durfte nur als Opfer im brüderlichen Kampf zur Befreiung vom Nazi-Joch angesprochen werden. Gerade Polen, das durch den Hitler-Stalin-Pakt aufgeteilt wurde und wo Millionen den Schergen der Diktatoren zum Opfer fielen, entdeckte grosse Teile seiner Geschichte erst nach 1989.

Die Konfliktlinien, die im ehemaligen Ostblock aufbrachen, waren stark mit der unbewältigten Geschichte verbunden. Der Historiker Tony Judt konstatierte einst, dass der Geschichtsvergessenheit Westeuropas ein Überfluss an Geschichte in Osteuropa entgegenstehe, ein „Archipel von historischen Territorien, die gegen Angriffe aus Nachbarinseln der Erinnerung verteidigt werden müssen“. Dies verkompliziert die Herausbildung nationaler Identitäten, verlaufen die historischen Erfahrungen und Traumata doch nicht sauber entlang der Staatsgrenzen. Vielmehr war der Zweite Weltkrieg vielerorts auch ein Bürgerkrieg, dessen Resultat Völkermorde, Vertreibungen und gewaltsame Gebietsverschiebungen waren.

„Eine Aussenpolitik, die von einer traumatischen Geschichte diktiert wird, ist gefährlich und vor allem unglaubwürdig.“

Dennoch bot das Vierteljahrhundert seit dem Kollaps der Sowjetunion Raum für Aufarbeitung und Versöhnung. Jene zwischen Deutschland und Polen war ab den siebziger Jahren Voraussetzung für den Abbau der Spannungen zwischen den Blöcken, der nicht nur von Politikern und Historikern, sondern auch von der Bevölkerung getragen wurde und wird. Auch die aus vier Ländern bestehende Visegrad-Gruppe bietet ein Forum, in dem unter anderem historisch bedingte Probleme behandelt werden, etwa jenes der Minderheiten. Internationale Historikergruppen suchten Gemeinsamkeiten und erarbeiteten Material für Schulen.

Dass historische Konflikte nach 1989 relativ selten offen auf der politischen Ebene ausgetragen wurden, hatte aber primär mit dem Streben nach Aufnahme in die EU und die Nato zu tun und mit dem Druck aus Westeuropa, der nationalistische Kräfte in Ostmitteleuropa marginalisierte. In Ungarn etwa organisierten sich in den frühen neunziger Jahren jene, die eine Revision der „Schande von Trianon“ verlangten, jenes Vertrags, der das Land 1920 grosse Teile seines Staatsgebiets kostete und dafür sorgte, dass bis heute viele ethnische Ungarn ausserhalb der Landesgrenzen leben. Die EU machte den Ungarn jedoch klar, dass bei der Osterweiterung die Grenzen sakrosankt seien.

Verschwunden sind die nationalistischen Strömungen indes nicht – vielmehr schwelten sie unter der Oberfläche und treten nun umso kraftvoller hervor, je mehr die EU-Skepsis zunimmt. Im Zuge des Aufschwungs nationaler Geschichtsmythen werden auch Territorialkonflikte häufiger politisch bewirtschaftet. Russland ist hier ein wenig nachahmenswerter Pionier: Es hat die Krim mit einer pseudohistorischen Begründung annektiert und schürt unter dem Deckmantel des Schutzes der ethnischen Russen im Ausland auch Konflikte andernorts. Doch auch der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban provoziert regelmässig die Nachbarn, indem er das Ungarn vor Trianon als Referenzpunkt für die Nation verwendet. Polen, dessen Landesgrenzen 1945 durch Stalin nach Westen verschoben wurden, hat ungelöste Territorialdispute und historische Streitigkeiten mit der Ukraine und Litauen, die periodisch hochköcheln.

Visionen statt Wunden

Nun ist es nicht so, dass in Ostmitteleuropa unmittelbar bewaffnete Auseinandersetzungen drohten. Dennoch ist die Relativierung von Grenzen mit historischen Argumenten ein Spiel mit dem Feuer – gerade in der gegenwärtigen instabilen Weltlage. Eine Aussenpolitik, die von einer traumatischen Geschichte diktiert wird, ist gefährlich und vor allem unglaubwürdig. Dies demonstrierte die PiS bereits 2006, als sie die russisch-deutsche Pipeline Nord Stream als Neuauflage des Hitler-Stalin-Paktes bezeichnete und damit ihre berechtigte Kritik selbst desavouierte. Auch die staatlich propagierte Verschwörungstheorie um den Unfall von Smolensk sorgt international nur für Kopfschütteln.

Die ostmitteleuropäischen Traumata werden als politischer Faktor nicht verschwinden, dafür sind sie zu tief verankert. Dem muss auch Westeuropa Rechnung tragen und Verständnis entgegenbringen. Als Schablone für Zukunftsvisionen taugt die Geschichte aber nur dann, wenn aus ihr neue Ansätze folgen, statt dass ständig alte Wunden neu aufgerissen werden. Polen und seine Nachbarländer hätten mit ihren historischen Erfahrungen viel zur europäischen Idee beizusteuern – wenn sie denn wollen.