Illustration: Gabi Kopp

Psychisch Kranke sind krank, nicht gefährlich

von Wulf Rössler / 28.08.2016

Die Attacken dieses Sommers haben das Vorurteil zementiert, psychisch Kranke bildeten eine Gefahr. Das ist Unsinn, schreibt Wulf Rössler.Wulf Rössler ist emeritierter Professor für Psychiatrie an der Universität Zürich.  

Das ist doch nicht normal! Natürlich ist es nicht normal, wenn Menschen andere Menschen attackieren oder gar umbringen. Was aber gemeint ist mit dem Wort „normal“, ist die implizite Feststellung, dass diese Menschen doch wohl psychisch krank sind.

Lassen wir die schrecklichen Gewalttaten der letzten Monate an uns vorbeiziehen, so war regelmässig zu lesen, dass die Täter psychisch krank, angeschlagen oder gar in psychiatrischer Behandlung gewesen seien. Das legt einen Zusammenhang zwischen einer psychischen Erkrankung und einer damit verbundenen Gefährlichkeit nahe.

Prophylaxe gegen Gewalt

Die mutmassliche Gefährlichkeit ist eines der häufigsten Vorurteile gegenüber psychisch Kranken. In 35 Berufsjahren habe ich viele tausend Patienten behandelt, bin aber von weniger als einer Handvoll Patienten angegriffen worden. Und das vor dem Hintergrund, dass ich mit den Kränksten der Kranken zu tun hatte oder – in der Vorstellung der Bevölkerung – mit den Gefährlichsten der Gefährlichen. Jeder Polizist führt ein gefährlicheres Leben im Umgang mit sogenannten normalen Menschen.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist klar, dass es den gefährlichen psychisch Kranken so nicht gibt. Vor allem wenn verschiedene Faktoren zusammenkommen, erhöht sich das Gewaltrisiko, zum Beispiel, wenn eine Psychose, eine Substanzabhängigkeit und ungünstige Lebensumstände zusammentreffen. Für diese winzige Gruppe gefährlicher psychisch Kranker haben wir spezielle Einrichtungen. Dabei geht es nicht darum, diese Menschen einfach wegzusperren. Sie müssen behandelt werden. Eine gute Behandlung ist die beste Prophylaxe gegen weitere Gewalttaten.

Es ist höchste Zeit, mit der Mär vom gefährlichen psychisch Kranken aufzuräumen. Laut einer deutschen Statistik werden gerade einmal 1 Promille aller Straftaten von schuldunfähigen psychisch Kranken begangen, einschliesslich solcher Taten, die im Drogen- oder Alkoholrausch begangen werden. Vor den normalen Gewalttätern, deren Taten viel zielgerichteter sind, sollten Sie sich viel mehr fürchten!

Minderwertige Krankheit

Das Vorurteil von der Gefährlichkeit ist eine Erniedrigung für psychisch Kranke und für die, die um sie herum leben, für Partner, Freunde oder Nachbarn. Psychisch Kranke leiden an sich selbst. Sie bringen vor allem sich selbst ums Leben, nicht andere Menschen. Sie sind im Übrigen auch häufiger Opfer von Gewalttaten als die Allgemeinbevölkerung. Sie brauchen eine gute Betreuung, und zwar mitten in unserer Gemeinschaft. Die allgegenwärtigen Vorurteile verschlechtern ihre Genesungschancen.

In Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ steht der bedenkenswerte Satz über psychisch Kranke, dass diese Unglücklichen nicht nur eine minderwertige Gesundheit, sondern eine minderwertige Krankheit haben. Minderwertige Krankheit? Drei Viertel der Schweizer befürworten die Zwangshospitalisierung psychisch Kranker, ein Drittel rät schwangeren Frauen zur Abtreibung, wenn sie einmal psychisch krank waren, ein Viertel möchte psychisch Kranken das Stimmrecht entziehen, und kaum ein Schweizer würde jemanden, der einmal an einer schwereren psychischen Erkrankung gelitten hat, als Babysitter beschäftigen.

Albert Einstein wird der Satz zugeschrieben, ein Vorurteil sei schwerer zu zertrümmern als ein Atom. Dieser Aufgabe stelle ich mich gerade, und es wäre schön, wenn Sie nur einen Wimpernschlag lang darüber nachdenken würden, wie es in dieser Hinsicht bei Ihnen aussieht. Ein paar wenige gewalttätige psychisch Kranke stehen jährlich rund 1,5 Millionen Schweizern mit psychischen Problemen gegenüber, die auf Ihr Verständnis und Ihre Hilfe angewiesen sind.