(Bild: Emilio Morenatti / AP)

Rauchende Männer verlieren ihr Y-Chromosom häufiger als Nichtraucher

von Lena Stallmach / 15.12.2014

Das Y-Chromosom bestimmt das männliche Geschlecht. Gelegentlich geht es bei Zellteilungen verloren – besonders häufig bei Rauchern. Über die Folgen davon kann man vorerst nur spekulieren.

In der Regel trägt jede männliche Zelle ein Y-Chromosom. Schon seit langem beobachten Forscher aber, dass dieses in manchen Zellen fehlt, insbesondere bei älteren Männern. Dies wird meist für eine normale Alterserscheinung ohne klinische Bedeutung gehalten. Doch nun zeigt eine Studie, dass Raucher zwei bis vier Mal so häufig von einem Y-Chromosomen-Verlust in ihren Blutzellen betroffen sind wie Nichtraucher.

Das sei beunruhigend, sagt der Erstautor Jan Dumanski von der Uppsala Universitet in Schweden. Denn in einer früheren Studie hatten die Forscher gezeigt, dass Männer, denen Y-Chromosomen fehlen, früher sterben und ein höheres Risiko haben, an verschiedenen Krebsarten zu erkranken als Männer ohne Y-Verlust. Damit könne man womöglich erklären, warum Männer häufiger an nicht geschlechtsspezifischen Krebsarten erkrankten als Frauen, schrieben sie. Dies gilt offenbar auch für rauchende Männer im Vergleich zu rauchenden Frauen.

In der neuen Studie haben die Forscher nun untersucht, was den Chromosomen-Verlust verursachen könnte. Dafür analysierten sie die Daten von mehr als 6.000 Männern aus drei Studiengruppen, die seit Jahren regelmäßig untersucht werden, nach möglichen Einflussfaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum, Alter, Bluthochdruck, sportlicher Betätigung oder Ausbildung. Fehlte das Y-Chromosom in mehr als zehn Prozent der untersuchten Blutzellen, wurde dies als Y-Chromosomen-Verlust bezeichnet. Dies war nur bei 4 Prozent der Männer unter 70 Jahren der Fall, jedoch bei 16 Prozent der Männer über 70.

Bei Rauchern war das Risiko für einen Y-Verlust je nach Studiengruppe zwischen 2,4 und 4,3 Mal höher als bei Nichtrauchern – am höchsten war es in der Gruppe mit dem tiefsten Durchschnittsalter. Entscheidend war allerdings, wie viel und wie lange die Männer rauchten. Je mehr Packungsjahre ein Raucher aufbrachte, desto höher war der Y-Chromosomen-Verlust. Ein Packungsjahr wird berechnet aus den täglich gerauchten Packungen und der Anzahl der Jahre als Raucher.

Die gute Nachricht sei, dass der Effekt reversibel zu sein scheine, sagt Dumanski, denn ehemalige Raucher hätten ähnliche Werte wie Nichtraucher. Unklar ist, warum Männer in höherem Alter und Raucher im Besonderen das Y-Chromosom verlieren. Grundsätzlich ereignen sich solche Verluste im Zusammenhang mit einer ungleichen Verteilung der Chromosomen im Rahmen von Zellteilungen, wobei über den unmittelbaren Auslöser noch spekuliert wird. Die Forscher vermuten, dass es in höherem Alter zu mehr fehlerhaften Zellteilungen kommt und dass gewisse Inhaltsstoffe von Zigaretten dies ebenfalls begünstigen. Dabei können theoretisch auch andere Chromosomen verloren gehen; allerdings sei der Verlust des Y-Chromosoms offenbar weniger dramatisch als der Verlust von anderen Chromosomen, sodass die Zellen dies eher überlebten, erklärt Dumanski.

Die Forscher vermuten einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Verlust des Y-Chromosoms und der erhöhten Krebsrate. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass das Y-Chromosom aufgrund vorhandener Tumorsuppressorgene stärker in eine Immunreaktion involviert sein könnte als bisher angenommen. Bei fehlendem Y-Chromosom könnte eine Krebsentwicklung weniger gut unterdrückt werden.

Es handle sich um eine sauber durchgeführte Studie, die interessante Einsichten und Ansatzpunkte für weitere Studien liefere, sagt Friedel Wenzel vom Institut für Medizinische Genetik am Universitätsspital Basel. Allerdings bedürfe der Nachweis für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen fehlenden Y-Chromosomen und erhöhtem Krebsrisiko weiterer Forschungen.