Reality-Check mit Uber: Für meinen Fahrer bin ich ein Star

von Elisabeth Oberndorfer / 19.03.2015

Medienmenschen leben in einer Blase. Ob San Francisco oder Wien: Wer ein Stückchen Realität erleben will, nutzt eine der neuen Taxi-Alternativen. 

„Ich hoffe, Sie fliegen wohin, wo’s wärmer ist.“ Das Einzige, was schlimmer ist als Small Talk, ist Small Talk um 7 Uhr morgens. Als anständiges Mitglied der Gesellschaft bringe ich doch ein knappes „Nach San Francisco, Nordkalifornien“ über die Lippen. Da hakt der Uber-Fahrer nach, ob ich dorthin auf Urlaub fahre. „Nein, beruflich“, antworte ich höflich-prägnant in der Hoffnung, das Gespräch sei damit beendet. Nach mehreren Minuten komischer Stille stellt mir der Teilzeit-Chauffeur dann doch die unausweichliche Frage: „Was machen Sie denn?“ Mit einem leicht seufzendem Lächeln oute ich mich als Journalistin.

Das Ende des Small-Talks scheint immer unwahrscheinlicher, erst jetzt ist der Mann so richtig interessiert: „Oh, sind Sie denn etwa berühmt?“, will er mit einem peinlich berührten Lächeln wissen. Was, wenn die Frau auf der Rückbank ein Quasi-Promi ist, dürfte er sich wohl gefragt haben. Mindestens so peinlich berührt gebe ich mit einem „Ha, nein!“ Entwarnung, und ziehe den Fußweg zum Flughafen für eine Millisekunde ernsthaft in Erwägung.

Die unbequeme Wahrheit

„Ich lese keine Zeitungen oder Magazine“, erklärt mir der Lenker des schwarzen Wagens, warum er mich nicht kennen würde, wenn ich denn doch berühmt wäre. Oh, so schön ist das Leben außerhalb der Medienblase, denke ich mir. Die unbequeme Wahrheit ist nämlich, dass viele Journalisten in diesem Land sich tatsächlich als kleine (oder große) Berühmtheiten sehen. Abgesehen von den Branchenkollegen interessiert sich jedoch niemand für den Namen, der unter einem Artikel steht. Und auch wirklich niemand konsumiert so brav Medien – und natürlich nur die qualitativen – wie die Medienmeute selbst. Langsam nehme ich den gezwungenen Small Talk als bereichernde Konversation außerhalb meines eigenen Sumpfes wahr.

Uber, das ist ein Chauffeurdienst aus San Francisco, dessen Expansion nach Europa von vielen Ländern gebremst wird. Nur hierzulande hat die Taxi-Lobby die angebliche Bedrohung aus den USA noch nicht erkannt. Dass sein Arbeitgeber ursprünglich aus San Francisco stammt, ist meinem Fahrer nicht klar. Dass ich Uber aus ethischen Gründen in der kalifornischen Stadt boykottiere, und dort lieber in den Mitbewerber Lyft einsteige, weiß er auch nicht. Dass das Unternehmen, für das er in den Morgenstunden Menschen zum Flughafen bringt, 42 Milliarden US-Dollar wert ist, hat er höchstwahrscheinlich nicht erfahren. Schließlich beschwert sich der Lenker, dass er diesen Job nur vorübergehend macht: „Höchstens ein paar Monate. Ich müsste schon viel fahren, damit sich das auszahlt.“

Taxifahrt als Reality-Check

Auch in San Francisco ist die Fahrt mit einem der neuen Taxi-Services ein Reality-Check. Wer in der Tech-Community herumirrt, trifft selten auf Leute, die sich die absurden Mieten dieser Stadt nicht mehr leisten können. Wer in ein Privatfahrzeug eines Fremden einsteigt, wie es das Prinzip von Uber oder Lyft vorsieht, bekommt hingegen einen Einblick in die verdrängte Bevölkerung. Für viele ist die Personenbeförderung ein Zuverdienst neben dem Hauptberuf in einem der billigeren Vororte. Andere bauen sich gerade ihr eigenes Geschäft auf und finanzieren sich mit Uber die Selbstständigkeit. Für manche ist das Chauffieren zum Vollzeitjob geworden, weil es mehr einbringt als die Gastronomie. Viele erzählen vom San Francisco, wie es früher war, als man dort noch leben konnte. Von den Freunden, die wegen der Lebenshaltungskosten nach Berlin flüchten. Und von dem Haus, in dem man vor Jahrzehnten im Edelbezirk Pacific Heights gewohnt hat, was heute unleistbar wäre.

Ähnlich wie auf der Fahrt zum Flughafen Wien laufe ich dann rot im Gesicht an, wenn die Frage nach meinem Beruf kommt. Schließlich bin ich Teil des Öko-Systems, das die einstige Künstlerstadt entzaubert und zu einem geldgierigen Ort gemacht hat. Dann atme ich tief durch und versuche den Ausbruch aus der Tech- und Medienblase zu genießen.

Immerhin haben mein Uber-Fahrer und ich in den 15 Minuten auf der Autobahn voneinander gelernt. Ich wurde daran erinnert, wie Normalsterbliche Medien wirklich konsumieren. Und er weiß jetzt, dass Journalisten keine Stars sind. Ich wünschte, mehr Journalisten würden das wissen.