Schwarz-Rot-Gold und Rot-Weiß-Rot, die Farbenlehre von Pegida

von Moritz Moser / 03.02.2015

Auf dem Platz stehen ein paar hundert Leute. Sie rufen „Die Straße frei!“ und „Wir sind das Volk!“. Es ist nicht 1989, der Platz liegt nicht einmal in Ostdeutschland. An der Freyung, einem Platz im ersten Wiener Gemeindebezirk, liegen unter anderem der österreichische Verfassungsgerichtshof und das Schottenstift. Auf dem Brunnen dort, umgeben von Flussgottheiten, steht Austria, die Personifikation Österreichs, in all ihrer Wehrhaftigkeit: Mauerkrone, Wappenschild, Speer. Zu ihren Füßen schwenkt jemand die Flagge des Deutschen Kaiserreiches, schwarz-weiß-rot. Sie ist eines der Symbole, das kein Österreicher mit verfassungsorientierter Weltanschauung zu Hause herumliegen hat.

Die Reichsflagge fällt, ebenso wie ihre andere rechtspopuläre Schwester, die Reichskriegsflagge, nicht unter das Abzeichengesetz. Deshalb ist sie unter Personen mit weltanschaulich eher rechtslastigen und revisionistischen Interessen beliebt. Man kann sie auf Amazon bestellen und beim Aufruhrversand. Dass sie die selbsterkorenen Verteidiger des Abendlandes zu Füßen der österreichischen Nationalallegorie hochhalten, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Die vexillologischeDie Vexillologie ist eine Tochterwissenschaft der Heraldik und beschäftigt sich mit der Flaggenkunde. Varianz ist an diesem Abend überhaupt groß. Wie die meisten Österreicher kennen auch die vorgeblich ihrer Scholle so verbundenen Pegida-Demonstranten den Unterschied zwischen National- und Bundesdienstflagge nicht. Das Gros der herumwehenden Territorialkennzeichen in Rot-Weiß-Rot beinhaltet das Bundeswappen, ein Abzeichen, dessen Verwendung laut Wappengesetz eigentlich nur Organen des Bundes als Dienstflagge zusteht.

Das stört bei den alpenländischen Ablegern der ostdeutschen Kulturempörten ebensowenig wie die Anwesenheit einer Leider-Nein-Version der deutschen ­„Dienstflagge der Bundesbehörden“. Die Deutschen, anders als die Österreicher, ahnden den Missbrauch ihrer Bundesdienstflagge nämlich nachhaltig, weshalb auf Demonstrationen und in Stadien für gewöhnlich nur Pseudonachbildungen zu finden sind. Angesichts der Schwierigkeiten der heimischen Exekutive, dem Strafauftrag von Abzeichen- und Verbotsgesetz an diesem Abend umfassend nachzukommen, wäre ein Verstoß gegen deutsches Flaggenrecht aber wohl toleriert worden.

Die korrekte Version der deutschen Dienstflagge beinhaltet übrigens den Bundesschild, die falsche das Bundeswappen. Wie die Verwendung ausländischer Hoheitssymbole den Schutz der österreichischen Kultur sicherstellen soll, erschließt sich aber ebensowenig wie der Zusammenhang zwischen dem Deutschen Kaiserreich und dem vorgeblichen Demonstrationszweck.